Allwissenheit


Ich glaube meinen Gedanken am besten versinnlichen zu können, wenn ich in einer ungeheuerlichen Phantasie (die aber als Vorstellung von Gott ganz alltäglich und gemein ist) ein Wesen annehme, das mit Allwissenheit ausgestattet das Größte und Kleinste der Wirklichkeit genau kennt und diese unendliche Kenntnis auch gegenwärtig hat. Ich lasse dabei dahingestellt, ob man diese Allwissenheit noch Wissen nennen könnte, ob diese Allwissenheit nicht vielmehr, da sie neben dem unendlich vielen "Einzelnen" die Allgemeinbegriffe gar nicht brauchen könnte, eher die "Wirklichkeit" selber wäre. Für dieses allwissende Wesen nun wäre, wie mir scheint, zwischen Wirkung und Zeitfolge ganz und gar kein Unterschied. Wäre ich z. B. dieses allwissende Wesen, so würde für mich Wirkung und Zeitfolge in dem einen Begriff der Notwendigkeit zusammenfließen. Hätte ich z. B. in diesem Augenblicke alle Luft- und Windverhältnisse der ganzen Erde, dazu alle Wärme- und Feuchtigkeitsverhältnisse und alle Höhenunterschiede, so hätte ich auch alle meteorologischen Erscheinungen des nächsten Augenblicks als Notwendigkeit gegenwärtig und wüßte nicht zu sagen, ob der zweite Augenblick aus dem ersten als Zeitfolge oder als Wirkung hervorgehe. Hätte ich in diesem Augenblick das Weltganze vollkommen gegenwärtig, das heißt noch vielmehr ins Einzelne gegenwärtig als der Naturforscher etwa ein tierisches Gewebe unter der tausendfachen Vergrößerung seines Mikroskopes sieht, dürfte ich in diesem Augenblicke das Weltganze noch unendlich genauer überschauen, das Jagen und Wirbeln der Sonne, der Planeten und der Meteorsteine, das Glühen und Brodeln im Innern der Erde, das Schrumpfen und Stoßen der Erdrinde, das Haschen und Fliehen ihrer chemischen Elemente, das Drängen und Weichen ihrer Atome, das Peitschen und Blitzen und Donnern ihrer elektrischen Bewegungen, das Werden und Sterben des Lebendigen und dazu die ererbten und gewohnten Gleise aller Gehirne: wahrhaftig, mir wäre der Weltzustand des nächsten Augenblicks nicht weniger gewiß und nicht anders gewiß, als mir die nächste Sekunde in der Zeitfolge gewiß ist.

Aus solchen Phantasien heraus mögen so große Denker wie Hume und Kant zu ihren großen Irrtümern gekommen sein; Hume glaubte alle Wirkung auf Zeitfolge zurückführen zu können, Kant doch wohl alle Zeitfolge auf eine Wirkung, auf die Wirkung des menschlichen Verstandes; uns bestärkt die vorgebrachte Phantasie in der Resignation, weder das Wesen der Wirkung, noch das der Zeitfolge zu kennen und nur zu ahnen, dass sie zwei menschliche Worte für dieselbe übermenschliche Tatsache sind. Vielleicht ist der Weltzustand des Augenblicks der Raum, und die Änderung, die der Weltzustand des nächsten Augenblicks heißt, nur die Bewegung des Raums in der vierten Dimension, der Zeit. Und vielleicht ist diese tiefsinnige Betrachtung nur eine Reihe klingender Worte, und es wäre wertvoller, ein Weizenkorn zu düngen, als solche Betrachtungen anzustellen.

Eines aber kann die Skepsis nicht überschreien, die Entdeckung nämlich, dass in dieser undurchbrechlichen Kette der Notwendigkeit, mag sie nun Wirkung oder Zeitfolge heißen, weder die menschliche Sprache, noch die Erscheinung einer logischen Folge irgend welchen Platz habe. Man muß es sich so klar wie möglich machen, dass jene phantastische Allwissenheit alle Dinge zugleich wüßte, also unmöglich daneben noch Begriffe oder Worte von ihnen haben könnte, dass jene Allwissenheit ebenso alle Änderungen und Bewegungen zugleich wüßte, also unmöglich daneben noch ihre hübschen Klassifikationen besitzen könnte, die sogenannten Naturgesetze. Die Allwissenheit hätte also weder Sprache noch Wissenschaft; natürlich, sie wäre ja die stille Natur selbst. Die Allwissenheit besäße Notwendigkeit; Gesetzmäßigkeit wüßte sie nicht, weil Gesetzmäßigkeit im All nicht ist.

Wenn nun ein allwissendes Wesen zwischen den Polen der Welt keine andere Notwendigkeit fände als die der Wirkung oder der Zeitfolge, so müssen wir uns verlegen weiter fragen, was es mit der logischen Schlußfolge auf sich habe, der die Leute ebenfalls den Charakter der Notwendigkeit beilegen.  


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