Zeiten


Die Vergleichung zwischen dem Zeitpunkt des Redenden und seinem räumlichen Standpunkt, der ihn in die Mitte von rechts und links, oben und unten, vorn und hinten stellt, bringt mich nun — bevor ich weiter gehe — zu der Beobachtung, dass danach es auch ein Zufall genannt werden muß, wenn gerade die Kategorie der Zeit sich am Verbum so außerordentlich reich entwickelt hat, während die Kategorie des Raums ziemlich formlos durch Adverbien bezeichnet wird. Wir dürfen uns durch den geistigen Zwang nicht irre machen lassen, welchen unsere bekanntesten Sprachen auf uns ausüben; noch weniger dürfen wir es als selbstverständlich hinnehmen, dass man das Verbum um seiner entwickelten Zeitformen willen im Deutschen "Zeitwort" genannt hat. Die Sprachentwickelung hätte ebenso gut den entgegengesetzten Weg nehmen können, nämlich so, dass z. B. die Richtung nach vorn und hinten durch besondere, unseren Zeitformen entsprechende Raumformen des Verbums ausgedrückt worden wäre, dass die Begriffe der Vergangenheit und der Zukunft durch eine genauere Ausbildung der Adverbien "früh" und "spät" bezeichnet würden. Entspricht doch sogar in den bestehenden Sprachen die Möglichkeit, diese Adverbien zu steigern (früher, später) in mancher Beziehung den komplizierteren Zeitformen von Vergangenheit und Zukunft.

Wenn ich hier wie an vielen anderen Stellen die Ausbildung unserer grammatischen Kategorien als ein Werk des Zufalls hinstelle, so will ich damit natürlich nur sagen, dass die philosophische Begründung unserer Grammatik ein Irrtum sei. Diese philosophische Grammatik denkt ebenso wie Hegel, der alles Wirkliche vernünftig findet, weil es ist. Etwas Anderes ]st es, die gegenwärtige Kultur Europas möglichst historisch zu erklären, etwas Anderes sie als logisch notwendig beweisen zu wollen. Die Sprache ist ein Teil dieser Kultur. Notwendig im Sinne der Naturwissenschaft, kausal notwendig ist natürlich auch in meinen Augen jede Sprachform, jedes Wort, jeder Laut; notwendig nur in dem Sinne, dass jede Veränderung eine notwendige Folge vorangegangener Veränderungen war. Wie logische Notwendigkeit überhaupt ein  Scheinbegriff ist, so ist auch der Lautwandel, die Wortbildung und die Formenentwickelung nicht logisch notwendig, sie sind alle im Verhältnis zu der Welt der Möglichkeiten nur zufällig. Notwendigkeit ist nicht Gesetzmäßigkeit.

In unserem besonderen Falle ist auch der Grund, weshalb gerade die Zeitverhältnisse sich formelhaft gestalten konnten, während die Raumverhältnisse immer besonders angegeben werden müssen, leicht einzusehen. Wir wissen, dass der Raum sich nach drei Dimensionen erstreckt, zu denen dann die Zeit die vierte Dimension darstellt. Die Zeit verläuft in einer einzigen Richtung, und es war sehr viel leichter, diese einzige Richtung nach ihren Verhältnissen durch bloße Verbalformen darzustellen, als die komplizierten Verhältnisse der drei Raumrichtungen. Eine Linie ist leichter zu messen als eine Fläche oder gar ein Körper. In Urzeiten der Sprache, als das Verbum seine Zeitformen zu bilden anfing, konnte ganz gewiß schon jeder Knabe eine einfache Richtung mit deutlichen Zeichen sprachlich ausdrücken, dass z. B. von der Hütte bis zu seinem augenblicklichen Standpunkt zwanzig Schritte seien und dass der Baum vor ihm noch zehn weitere Schritte entfernt sei. Der Vater des Knaben aber, und wenn er ein Gelehrter des Stammes war, hätte damals noch nicht den Kubikinhalt der Hütte oder den des Baumes sprachlich ausdrücken können.


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