Zeit und Redeteile


Und dass uns die Verbindung der Zeitverhältnisse mit den Tätigkeitsbegriffen Sprachgebrauch oder bequem geworden ist, das ist wohl wieder nur ein sprachgeschichtlicher Zufall. Es war nicht notwendig, den Satz aus Subjekt und Prädikat oder z. B. aus Substantiv, Kopula und Adjektiv zusammenzustellen; es war darum auch nicht notwendig, den Zeitbegriff an das Prädikat (das Verbum oder die Kopula) zu knüpfen. Nach Steinthal herrscht im Jakutischen der substantivische, vom Subjekte ausgehende Satzbau vor, im Grönländischen tritt Subjekt und Prädikat hinter das Objekt zurück. Mit der Tatsache, dass die Sonne leuchtet, muß also auch das Zeitverhältnis des Leuchtens im Jakutischen an die leuchtende Sonne, im Grönländischen an die beleuchtete Erde geknüpft werden. Und gäbe es solche Sprachen nicht, so läge doch kein Grund vor, sich solche Sprachen nicht vorzustellen.

Es war nicht notwendig, dass die Zeitverhältnisse gerade an dem Prädikate bezeichnet wurden; es war nicht notwendig, dass gerade das Verbum, also der Redeteil für Tätigkeiten, zum Zeitwort sich entwickelte. Nun hatte aber das Verbum schon den Dienst übernommen, die subjektiven Verhältnisse mit auszudrücken, ob nämlich der Sprechende oder der Angesprochene oder ein Dritter etwas getan habe. Das Verbum besaß gewissermaßen schon einen Zapfen, um welchen sich ein Zeiger herumdrehte und auf persönliche Beziehungen hinwies; da konnte leicht ein zweiter Zeiger angegliedert werden, der bald nach vorn, bald nach hinten wies und so Zukunft und Vergangenheit bezeichnete. Alle Zeiten sind, wie wir gesehen haben, relativ in bezug auf eine Gegenwart, welche es nicht gibt, welche wir uns nur als einen starren Punkt vorstellen. Der Zapfen, um welchen der Zeiger sich dreht, wäre ein unschönes, aber richtiges Bild für diese Gegenwart; er gibt für den Zeiger den ruhenden Punkt ab, mag die Uhr dabei im Raum umhergetrieben werden oder in der Zeit fortbestehen.

 

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