Vorsilbe "er"


Die Vorsilbe er- ist in so vielen Fällen identisch mit der älteren Vorsilbe ur-, dass wir annehmen können, sie sei entweder aus ihr entstanden oder es habe sie einmal in irgend einer Übergangszeit eine Art Volksetymologie gleich gesetzt. Die Vorsilbe ur- hat in Neubildungen, wie sie namentlich in der übermütigen Sprache der Studenten entstehen, den Sinn einer Verstärkung angenommen, wie in urgemütlich, urdumm usw.; diese Verwendung stammt vielleicht von Worten wie: uralt, urdeutsch, dann Urbild, Urvolk, Urmensch, Ursprache, Urkraft usw., lauter Neubildungen, in denen, wie im ersten dieser Worte, die Vorsilbe ur- das hohe Alter einer Sache (etwas anders hat sich Ursache entwickelt) anzeigt. Den Sinn der Herkunft aus uralter Zeit begreifen wir, wenn wir erfahren, dass ur- (gotisch uz) im Althochdeutschen auch als Präposition im Sinne von aus gebraucht wurde. Die wenigen alten Worte, die mit ur zusammengesetzt sind, verraten gewöhnlich für ein aufmerksames Ohr den Sinn der Herkunft, der denn auch in der abgeleiteten Vorsilbe er- herausklingt. Urkunde können wir recht gut auf Erkundschaft oder Erkenntnis zurückführen, Urlaub auf Erlaub, Ursprung auf Ersprung, Urteil auf die Entscheidung, die das Gericht erteilt. Dieser Sinn einer Bewegungsrichtung von innen heraus, häufig von unten nach oben, gewissermaßen zum Sprechenden hin, ist allerdings verblaßt, wobei zugleich ein Tonloswerden der Vorsilbe stattfand; denn ur- ist betont, er- ist tonlos. Suchen wir nun unter den vielen Bedeutungen der Vorsilbe er- nach derjenigen, welche unserem Sprachgeiste die nächste ist,welche wir beim Aussprechen der Vorsilbe schon empfinden, bevor noch das Stammwort ausgesprochen ist, so scheint mir kein Zweifel daran bestehen zu können, dass diese Bedeutung in der Bewegung an den Sprechenden heran, in der Ergreifung eines materiellen oder geistigen Besitzes zu finden sein wird. Fängt jemand einen Satz an mit den Worten: "Ich habe mir das er . . .", so erwarte ich als Schluß irgend ein Verbum, den Ausdruck irgend einer Tätigkeit, durch welche "das" in den Besitz des Sprechers überging. "Ich habe mir das: erjagt, erklettert, erlauscht, erlauert, erschlichen, erbeten, erbettelt, erdrungen (Goethe), erfochten, erfischt, erkargt, erschmeichelt, ertrotzt, ersungen, ersessen, erwehrt (Schiller), erlogen, erträumt." Es gibt kaum ein Tätigkeitswort, welches nicht so analogisch, sei es auch nur im Scherze, mit er- verbunden werden könnte. Wir können uns Geschichten erfinden, die damit enden, dass ein Vermögen, eine Stellung ein Titel, was man will, erradelt oder erliebt, erstottert oder erschrieen worden ist. Wo ein intransitives Verbum in Verbindung mit er- transitiv wird, handelt es sich immer um den Wunsch oder die Tatsache einer Besitzergreifung, einer Bewegung nach dem Sprechenden hin, wie in: erharren, ersehnen, erstreben. Allen diesen neuern Bildungen stehen ältere Zusammensetzungen mit er- gegenüber, die entweder den Beginn des Zustandes bezeichnen, den sonst das unzusammengesetzte Verbum ausdrückte, wie in: ergrünen, erglänzen; oder das Ergebnis, besonders das tödliche Ergebnis eines sonst gleichgültigeren Geschehens, wie in: erfrieren, ertrinken. Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich diese beiden Wirkungen der Vorsilbe er-, nämlich die des Anfangs einer Handlung und die des Endresultats, zusammenfasse in dem Sinne des Interesses für den Sprechenden, beziehungsweise desjenigen, auf dessen Standpunkt der Sprechende sich stellt. Es ist das Ergebnis einer Handlung dasjenige, was ein Geschehen hergibt, was es mir herausgibt, was ich mir herausnehme aus einer Tatsache. Sehr merkwürdig ist es. nun, wie die Vorsilbe ver-, jetzt der Gegensatz zu er-, nur langsam in diesen Gegensatz hineinwuchs. Noch in der älteren neuhochdeutschen Sprache sagte man analog zu den eben erwähnten Worten z. B. erarmen, erhungern, wo wir jetzt verarmen, verhungern sagen müssen; provinziell wird dagegen jetzt noch vielfach ver- im Sinne von er- gebraucht. Aber es hat sich namentlich in metaphorischer Anwendung ein schroffer Gegensatz herausgebildet; wir müssen sagen erhöhen und vertiefen, erweitern und verengern. Der Sprechende stellt sich also gern auf den günstigsten, auf den ehrenvollsten Standpunkt; er steht auf dem hohen, auf dem weiten Standpunkt. Was erhöht, was erweitert wird, das scheint sich ihm von innen heraus, von unten nach oben auf ihn zu zu bewegen; was vertieft, was verengt ist, bewegt sich von ihm hinweg und behält diese Sprachform auch dann, wenn z. B. die Vertiefung nicht ein verächtliches Loch in der Erde, sondern metaphorisch eine größere Gründlichkeit bezeichnet.


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