Syntax des Redners


Welchen Wert und welche Bedeutung hat die Syntax für uns, wenn wir eine Rede anhören? Der Abgeordnete spricht eine Stunde über eine Gesetzvorlage, der Professor über eine neue Entdeckung, der Pfarrer über die Qualen der Hölle. Nehmen die Zuhörer einen Anteil an den Vorstellungen dieser Rede, sind sie an diesen Vorstellungen aus direktem oder indirektem Egoismus beteiligt, so Werden sie dem sogenannten Gedankengang des Redners folgen. Worin besteht dieser Gedankengang? Etwa in der Syntax seiner Rede? So wenig doch, will ich hoffen, wie der Kausalzusammenhang der Weltereignisse auf den Formeln beruht, welche Pedanten die logischen Gesetze genannt haben. So wenig als der Wert eines Bildes von seinem Rahmen abhängt. Der Gedankengang des einflußreichen Redners — den ich streng vom guten Redner oder dem Schwätzer unterscheide — zeichnet sich von dem Träumen des Schlafenden oder des einflußlosen Hin- und Herredens doch nur dadurch aus, dass er aus der Fülle der sich aufdrängenden, hin und her schießenden Assoziationen diejenigen auswählt und bequem zusammenstellt, die nach seiner Überzeugung oder seinem Interesse der Wirklichkeit entsprechen. Der Politiker erinnert an diejenigen nationalökonomischen Tatsachen, die für oder gegen den Gesetzentwurf sprechen, der Professor zeigt die nähern oder fernem Wirkungen einer neubeobachteten Naturerscheinung, der Pfarrer erregt Bilder von den Peinigungen, mit denen gehörnte Teufel die Sünder in der Hölle zwicken. Die Aufmerksamkeit wird allein durch die erregten Vorstellungen erweckt. Interessieren die Vorstellungen nicht, weil der Professor ernsthaft Anschauungen des vorigen Jahrhunderts vorträgt, weil der Politiker auf einem unmodernen Steckenpferde herumreitet, so werden die Zuhörer ebenso einschlafen wie unerweckte Menschen in der Kirche. Hören die Leute im Parlament, im Kolleg, in der Kirche dem guten Redner zu, trotzdem die von ihm geweckten Vorstellungen sie nicht interessieren, wirkt also die Rede als solche, so haben wir es mit einer Wirkung zu tun, die uns hier nichts angehen soll.

In diesem letzteren Falle, bei der eigentlich künstlerischen Wirkung einer interesselosen Rede, spielt die Syntax der gemeinsamen Sprache eine hervorragende Rolle. Welche Rolle spielt sie aber beim Anhören einer Rede, die ich einflußreich genannt habe, also einer Rede, die allein der Absicht der Sprache, von Mensch zu Mensch zu wirken, der Absicht der Suggestion entspricht? Ich will die Dinge nicht auf die Spitze treiben und will zugeben, dass die Syntax so gut wie die grammatischen Wortformen bei der bequemen Anordnung der Vorstellungsreihen ein wenig mithilft. Wie die Kasusformen und die Tempusformen ungefähr und nebelhaft es erleichtern, die einzelnen Begriffe aufeinander zu beziehen, so gibt es auch im Satzgefüge analogische Kategorien, die uns ungefähr mitdenken lassen: der Redner lege auf den einen Satz mehr Gewicht als auf den anderen, er fasse die eine Tatsache, was man so sagt, als Ursache der anderen auf usw. Aber eigentlich ist die Syntax für die Wirkung der Rede viel gleichgültiger, als man glaubt. Sie ist wie alle Sprachrichtigkeit beinahe nur von negativer Bedeutung. Wir werden auf die Syntax erst aufmerksam, wenn ein Redner allzu grob gegen ihre Gewohnheiten oder Regeln verstößt. Es wird uns aber — abgesehen von der ästhetischen Würdigung — gar nicht einfallen, uns darum zu bekümmern, ob der Redner innerhalb der großen Freiheit unserer syntaktischen Gewohnheiten seine Gedanken mit der kindlichen Einfalt eines Botokuden aneinanderreiht oder im üppigen Periodenstil eines französischen Akademikers. Die Syntax ist uns innerhalb dieser weiten Grenze so gleichgültig, wie die Kleidung des Redners innerhalb der Grenzen, die wir anständig nennen. Erst Ahlwardts zerrissene Hosen erregen Anstoß. Im übrigen kann der Redner erscheinen, wie er will. Und es ist bezeichnend, dass einer der besten, das heißt einflußreichsten Redner, die je gelebt haben, dass Fürst Bismarck im Sinne der Grammatiker ein schlechter Redner war, dass er geradezu oft die Regeln der Syntax umwarf, weil sein Nachsatz einfach sprachlich zum Vordersatz nicht paßte. Ganz köstlich ist es übrigens, dass die Grammatik diese Unverbindlichkeit der Syntax für die besten Geister längst bemerkt hat, dass sie sie sogar zu ihrem nicht geringen Schmerze bei den über alles berühmten homerischen Gleichnissen registrieren mußte und nun, wie für jede Ausnahme von ihren Regeln, auch für den Mangel an Syntax einen schönen syntaktischen Ehrennamen geschaffen hat. Die Grammatik befiehlt bei strengen Strafen Gehorsam gegen die Syntax; Ungehorsam ist aber dann eine neue Schönheit und heißt Anakoluthie, das heißt Nichtfolge.


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Seite zuletzt aktualisiert: 21.04.2006 
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