Stenographie


Wie wenig die Syntax zum Wesen der Sprache gehört, zur Verbindung und Mitteilung bequemer Vorstellungsreihen, kann man an der psychologischen Tätigkeit unserer Kammerstenographen sehen. Sie notieren mit voller Deutlichkeit doch im Grunde nur einige Lautgruppen, welche die entscheidenden Vorstellungen wachrufen; für die Bildungsformen der Worte und auch für die syntaktische Gliederung der Sätze haben sie ausreichende Zeichen. Man könnte mir einwenden, dass die strenge Gesetzmäßigkeit der Syntax sich gerade daran erweise; die Gesetzmäßigkeit zwinge den Stenographen, nachher dieselben Worte zu gebrauchen wie der Redner. Nein, das gute Gedächtnis des Stenographen spielt wesentlich mit, wenn er eine halbe Stunde nach dem Stenographieren sein Stenogramm umschreibt. Ein Mann mit noch besserem Gedächtnis könnte die Rede vielleicht aus dem Kopf nachschreiben. Dasjenige Gedächtnis, welches die ursprüngliche Rede aus den flüchtigen Zeichen wieder herstellen läßt, ist freilich kein anderes, als das Sprachgedächtnis selbst, als die in unserem Gehirn vorhandenen syntaktischen Kategorien, als die durch ungefähre Analogie entstandene Gewohnheit, unklare Gruppen von Satzbeziehungen durch gewisse, ihrem Sinne nach unbestimmte Formen auszudrücken. Der Kammerstenograph entlastet aber fast nur sein Sprachgedächtnis für grammatische und syntaktische Formen; dieses Gerippe hat er nachher sichtbar vor sich und vervollständigt es zu einem lebendigen Gebilde durch sein Gedächtnis für die Situation des Parlaments, für die Seelensituation des Redners. Das Nichtsagenswerte, die Kasus- und Tempusformen und die Konjunktionen hat er fixiert; das Sagenswerte, die Wortstämme von Adjektiv, Verbum und Substantiv ergänzt er oft aus dem Situationsgedächtnis. Anders bei einer Debatte um Branntwein, anders bei einer um die Schule. Die Kammerstenographie — nach der verbreitetsten Methode — schreibt nicht, wie wir sprechen. Auch nicht, wie wir hören. Sie ist eine mnemotechnische Hilfe; sie erinnert durch die Zufälligkeiten der Syntax (die für jede Sprache anders unbestimmt sind) an den Gedanken gang. Auch der beste Stenograph könnte eine rasche Rede kaum in einer Übersetzung niederschreiben.

Haben wir uns erst an den Gedanken gewöhnt, dass die Bedeutungen der syntaktischen Satzgliederung ebenso unbestimmt sind wie der Sinn der Kasus- und Tempusformen, haben wir nun ferner erfahren, dass wir beim Aufnehmen einer Rede nur mit halbem Ohr auf diese formalen Teile der Worte und Sätze hinhören, so fehlt uns nicht mehr viel zu der Einsicht, dass die Analogiebildungen der Syntax mit allen ihren kleinen Gesetzen nur Zufälligkeiten sind, Zufälligkeiten unserer Sprache, die gerade wir ererbt haben. Das Gefüge des zusammengesetzten Satzes braucht sich von dem einfachen Satze nicht mehr zu unterscheiden als der Kleiderstoff, welchen der Verkäufer faltenreich vor der Kundin ausbreitet, von demselben Kleiderstoff im Ballen. Für den, der mit den begleitenden Umständen Bescheid weiß, ist die flüchtigste Tagebuchnotiz ebenso inhaltreich und deutlich, wie der aus ihr entwickelte einfache Satz und wie die reichere Periode. Wenn ich mir ins Tagebuch schreibe "gestern Erbförster G.", so ist das für mich ebensoviel wie für einen Eingeweihten die Mitteilung "ich habe gestern abend im Theater bei Baumeister meinen Freund G. gesprochen". Einem ganz Fremden könnte ich die Sache ebenso genau durch Hinzufügung weiterer Nebenumstände berichten, ohne die Grenzen des einfachen Satzes zu überschreiten. Manche Sprachen können es gar nicht anders. Ich kann aber, indem ich meine Redeweise mehr und mehr der in Romanen üblichen Schriftsprache nähere, ein Satzgefüge daraus machen: "Als gestern abend der vortreffliche Baumeister, welcher als Gast aus Wien, wo er sonst wirkt, zu uns gekommen ist, im Neuen Theater den Helden im Erbförster spielte, dem aufregenden Trauerspiele Otto Ludwigs, traf ich im Foyer meinen einzigen Freund G., dem ich alle meine Gedanken mitzuteilen gewöhnt bin und der mit seinem herzlichen Anteil die Entstehung meines Werkes von Stufe zu Stufe verfolgt, als ob für ihn auf der Welt nichts Wichtigeres bestünde; da die Verhältnisse es gestatteten, hatte ich die Freude, ihn einige Minuten zu sprechen." Sollte jemand mein Denken so genau kennen wie ich selbst, so würde er aus den drei Worten der Tagebuchnotiz den vollständigen Inhalt dieser Periode erfahren, nicht etwa erraten, wenigstens nicht in einem anderen Sinne erraten, als auch die breiteste Ausdrucksweise bloß erraten läßt. Je nachdem die einzelnen Vorstellungen im anderen schon vorhanden sind oder erst geweckt werden sollen, müssen mehr oder weniger Begriffe in einer bequemen Wortfolge gebraucht werden. Die syntaktische Gliederung aber ist für den Erfolg so gut wie gleichgültig.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 18:01:25 •
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