Sein = heißen


Noch deutlicher liegt der Fall, wenn von dem Individuum einer Gattung ausgesagt wird, welcher Art sie zugehöre, das heißt, welchen Unternamen sie trage. Dieses Lebewesen heißt eine Pflanze, diese Pflanze heißt ein Baum, dieser Baum heißt eine Eiche, diese Eiche heißt eine Sumpfeiche, diese Sumpfeiche heißt eine amerikanische Sumpfeiche, diese amerikanische Sumpf eiche ist zwanzigjährig, diese zwanzigjährige amerikanische Sumpfeiche ist mein.

In den beiden letzten Urteilen habe ich für "heißt" noch "ist" belassen, weil es ungewohnt klingen mag, Ziffern und Eigentumsbezeichnungen als Wortfragen zu behandeln. Und doch ist es keine direkt haftende Eigenschaft dieser Sumpfeiche, dass seit ihrer Entstehung die Erde zwanzig Umdrehungen um die Sonne gemacht hat; es ist ein völlig äußerliches, hervorragend sprachliches Merkzeichen. Und noch weniger ist es eine Eigenschaft dieses Baums, "mein" zu sein; der Eigentumsbegriff gehört durchaus zu meiner Begriffswelt, zu meinem Sprachschatz. Wir sagen also weiter: diese amerikanische Sumpf eiche heißt zwanzigjährig, diese zwanzigjährige amerikanische Sumpfeiche heißt mein.

So dürfte es auch nicht mehr paradox erscheinen, wenn auch die sogenannten Eigenschaften schließlich als Wortfragen erkannt werden. Die rote Farbe des Blattes ist freilich meine Empfindung; aber sowie ich diese Empfindung merken will, sowie ich sie als Prädikat in Bereitschaft haben will, muß ich eine Anzahl ähnlicher Empfindungen oberflächlich zusammenfassen, muß für das à-peu-près ihrer Ähnlichkeit ein Wort erfinden, das Wort "rot" eben muß aus der Gegenwartswelt in die meines Sprachschatzes eintreten. Ganz ebenso mit dem Worte "Blatt". Und so ist es auch am Ende eine Wortfolge und kein Sachurteil, wenn ich sage: "Meine Eiche ist jetzt rotblättrig." Sie heißt rotblättrig.

Die wahre Kopula aller Urteile oder Sätze ist also nicht das Wort "sein", sondern das Hilfszeitwort "heißen".

Man mag die Worte demnach fügen, wie kunstvoll man will, was herauskommt, wird demnach niemals etwas Anderes sein als — Sprache.

 

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