Plural


Selbst die Sprachform der Mehrzahl, die doch eine viel klarere Bedeutung hat als Kasus oder gar Geschlecht, ist nicht so bestimmt, wie man glauben sollte. Alte Mehrheitsangaben wie "Schock", "Mandel", "Dutzend" werden in vielen Sprachen singularisch gebraucht. Unser "Geschwister" war noch bis ins 18. Jahrhundert hinein der Singular "das Geschwister". Die Bezeichnung der christlichen Feste: Ostern, Pfingsten, Weihnachten sind Singulare geworden, ebenso das Wort "Buch", das Althochdeutsch (Buchstaben) ein Plural war. Umgekehrt wird im Englischen "people" als Plural gebraucht, und das gleichbedeutende altdeutsche "liut" hat sich auch formell in den Plural "Leute" verwandelt. Wir empfinden eine ganze Anzahl sehr häufig gebrauchter Worte wie "drei Fuß", "zehn Mark", "20 Pfund", "tausend Mann" als Singulare, wenn auch einzelne davon ehemalige Plurale sein mögen. Und gerade in diesen Fällen ist doch die Vorstellung der Mehrzahl durch das vorangestellte Zahlwort am deutlichsten gemacht, ohne dass die Sprachform der Mehrzahl nötig wäre.

Der Sinn dieser Sprachform wird auch dadurch unbestimmt, dass sie zwei ganz verschiedene Mehrheiten des Begriffs bezeichnen kann, nämlich entweder mehrere Dinge derselben Art oder mehrere Arten desselben Dings. Sind mehrere Dinge derselben Art gemeint, so liegt die Mehrzahl eigentlich schon im Begriffe selbst. Es ist auch im Gedanken vollkommen gleich, ob ich sage: "Der Mensch ist sterblich" oder "die Menschen sind sterblich". Es ist darum eine verkehrte Ausdrucksweise, wenn man ewig die Regel wiederholt, dass Stoffnamen keine Mehrzahl haben. "Der Sand" ist dem Sinne nach eine Mehrzahl. Umgekehrt empfinden wir die Namen von Krankheiten wie "Blattern", "Masern" usw. als eine Einzahl. Wo wir aber Stoffe nach Arten unterscheiden, da können wir auch sprachlich eine Mehrzahl bilden z. B. "die Weine seines Kellers".



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 19.04.2006 
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