Mythologie im Transitivum


Die gebildeten Leute, die Schullehrer und andere Pedanten nennen es einen Sprachfehler, wenn das Kind seine lebendige Sprache anders spricht, als die tote Grammatik es vorschreibt. Der Berliner Junge soll nach ihnen mir und mich "verwechsein". Ebenso gut könnte man von einer Rosenvarietät sagen, dass sie gelb und rot verwechselt habe.

Ein Sprachfehler aber ist es und ein vernichtender Sprachfehler, dass unsere Muttersprache, unsere Volkssprache der Erkenntnis der besten Köpfe immer um Jahrzehnte, in manchen Dingen um Jahrhunderte nachhinkt. Und es ist eine viel erklärende Lächerlichkeit, dass es immer Schriftsteller gibt, die zu unserer Zeit für modern gelten, die aber mit den tieferen Begriffen ihrer Sprache bei Cicero, bei Luther, bei Kant oder bei Hegel stehen geblieben sind. Es hat an die tausend Jahre gebraucht, bevor die Einsichten des Aristoteles aufhörten, technische Ausdrücke zu sein, und schnell noch in die neuen Volkssprachen aufgenommen wurden. Es wird vielleicht wieder so lange brauchen, bevor die Einsichten von Newton — über die wir ja im großen und ganzen noch nicht hinausgekommen sind — ein lebendiges Wissen der Muttersprache sein werden.

Ich bin natürlich nicht imstande, aus der Sprache hinauszuspringen. Ich kann aber von fern auf einige Beispiele hinweisen, in denen unser Sprachbau unserer Erkenntnis so wenig mehr dient, wie das Gasröhrennetz einer Stadt mit ausschließlich elektrischer Beleuchtung.

Offenkundig ist das Beispiel von der Sonne, die unsere Sprache immer noch sich um die Erde drehen läßt. Man sagt immer noch "die Sonne geht auf" anstatt "die Sonne ist erreicht". Nun sieht man sofort, dass der Ausdruck, der bis auf Kopernikus den geglaubten Tatsachen entsprach, seitdem ein bildlicher geworden ist. Und man könnte mir einwerfen, dass solche Sprachbilder alltäglich seien. Wenn wir auf einem Boote den Rhein abwärts fahren, so scheinen sich die Ufer gegen uns zu bewegen, und wir können ebenso gut sagen "Rüdesheim ist erreicht" wie "Rüdesheim erscheint". Aber es gibt unzählige Fälle, in denen der Gebrauch des intransitiven Verbs anstatt des transitiven nicht ein Bild ist, sondern ein Unvermögen der Sprache, sich auf der Höhe unserer ahnenden Erkenntnis zu erhalten.

Wir nehmen z. B. seit Locke und Kant, noch allgemeiner seit Helmholtz an, dass die Eigenschaften der Körper (z. B. Farben, Gerüche usw.) nicht dinglich an ihnen haften, sondern Bewegungserscheinungen sind, die erst in unseren Organen durch die berühmten spezifischen Sinnesenergien, also subjektiv, zu Tönen, zu Farben, zu Gerüchen usw. werden. Wir dürften also seit Locke oder doch seit Helmholtz nicht mehr sagen "der Baum ist grün", sondern "der Baum grünt mich". Ich schlage die Änderung nicht vor. Doch mag man ruhig seine Witze darüber reißen und lachen. Der Vorgang, dass die Baumkrone meine Netzhaut grün affiziert, ist derselbe, wie wenn das Feuer meine Haut wärmt. Was ich sagen wollte, ist das, dass die Eigenschaften der Körper, die nach der alten Sprache durch die Kopula mit einem Subjekt verbunden werden oder (was dasselbe ist) von ihnen in intransitiven Verben ausgesagt werden (der Baum grünt, die Blume duftet), dass diese Eigenschaften, sage ich, nach der neueren Einsicht durch transitive Verben ausgedrückt werden müßten. Der Baum grünt mich, die Rose duftet mich, wie mich das Feuer wärmt und wie mich der Esel lächert, der darüber lacht.

Vielleicht noch seltsamer mag es erscheinen, wenn ich auch in unseren gewohnten transitiven Verben einen uralten, für das Denken verhängnisvollen Sprachfehler entdecke. Wir glauben gar nicht anders sagen und denken zu können als: das Wasser treibt das Mühlrad, der Magnet zieht Eisen an, der Regen befruchtet die Pflanzen. Hier vermag ich nicht einmal die Sprache künstlich zu einem anderen Ausdruck zu zwingen. Und doch liegt in allen diesen transitiven Verben der Begriff des Bewirkens und ist in diese Verben zu einer Urzeit hineingekommen, als die Kausalität noch ein ganz mythologischer Begriff war. Man sagte damals: "Apollo schießt die Pestpfeile, Poseidon regt das Meer auf, die Parze hat diesen Menschen getötet, das Wasser treibt das Mühlrad." Heute sucht man hinter den transitiven Verben nicht mehr eine Gottheit, wohl aber einen nackteren Fetisch, den Kraftbegriff. Und solange kein Gelehrter weiß, was Kraft oder Energie oder Bewirken oder Kausalität ist, solange steckt die Mythologie im Transitiven. Und weil wir dies wissen, darum haben wir kein Recht mehr, es zu brauchen.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 18:44:40 •
Seite zuletzt aktualisiert: 20.04.2006 
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