Modi


Da wir auf dem Wege der Begriffe von räumlichen zu den Begriffen von zeitlichen Vorstellungen auch noch den Übergang von den zeitlichen zu kausalen und verwandten Vorstellungen einmal in Betracht gezogen haben, so muß besonders darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Übertragung der Zeitformen des Verbunis auf die Modusbegriffe der Möglichkeit usw. nicht ganz in das Gebiet der Metapher fällt (z. B. si je pouvais, vgl. auch III. S. 72). Es ist ja richtig, dass nur die Gegenwart uns wirklich ist, dass umgekehrt nur ein wirklicher Vorgang uns entweder gegenwärtig scheint oder doch als Vergangenheit oder Zukunft unmittelbar auf die Gegenwart bezogen wird. Es ist eine uneigentliche Verwendung, wenn wir die Sprachformen der Zukunft für einen möglichen Vorgang gebrauchen, wenn manche Sprachen namentlich die verneinten Bedingungen, also die Unmöglichkeiten in Zeitformen der Vergangenheit ausdrücken. Man wird sogar an lebhaft gestikulierenden Personen bemerken können (ich machte die Beobachtung an ga.lizischen Juden), dass sie eine räumliche Metapher anwenden und sowohl Möglichkeit als Unmöglichkeit mit den Händen von der räumlichen Gegenwart wegschieben. Die Möglichkeit, das "vielleicht" wird dadurch räumlich, dass zunächst die Schultern und dann die Hände nach oben fahren, gewissermaßen nach einer möglichen Zukunft; die Überzeugung der Unmöglichkeit wird durch ein Abwinken, ein Beiseiteschlagen mit der rechten Hand ausgedrückt. Wo aber solche Modusbegriffe ihre bestimmten Formen ausgebildet haben, wie besonders im Lateinischen und Französischen, da haben diese komplizierten Vorstellungen eben Formen gefunden, die nicht mehr metaphorisch sind. Wohl sind die alten Zeitformen der Verben benützt, aber sie sind auch lautlich zu Modusformen differenziert. Im Deutschen ist der Sprachgebrauch darin schwankend, in Norddeutschland logischer als in Süddeutschland. Das Englische kennt besondere Modusformen so gut wie gar nicht.

Was dennoch an der Benützung der Zeitformen zu Modusformen metaphorisch ist, insbesondere aber der metaphorische Gebrauch der Zeitadverbien als Kausalbegriffe führt sofort zu den letzten Fragen menschlicher Erkenntnis. Ist der Ursachbegriff, wie die konsequentesten Skeptiker gelehrt haben, wirklich nur in den Zeitbegrifi hineingedacht, wissen wir wirklich von den Erscheinungen nur, dass sie nacheinander sind, nicht aber, dass die folgende durch die vorhergehende ist, dann handelt die Sprache weise daran, den Grund nur durch Zeitadverbien auszudrücken, und am allerweisesten der österreichische Sprachgebrauch, der mit unbewußter Skepsis "nachdem" rein kausal gebraucht. Nicht nur der Realgrund, sogar der Erkenntnisgrund wird in Österreich mit einem "nachdem" angekündigt. "Nachdem es geblitzt hat, ist ein Gewitter da." Hume könnte zufrieden sein. Und man darf sagen, dass diese raunzende Art, die sich scharfblickend, aber untätig mit der Kritik begnügt, recht gut mit dem Charakter der Deutschösterreicher zusammenstimmt.


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