Logik und Syntax


Will ich versuchen, die Ergebnisse der logischen Betrachtung mit denen der syntaktischen Betrachtung zu vereinigen, so kann ich freilich über eine höchst allgemeine Ausdrucksweise nicht herausgelangen. All unser vielgerühmtes Denken oder Sprechen ist nichts Anderes als eine Besinnung auf unsere Sinneseindrücke und deren Erinnerungsbilder. So wenig alle Gesetze der Logik darüber hinausführen können, so wenig Urteile und Schlüsse über die Vorstellungen und Erinnerungen hinausgelangen, welche in unsern Begriffen enthalten sind, so wenig ein Urteil mehr leisten kann als die bequeme Ordnung der Merkmale eines Begriffs: ebenso wenig kann die Syntax oder das Satzgefüge unserer Sprache mehr leisten, als die Worte zum Behufe einer bequemen Assoziation ordnen, in denen die Erinnerungen an unsere Sinneseindrücke aufgespeichert liegen. Die syntaktischen Regeln sind Analogien oder Sprachgewohnheiten, die uns die schlimmsten Umwege ersparen, die uns innerhalb weiter Grenzen den richtigen Assoziationen nähern. Immer aber ist es einzig und allein unser individuelles Gedächtnis, was uns trotz aller syntaktischen Analogien die richtigen Assoziationen vollziehen läßt, immer ist es nur unser Gedächtnis, was in jedem einzelnen Falle den syntaktischen Formen erst ihre bestimmte Bedeutung verleiht. Unbestimmt und unklar legt sich Logik und Syntax um den Kern unseres Denkens, um die Eindrücke der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist weder logisch noch syntaktisch. Das Weib hat zwei getrennte Beine, auch wenn die Röcke auf dem Boden nachschleifen. Und wenn Logik und Syntax auch nicht so sinnlos wären wie Kleidertrachten, wenn sie unserer Sprache wesentlich wären, so würde das nichts Anderes beweisen, als dass unsere Sprache so armselig ist wie Logik und Syntax. Wir sehen die Lichtpunkte am Himmelsgewölbe auf unserer Netzhaut als sechseckige Sterne; uns ist diese Vorstellung so selbstverständlich, so natürlich, dass wir uns gar nicht darüber wundern, wie das Wort "Stern" zugleich einen Punkt (der doch rund gedacht werden muß, wenn er überhaupt eine Form haben soll) und ein sechszackiges Gebilde bedeutet. Erfahren wir aber, dass diese Wirkung der Sterne auf unsere Netzhaut von der unregelmäßigen Form unserer Augenlinse herrührt, so werden wir doch beileibe nicht glauben, die Sterne da oben seien in Wirklichkeit sechseckig, sondern nur: unsere Linse sei mangelhaft, mangelhaft im Vergleich mit künstlichen optischen Instrumenten. Die Wirklichkeit aber wagt der Mensch mit dieser elenden logischen, syntaktischen Sprache erkennen zu wollen.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 09:43:37 •
Seite zuletzt aktualisiert: 21.04.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright