Kopula


Ich glaube nicht, dass die Kopula im Denken überhaupt vorhanden ist. Und der Unterschied zwischen Sprechen und Denken, auf dessen Vorhandensein ich ja immer wieder hinweise, trotzdem ich die Identität der beiden Funktionen stärker als irgend wer behauptet habe, läßt sich wieder an der Kopula aufzeigen.

Diejenigen Wilden und die Kinder, die "Rabe schwarz" sagen, denken doch absolut nichts Anderes als wir, wenn wir grammatikalisch richtig sagen "die Raben sind schwarz" oder gar corvi sunt nigri (wo die Endung des Adjektivs wohl mit zur Kopula gehört). Die grammatischen Formen sind eben Zierate, Kleider, welche sich den Gedanken anschmiegen und je nach der Mode die Gliederformen bald hervorheben, bald verstecken, wie die weibliche Brust oder der Steiß nach der Mode bald unterstrichen, bald durchgestrichen wird. Unter den Kleidern aber sind wir alle nackt, und unter der Sprache denken wir eigentlich mit nackten Worten ohne Flexionssilben und andere ästhetische Gleichmachungssilben.

Doch die Unbestimmtheit der Kopula und ihres Seinsbegriffs kann schon hier, vor der Kritik der Logik, weiter verfolgt werden; wobei vorläufig übersehen werden soll, dass dieser Seinsbegriff etymologisch oft (in germanischen wie in semitischen Sprachen) auf konkretere Begriffe führt (vgl. de la Grasserie: "du verbe etre").

Man kann die Urteile in zwei große Gruppen einteilen, je nachdem von einer Art ausgesagt wird, dass sie zu einer Gattung gehört, oder von dem Individuum einer Gattung, welcher Art es sei. Alle Urteile laufen schließlich auf die beiden Formen heraus:

1. Die Eiche ist ein Baum.

2. Dieser Baum ist eine Eiche.

Das erste Urteil sagt begreiflicherweise niemals etwas Neues, wie auch aus diesem Urteil niemals etwas Neues erschlossen werden kann. Es ist zunächst ein Sprachzuwachs, wenn es vom Lehrer etwa dem Schüler beigebracht wird: "Die Eiche fällt unter den Begriff (das Wort) Baum." Oder noch deutlicher: "Die Eiche (außer anderen Baumarten) heißt ein Baum." Auch der Lehrer (jener erste Lehrer, der den Baumbegriff gebildet hat) hat nichts entdeckt, sondern nur etwas erfunden; er hat schwankender Ähnlichkeiten wegen es sich bequem gemacht und begonnen, sich so und so viele Pflanzenarten an dem Worte "Baum" zusammenzumerken. In dieser ersten Urteilsgruppe konnte man also für die Kopula "ist" auch sagen "heißt".


 © textlog.de 2004 • 21.10.2017 10:43:14 •
Seite zuletzt aktualisiert: 20.04.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright