Kausalität und Zweck


Diese Tatsache, dass nämlich durch die Worte immer nur Erfahrungen des Hörers wachgerufen werden, dass der Sinn nach den Erfahrungen des Hörers richtig oder falsch geraten wird, dass das individuelle Bild von der Wirklichkeitswelt allein im Kopfe ist, dass die gehörten Worte das Bild nur bald so, bald so beleuchten oder belichten, diese Tatsache führt uns nun zu einer Einsicht, die über das Sprachverständnis hinaus zum Verständnis der Welt führt oder doch zu dem, was wir für unsere beste Welterkenntnis zu halten pflegen. Der Begriff der Kausalität ergibt sich uns jetzt als eine Folge unserer an Worte geknüpften Gedächtnistätigkeit (Wegener, Untersuchungen 120 f.).

Wenn ein Hund zusieht, wie sein Herr gräbt, wie die Frau strickt, so sieht er ebenso wie wir die Bewegungen des Grabens und Strickens. Der Hund hat aber kein Interesse, keine Aufmerksamkeit für den Zweck dieser Bewegungen; es wäre denn, dass man einen Fuchs oder auch nur eine Maus aus dem Bau graben würde. Die Bewegungen des Mannes oder der Frau summieren sich darum in seiner Vorstellung nicht zu dem Begriff des Grabens, des Strickens. Er sieht den Zweck im Verbum (vgl. auch III. S. 59) nicht. Wenn der Hund auch eine ausgebildete Sprache besäße, so würde er doch nur das Geschehen ausdrücken können, er würde nur eine unbelebte Natur (abgesehen vom Hundeleben) erblicken, wo der Mensch bei seinem vielseitigen Interesse und bei seiner gespannten Aufmerksamkeit zwischen dem zwecklosen Geschehen und dem zweckmäßigen Tun unterscheidet. Es bleibe dahingestellt, ob eine bis ins kleinste und letzte gehende Hundeanschauung von der Welt, ob der Zynismus nicht vorurteilsloser, philosophischer, spinozistischer wäre als die menschliche Weltanschauung, welche den Zweckbegriff und weiterhin den Kausalitätsbegriff in die Welt hineingetragen hat.

Die menschliche Gewohnheit, Bewegungen lebender Wesen für zweckmäßig zu halten, bestimmte, wenn auch noch so undeutlich gesehene Bewegungen als graben, als stricken zu bezeichnen, führt unzähligemale zu Täuschungen. Von den Schauspielern auf der Bühne, welche solche Bewegungen nur scheinbar ausführen, ohne wirklich zu graben, zu stricken, zu essen usw., lassen wir uns gern täuschen. Aber auch in der Wirklichkeitswelt ist die Täuschung alltäglich. Sie beruht auf demselben Grunde wie die bekannten Sinnestäuschungen. Wir ziehen aus mangelhaften Daten falsche Schlüsse. Bei der Auslegung von menschlichen Bewegungen werden wir zu den Selbsttäuschungen aber durch die Sprache selbst verleitet. Die Strickbewegungen der Finger, wenn sie einmal zufällig gemacht würden, wären äußerst schwer zu beschreiben, wie denn alles in der Welt äußerst kompliziert und unbeschreiblich wäre, Wenn wir es nicht gruppenweise durch Worte, ausdrücken könnten, welche die Gruppen um einen Zweck wie um einen Mittelpunkt zusammenfassen. Unsere Sprache drückt alle Tätigkeiten durch solche Worte aus, mit denen wir den Zweck des Tuns zu erraten glauben. Die Erfahrung, welche ja eben an der Krücke der Sprache fortschleicht, läßt uns einen Zweck von jedem Tun erwarten. Dieses Hineintragen unserer Erwartung in die Welt beruht auf unserem Glauben an eine Regelmäßigkeit des Geschehens, auf einem Glauben, der ja um so sicherer geworden ist, je weiter unser bißchen Welterkenntnis fortgeschritten ist. Was wir an dieser Regelmäßigkeit des Geschehens aber die Kausalität nennen, das Verhältnis von Ursache und Wirkung, das haftet doch bloß an der Art, wie wir vermeintlich zweckmäßiges Geschehen in unseren Worten gruppenweise zusammenfassen, weil wir es sonst in seiner Ungeheuern Kompliziertheit niemals beschreiben, niemals mikroskopisch genug beobachten können.   Schon die Fingerbewegungen beim Stricken sind zu kompliziert, als dass wir sie ohne das Zweckwort "stricken" auffassen könnten; wenn das Wasser durch die Hitze siedet, so sind die makroskopischen Vorgänge ebenso kompliziert, die mikroskopischen ganz unfaßbar. Wir begreifen die Summe dieser Vorgänge bequem mit dem Worte "sieden" und legen außerdem den Begriff der Ursache in die Hitze. Es ist eine Metapher des menschlichen Zweckmäßigkeitsbegriffs, wenn wir nach dem Muster "die Frau strickt" nun sagen "die Hitze bringt das Wasser zum Sieden". Wir erraten den Sinn der Worte — richtig oder falsch — nach unserer Erfahrung, wir erraten den Sinn der Tätigkeiten — richtig oder falsch — nach unserem Zweckmäßigkeitsbegriff, nach einem Interesse, wir erraten den Sinn des Naturgeschehens metaphorisch durch den Begriff der Ursache, den wir interessiert in das Geschehen hineinlegen.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 21.04.2006 
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