"Ich" das gemeinsame Objekt der Intransitiven - Intransitive Verben


In  derselben  Unbestimmtheit  bezeichnet  der  Akkusativ jede Beziehung irgend eines Substantivs zu irgend einem Verbum. Man wird einwenden, dass die Hauptbeziehung zwischen Substantiv und Verbum (im einfachsten Satze nämlich) durch den Nominativ ausgedrückt werde. Wir müssen uns unserer Auffassung vom Satze erinnern, um diesen natürlichen Unterschied zwischen Nominativ und Akkusativ zu begreifen und abzutun. Der einfachste Satz, der nur aus Subjekt und Prädikat besteht, kann und muß darum auf jede Kasusform verzichten, weil er ja noch gar nicht zwei Vorstellungen in Verbindung bringt, sondern nur eine Vorstellung auseinanderlegt. "Die Sonne leuchtet" ist nur eine einzige Vorstellung; "die Sonne" allein gibt den gleichen Gedanken. In der ausgebildeten Sprache, die sich von der Anschauung emanzipiert hat, scheint allerdings der Prädikatbegriff zum Subjektbegriff erst hinzu zu treten; aber er ist immer aus dem Subjektbegriff herausgenommen. Es gehört zum Begriff der Sonne, dass sie leuchtet. "Der Baum blüht" scheint schon mehr zu sagen, weil der Baum doch nicht immer blüht. Aber in allen individuellen Fällen kann ich, wenn ich nämlich den blühenden Baum vor mir sehe, die Vorstellung des Baums ohne sein Blühen gar nicht fassen. Zeige ich mit meinem Finger auf die Sonne, auf den blühenden Baum, auf das schlafende Kind, auf den strömenden Fluß, auf den heranrückenden Feind, so weise ich jedesmal untrennbar auf Subjekt und Prädikat zugleich hin. Ich kann das Prädikat so wenig vom Subjekte trennen wie in dem Satze "der Schnee ist weiß". Es wäre gar kein Schnee, wenn er nicht weiß wäre. Es wäre zum mindesten nicht dieser Baum, wenn er nicht blühte, es wäre nicht dieses Kind in diesem Augenblicke, wenn es nicht schliefe usw. Die abendländische Grammatik unterscheidet das Adicktiv "weiß" und das Verbum "schlafen" durch den Unterschied von Eigenschaft und Tätigkeit. Dieser Unterschied besteht bereits nicht mehr für unsere naturwissenschaftliche Psychologie; um wie viel weniger sollte er für die Logik bestehen, die nur mit Merkmalen der Begriffe zu tun hat. Ob wir im einfachsten Satz emen konkreten Begriff in Nomen und Adjektiv oder in Nomen und Verbum auseinanderlegen, das hängt doch eigentlich nur von unserer Naturerkenntnis ab oder vielmehr von der ererbten Gewohnheit, uralte Naturanschauungen sprachlich wiederzugeben. Ob ich sage wie alle Welt "der Himmel ist blau" oder "der Himmel blaut", ob ich sage "die Rose ist duftig" oder "die Rose duftet", das ist vorläufig nichts weiter als verschiedene Sprachgewohnheit und ist immer nur ein Ausbreiten eines Begriffs, nicht ein Zusammenfassen zweier Begriffe. Es ist teils falsche Naturvorstellung gewesen, teils reiner Zufall, dass die Merkmale eines Begriffs bald durch Adjektive, bald durch intransitive Verben ausgedrückt werden. Man hätte sämtliche Adjektive wegdenken und an ihrer Stelle intransitive Verben setzen können. Sämtliche intransitive Verben aber sind es in unserer Vorstellung nur darum, weil wir uns sprachlich und gedanklich gewöhnt haben, ihr alleiniges und gemeinsames Objekt nicht zu beachten, das Ich. Der sprechende Mensch ist das gemeinsame Objekt aller intransitiven Verben. Deutlich ist das an denjenigen zu erkennen, die eine unmittelbare Beziehung zu unseren Sinnen haben. Wir haben dieses Verhältnis nur darum nicht in einer Sprachgewohnheit auszudrücken begonnen, weil das gemeinsame Objekt aller Sinneseindrücke der Welt uns gar zu wohl bekannt ist.    Aber in Wahrheit bin ich es, den der Baum grünt.

Nun gibt es unzählige andere Beziehungen in der Natur, wo die hervorgerufene und wahrnehmbare Veränderung nicht unmittelbar in unseren Sinnesorganen vorgeht, sondern außerhalb derselben an anderen Objekten. Wir drücken die eine Gruppe entweder durch ein Adjektiv oder durch intransitive Verben aus, die andere Gruppe durch die sogenannten transitiven Verben. Eine genaue Beobachtung, die sich allerdings über unsere Sprachgewohnheiten hinwegsetzen muß, wird uns lehren, dass der Unterschied zwischen intransitiven und transitiven Verben nur auf ungenauer Psychologie beruht und überdies keine bestimmten Grenzen hat. Die englische Grammatik müßte sich von der lateinischen usw. Grammatik stärker unterscheiden, weil das englische Verbum in unzähligen Fällen transitiv und intransitiv sein kann und dieser Unterschied oft erst in der Übersetzung deutlich wird.

Ich nehme es als zugestanden an, dass die Merkmale der Dinge, die wir durch Adjektive ausdrücken, ebenso gut durch intransitive Verben hätten ausgedrückt werden können. Wir wissen, dass die Empfindung der grünen Farbe erst durch eine Wirkung auf unsere Netzhaut hervorgerufen wird,  dass wir das Objekt des scheinbar intransitiven Verbums "grünen" sind. Der Satz "der Baum grünt mich" ist noch ganz und gar gegen unser historisch gewordenes Sprachgefühl gebildet. Aber unser Sprachgefühl gestattet doch schon anstatt "der Baum ist grün" wenigstens zu sagen "der Baum grünt". Dasselbe Sprachgefühl gestattet aber nicht das Adjektiv "weiß" in das intransitive Verbum "weißen" zu verwandeln, vielleicht nur, weil es ein transitives Verbum "weißen" gibt. Das Sprachgefühl verfährt dabei ganz unlogisch. Die Tatsache, dass ich das Objekt aller Sinneseindrücke bin, dass ich also als Objekt zu allen intransitiven Verben hinzugefügt werden müsse, ist dem Sprachgefühl nicht ganz fremd. Wenn mein eigenes Sprachgefühl mich nicht täuscht, so sucht die Sprache diesen Umstand durch den sogenannten Dativus ethicus häufig auszudrücken. In Prosa und Poesie können wir sagen: Der Apfel schmeckt mir (süß), die Kose duftet mir, der Baum grünt mir. Versenken wir uns in den Sinn dieses Dativs, so werden wir erkennen, dass er eigentlich wirklich das Objekt des Schmeckens und Duftens ausspricht; nur weil das gewohnte äußere Objekt nach unseren Sprachgewohnheiten im Akkusativ ausgesprochen zu werden pflegt, nehmen wir für das innere Objekt den intimeren Dativ zu Hilfe. Ich kann mich nicht anders ausdrücken und vertraue auf das Sprachgefühl des Lesers.


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Seite zuletzt aktualisiert: 21.04.2006 
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