Geschichte der Adverbien


Aus allem bisher Gesagten läßt sich zunächst lernen, dass die Sprache in ihren Bezeichnungen für Richtungsverhältnisse regellos, das heißt willkürlich oder zufällig bald Adverbien, bald Präpositionen, bald Vorsilben von Verben benützt und dass die Präpositionen und Vorsilben nichts Anderes sind als Adverbien, welche sich in der Form differenziert haben, je nachdem sie an das Substantiv als an die scheinbar ruhende Ursache eines Sinneseindrucks oder an ein Verbum als an die scheinbar unmittelbar geschaute Tätigkeit herangetreten sind.

Fassen wir die Sache psychologisch und streng dazu, so erhalten wir eine überraschende Bestätigung der gewonnenen Überzeugung, dass Dinge und Tätigkeiten oder Substantive und Verben nur optische Täuschungen unseres menschlichen Verstandes sind, dass wir in Wirklichkeit niemals Dinge und Tätigkeiten wahrnehmen, niemals die Ursachen unserer Eindrücke und die Zwecke der Bewegungen, sondern immer nur Eigenschaften der Wirklichkeitswelt, das heißt Wirkungen auf uns, die wir in einer pedantisch logischen Sprache nur durch Adjektive ausdrücken könnten. Die Richtungsverhältnisse (die dann metaphorisch Verhältnisse der Zeit, des Grundes usw. mitbezeichnen) knüpfen sich darum am besten an Adjektive, von denen die Grammatik denn auch alle neuern Adverbien ableitet. Mit dem Substantiv verbunden wird, das Adverbium zur Präposition, weil das Richtungsverhältnis durch den Kasus des Substantivs noch einmal ausgedrückt wird und dieser Kasus von dem präpositionellen Adverbium abzuhängen scheint. Mit dem Verbum verbunden schleift sich das Adverbium zur Vorsilbe ab; aber diese Vorsilbe würde mit besserem Rechte den Namen Adverbium führen als das selbständige Wort für das Richtungsverhältnis.

Fassen wir die Sache im Sinne der Grammatik, so erscheint uns das ältere Adverbium wie gesagt als Kasusform irgend eines Urwortes von Bewegungsverhältnissen, und es steht nichts im Wege, die Kasusformen, welche vor Entstehung der Adverbien eben diese Richtungsverhältnisse ausdrückten, als noch ältere, bedeutende Wortformen, als Kasusformen noch älterer Worte allgemeiner Tätigkeit aufzufassen. Es wären dann die Deklinationsendungen der ursprünglichem Sprache ebenso an die Stammsilben herangetreten, wie die Deklinationsformen moderner Sprachen mit Hilfe von Adverbien, das heißt Präpositionen gebildet worden sind. Ich will die Phantasien der vergangenen und der gegenwärtigen Etymologie nicht vermehren und verzichte darauf, solche Endungssilben aus den in allen Sprachen so reichlich vorhandenen Verben der Bewegung herzuleiten.

Bevor ich kurz auf die metaphorische Verwendung der Raumbezeichnungen hinweise, möchte ich noch einmal die Neigung der Sprache unterstreichen, Ortsverhältnisse durch Bewegungsverhältnisse wiederzugeben. Eine Vergleichung von stehen und stellen, sitzen und setzen läßt vermuten, dass der Bewegungsbegriff älter sein mag als der Zustands-begriff; wohnen scheint (verwandt [?] mit dem lateinischen venus und dem Sanskritwort vanas für Lust) ursprünglich den Sinn lieb "gewinnen" gehabt zu haben; im Worte gewinnen mag vielleicht die noch ältere Bedeutung desselben Stammes stecken. In den Parallelbezeichnungen stehen stellen, sitzen setzen werden die Fragen wo und wohin mitbeantwortet. Ich nehme an, dass die Antwort auf die Frage wohin älter sei als die Antwort auf die Frage wo, weil unser Bild vom Koordinatensystem uns lehrt, wieviel leichter der Naturmensch sich über die Richtung auf ihn zu oder von ihm weg als über den Ort orientieren kann. Die Richtung kann durch eine einzige Dimension ausgedrückt werden, der Ort auch im einfachsten Falle nur durch zwei Dimensionen. Damit mag es zusammenhängen, dass vielfach die Antwort auf wo durch die Form erfolgt, die sonst eigentlich der Kasus für die Frage woher ist. Später haben sich für diesen Wo-Kasus Nebenkasus entwickelt, und es ist ganz gleichgültig, dass dieser Wo-Fall im Griechischen mit dem Dativ zusammenfällt, im Lateinischen mit dem Ablativ, im Slawischen mit dem Lokativ. Wie so häufig die alten Formen sich gerade an den geläufigsten Worten erhalten haben, so wird im Lateinischen das Raumverhältnis durch Richtungskasus bei dem Worte domus nur dann bezeichnet, wenn domus das Zuhause bezeichnet, durch Präpositionen, wenn es das Ding Haus bezeichnet. Ähnliche Richtungskasusformen finden sich gerade bei demselben Begriffe im Althochdeutschen (heime, heim und heimina) und in den slawischen Sprachen.


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