Gemeinsame Situation


Ein rasches und keckes Wahrnehmen ist nur möglich, wo die Seelensituation zwischen den Menschen nahezu gemeinsam ist. Einen Leitartikel, der wohlbekannte Phrasen zusammenstellt, einen gewöhnlichen Roman, der wohlbekannte Menschenschicksale erzählt, überfliegen wir mit den Blicken: bringt uns ein Buch Neues, so müssen wir jede Silbe, unter Umständen jeden Buchstaben beachten. So auch im Gespräch. In älterer Zeit oder bei minder kultivierten Völkerschaften war und ist die gemeinsame Seelensituation so Weit vorhanden, dass auch der Sprechende seine Sätze gewissermaßen nur überfliegt. Man achte einmal darauf, wie auch bei uns innerhalb einer behaglichen, das heißt auf gemeinsamen Empfindungen ruhenden Familie das Gespräch leicht und mühelos geführt wird. Die Hauptsilben werden kaum stärker betont als im Gespräch zwischen Fremden Nebensilben, und Nebensilben werden ganz fallen gelassen. Ein so intimes Familiengespräch ist im höchsten Grade "elliptisch". Die neuesten Dramatiker machen von dieser Beobachtung reichlichen Gebrauch. Je ungleicher die Seelensituation zwischen den Menschen ist, desto pedantischer müssen alle Forderungen der Grammatik erfüllt werden, desto wuchtiger wird schließlich die Betonung der Hauptsilben. Nicht nur in Parlamenten, vor Gericht, wo unzusammengehörige Menschen sich besprechen müssen, kommt es zu der toten Schriftsprache; sondern schon der sogenannte Verkehr der einander nicht verstehenden modernen Gesellschaft macht den Gebrauch der Schriftsprache notwendig. Auch dieser Umstand wirkt dahin, dass die neuern Schriftsprachen langsamer in ihren Lauten verfallen, als es früher in der natürlichen Sprechweise der Fall war.

Die Schwierigkeit, die Situation für den Sprechenden und den Hörenden gemeinschaftlich zu machen, wächst mit der zeitlichen oder räumlichen Entfernung des Gegenstandes, sie wächst ferner mit der Kompliziertheit des Gegenstandes. Es kann die Erklärung anstatt eines einzigen Wortes ein ganzes Buch erfordern. Wendet sich aber der Sprecher gar wie ein Autor an eine unbestimmte Menge von Hörenden, so bleibt ihm nichts übrig, als die Situation vollständig mitzuteilen, seine Weltanschauung vollständig auf die Volksmasse zu übertragen. Der Autor (Denker oder Dichter) kann ein Genie sein und braucht doch die Fähigkeit zu dieser Mitteilung nicht zu besitzen. Es ist ein überaus seltener Fall, wenn ein genialer Dichter zugleich die Weltanschauung seiner Zeitgenossen spielend beherrscht, seine eigene um eine Fülle neuer Prädikate vermehrt hat und sein Volk mit diesen neuen Prädikaten zu beschenken vermag.

Wir werden gleich erfahren, welche Bedeutung die Gemeinsamkeit der Situation für die Sprache habe. Zunächst sei nur an einem Beispiele gezeigt, wie der Sprachgebrauch vorgeht, um zwischen Sprecher und Hörer die Ungleichheit der gegenwärtigen Vorstellungsmasse zu überwinden, also für den Augenblick eine Gemeinsamkeit der Situation herzustellen. Wegener (S. 32 und folgende) hat das für die Apposition oder den Relativsatz überzeugend dargelegt. Ich möchte seinen Gedanken dahin erweitern, dass die weitaus größte Menge alles Sprechens auf diese Tätigkeit hinausläuft; ja man kann sagen: die Langweiligkeit der meisten Bücher und Menschen kommt daher, dass der weitaus größere Teil der Kede auf Herstellung einer gemeinsamen Situation, auf Eückerinnerung oder Mitteilung der Exposition verwandt wird und die Neuigkeit, das Interessante nur mit einem Worte oder einem kurzen Satze hinzugefügt wird. Die Sache scheint mir am besten illustriert zu werden durch den Bekanntlich-Stil vieler historischer Werke; der Verfasser gibt die Exposition in breiter Vollständigkeit und verrät seine imponierende Gelehrsamkeit nicht ohne Koketterie dadurch, dass er die ihm wohlbekannten Tatsachen, und wenn sie noch so entlegen wären, durch ein "bekanntlich" oder eine ähnliche Wendung als eine ihm und dem Leser gemeinsame Situation der Seele'hinstellt. Da sind nun zwei Fälle möglich; entweder der Leser besitzt die Kenntnisse wirklich, dann wird ihm der Situationsplan langweilig durch seine Überflüssigkeit, oder dem Leser ist das alles neu, alle die angedeuteten psychologischen Subjekte sind ihm Prädikate, er kann all das Neue nicht zugleich fassen und die Exposition wird ihm langweilig durch ihre Schwierigkeit. In Wahrheit kann dem lebhaften Menschen nichts so langweilig werden wie die Sprache, wenn nämlich ein anderer Expositionen spricht.

Um nun aber die Sprachform verständlich zu machen, in welcher die Gemeinsamkeit der Seelensituation hergestellt wird, denke man an das vorige Beispiel: "Adolar erwachte", womit der dritte Band eines Romans etwa beginnen sollte. Hat der Verfasser kein rechtes Vertrauen in die Kraft seiner Darstellung oder in das Gedächtnis des Lesers, so wird er wohl die Gemeinsamkeit der Seelensituation unterstützen, etwa so: "Adolar erwachte — der geneigte Leser erinnert sich, dass Adolar in dem Augenblicke, als er die Strickleiter zum Turme seiner Geliebten emporklettern wollte, von seinem elenden Nebenbuhler durch ein Schlafmittel betäubt wurde — usw." Solche Hinweisungen auf Bekanntes und vielleicht Vergessenes, die unter Umständen im Bekanntlich-Stil auch Mitteilungen von notwendigen Expositionselementen sein können, finden sich in jedem schlechten Roman, finden sich aber auch in jeder historischen Darstellung. Wegener hat sehr fein erkannt, dass in dem Satze "Themistokles, ein Grieche aus Athen, ein Zeitgenosse des Aristides, schlug bei Salamis die Perser" die Exposition ("ein Grieche aus Athen, ein Zeitgenosse des Aristides") gegen alle Logik dem Prädikate folge. Ich mache in Parenthese darauf aufmerksam, dass Themistokles eigentlich nur vor der Aussprache des Wortes das psychologische Prädikat ist, dass der Träger dieses Namens nach den erklärenden Mitteilungen zum psychologischen Subjekte wird und dass am Ende das psychologische Prädikat je nach der Absicht des Sprechers und nach der Sachkenntnis des Hörers in "schlug" (dem grammatischen Prädikate) oder auch in "Perser" oder in der Ortsbezeichnung stecken konnte. Die expositionalen Elemente, dass Themistokles der und der War und zu der und der Zeit lebte, drückt nun die Sprache durch eine Apposition oder durch einen Relativsatz aus. Wegener erklärt das aus einer Art von Korrektur. Der Redende erfahre durch die Zwischenrufe oder durch die Mienen des Zuhörenden, wie groß oder klein die Sachkenntnis des Hörers sei, wie weit die Situation bei ihnen beiden gemeinsam sei, und füge nun — gewissermaßen auf eine Frage des andern — mehr oder weniger ausführliche Daten über den pp Themistokles hinzu. Diese Hinzufügungen, die in unserem Satze aus acht Worten bestehen, können aus Gründen der Belehrung zu einem Buche anwachsen. Für den Satzbau, auf den es ihm dabei mehr ankommt als mir, kommt Wegener zu dem Schlüsse: "Es ist daher psychologisch nur natürlich, dass der naive Mensch die Expositionselemente erst nach dem Prädikate ausspricht. Die einmal geschaffene und festgewordene Sprachform behält auch der künstlerisch gestaltende Dichter und Schriftsteller bei. Apposition und Relativsatz sind also nachträgliche Korrekturen unserer mangelhaften Darstellung."

Man kann die Apposition ebenso wie die noch formlosere Parenthese als Eindringlinge in den syntaktischen Bau auffassen. Allemal wird doch nur, indem der Erzähler aus der Rolle fällt, entweder an etwas Bekanntes erinnert oder etwas Neues aus Höflichkeit "bekanntlich" genannt. In der Apposition oder der Parenthese können aber alle möglichen Arten der Gedankenverbindung verborgen sein: die Zeit- oder Ortsbestimmung, die Bedingung, die Folge, der Gegensatz, kurz alle Bedeutungsformen der Verbindungen von Haupt- und Nebensätzen. Die einzelnen Sprachen haben sich, wie bei der Apposition, an eine bestimmte Anordnung, an eine bestimmte Syntax gewöhnt. Wir sind auf die Syntax unserer Muttersprache so sehr eingeübt, dass wir uns einbilden, dieser Ordnung der Sätze das Verständnis zu verdanken. Im Grunde aber ist die Syntax nur eine bequeme Gewohnheit; es ist für die Regelmäßigkeit der Syntax so wenig ein logischer Grund vorhanden wie dafür, dass wir unsere Schrift von links nach rechts lesen, während andere Völker von rechts nach links oder von oben nach unten schreiben und lesen. Auch ein Gemälde übersehen wir sehr schnell, ohne dass wir einen Führer für den Weg unseres Auges besäßen; der gute Maler hat dafür gesorgt, dass die Hauptgestalt (sein psychologisches Prädikat) zuerst durch Licht oder Farbe unsere Aufmerksamkeit anziehe; über die Situation oder Exposition des Bildes orientieren wir uns nach unserem Gutdünken. Nun ist allerdings die Rede — "bekanntlich" — eine in der Zeit flüchtige Erscheinung und hat eine Art von konventioneller Behandlung nötig. Doch die konventionellen Formen der Syntax sind nur kleine Hilfen des Gedächtnisses; alle Regeln der Wortfolge, alle Konjunktionen der Zeit, der Bedingung, der Kausalität usw. beschleunigen nur die Orientierung; zuletzt muß der Zuhörer die entscheidenden Worte zu dem Situationsbilde aus seiner Erfahrung zusammenfügen. Was nicht vorher in seinem Gedächtnisse war, kann durch keine Wortfolge und durch keine Konjunktion erzeugt werden. Hat er nicht den Begriff der Kausalität erfaßt, so nützt ihm keine kausale Konjunktion. Die Situation im Kopfe des Redenden wie des Zuhörers besteht aus Erinnerungsbildern. die sich ohne Konjunktionen assoziieren.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 22.04.2006 
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