Flexion


Als einen ältesten Satz stellen wir uns den Ruf des Staunens oder der Überraschung vor, der in einem entfernten sprachlichen und logischen Zusammenhang mit unserem "da!" stehen mag, welchen Euf wir künstlich meinetwegen als das Demonstrativpronomen "das" deuten mögen und der innerhalb einer bestimmten gegenwärtigen Situation irgend einen Gegenstand, eine Eigenschaft, eine Tätigkeit oder was immer bezeichnen konnte. Die Sprachforscher sind übrigens einig darüber, dass die meisten anderen Pronomina auf das alte Demonstrativpronomen zurückzuführen sind, dass das Demonstrativpronomen ein uralter Besitz der "indoeuropäischen" Sprachen ist, weil es den einzelnen Sprachen gemeinsam sei und überdies eine sehr altertümliche Flexion habe. Der Eindruck hohen Alters ist also allgemein. Nach der soweit annehmbaren Theorie von Regnaud ist dieses alte Demonstrativpronomen überhaupt der oberste und umfassendste Begriff, das genus generalissimum. Es entspricht vollkommen unserer Erkenntnistheorie, wenn Regnaud annimmt, die nächsten, ebenfalls äußerst allgemeinen Begriffe, hätten unserem Adjektiv entsprochen. Ursprünglich konnte z. B. das Demonstrativum allein sowohl den Blitz als den Donner, sowohl die weiße Blüte als die rote Frucht bezeichnen, was — die gegenwärtige und gemeinsame Situation vorausgesetzt — gar keine unvollkommenere Sprache war als die unsere. Nachher bildeten sich (es geht uns nichts an, ob aus dem Demonstrativpronomen heraus oder aus neuen Sprachquellen) die Begriffe des Leuchtenden und des Rollenden, des Weißen und des Roten usw. Man kann diese Entwickelung noch weiter verfolgen — in der Phantasie, eine historische Darlegung wird nie möglich sein — bis zur Entstehung des Substantivs, bis zur Verbindung von Substantiv und Personalpronomen, ohne in dieser Ursprache auch nur die Möglichkeit, auch nur eine Stelle für die Flexion zu entdecken. Der Satz konnte einsilbig oder vielsilbig sein, seine Harmonie wurde — wenn ich so sagen darf — durch die Wirklichkeit, durch die Situation hergestellt. Es war ja der Sprachschöpfung keine Grammatik vorausgegangen, welche eine harmonische Koordination der Satzglieder nach Geschlecht, Zeit, Zahl usw. gefordert hätte, welche überhaupt den Satz in Glieder zerhackte. Erst viel später, man kann die Zeit unbedenklich sehr lang nehmen, erst bei einem sehr großen Reichtum von Sätzen, wohlgemerkt nicht von Worten, konnte das Vorhandensein unbewußt gebliebener Analogiebildungen die sprechenden Menschen dazu führen, durch Weiterbildung der Analogie zu Flexionen zu gelangen. Unter Flexionen verstehe ich selbstverständlich alle Deklinations-, Konjugations- und alle anderen Bildungssilben. Ich meine, in irgend einer Urzeit müssen die Analogien, die uns als die notwendigen Flexionen erscheinen, wie Sprachwitze, wie Wortspiele herausgekommen sein. Noch in historischer Zeit gibt es solche Analogiebildungen, so wenn die Lateiner die Endung -ia häufig an Partizipien, die auf -ent ausgingen, anhingen (prudentia, sapientia, dementia) und so die Vorstellung faßten, die Endsilbe laute -tia und darum amicitia (von amicus) sagten. Beispiele aus der gegenwärtigen Sprachentwickelung fehlen an anderer Stelle auch nicht. Ich bemerke nebenbei, wie gefährlich es sein muß, in die Flexionen der vorhistorischen Zeit ein System zu bringen, wenn wir solche irreführende Wortspiele fast unter unseren Augen Sprachkraft gewinnen sehen (vgl. II. 130 ff.).

Diese beiden Bemerkungen helfen uns vielleicht, uns das Entstehen der Flexionen etwas weniger unnatürlich vorzustellen, als es die Grammatik getan hat und von ihrem Standpunkt tun mußte. Ihre Erklärungsversuche enthalten jedesmal die Voraussetzung, dass zu einer richtigen Sprache so und so viele Fälle des Substantivs, so und so viele Personen, Zahlen und Zeiten des Verbums gehören und dass es nur darauf ankomme, alle diese Flexionsformen auf eine bequeme und übersichtliche Weise zu bilden. Auf diesem Wege kann nach mehrtausendjähriger Herrschaft der Grammatik ein Volapük oder ein Esperanto hergestellt werden; die Sprache kann nicht so entstanden sein. Es ist doch offenbar, dass der gegenwärtig angenommenen Grammatik eine Zeit vorausgehen mußte, in welcher die Regeln der Grammatik noch latent oder unbewußt waren, und dieser wieder eine ältere Zeit, in welcher sich die grammatischen Gewohnheiten erst entwickelten, dieser wieder eine älteste Zeit, in welcher es noch gar keine Grammatik oder Analogie gab, in welcher aus der Situation heraus jeder Satz seine analogielose Sprachform hatte. Ebenso ist es doch mehr als wahrscheinlich, dass der der Gesetzeszeit vorausgehenden Gewohnheitsepoche, in welcher die Kultur sich unbewußt nach Bräuchen richtete, eine Zeit vorausgehen mußte, wo solche Bräuche sich aus ihren ersten Anfängen entwickelten. Die Sprachgeschichte kommt uns da zu Hilfe, wenn sie uns mitteilt, dass die fünf oder sieben Kasus, die wir jetzt so ordentlich zu unterscheiden glauben, oder die vielen Verbalformen sich aus einer Unzahl von Zufallsformen entwickelt haben. Lassen wir unsere sprachbildende Phantasie ein wenig spielen, so scheint es ganz anschaulich, wie es in einer Urzeit gar keine Flexionen gab, wie irgend einmal die Sprachbildung z. B. bei den verschiedenen Kasus desselben Substantivs immer mit neuen Wortbildungen einsetzen konnte. Ich erdichte mir da ganz phantastische Beispiele, weil es mir nur darauf ankommt, die Möglichkeit einer solchen Entwicklung zu zeigen. Hatte der Ruf des Staunens oder das Demonstrativpronomen sich zum Namen für die aufgehende Sonne entwickelt, so konnte sich der Seufzer des Bedauerns zum Namen der untergehenden Sonne entwickeln; es konnte also dieselbe Sonne je nach ihrem Stande zwei verschiedene Eigennamen haben. Ich unterlasse es absichtlich, auf verwandte Tatsachen der Sprache hinzuweisen. Es konnte ebenso die unreife Frucht mit einem anderen Stammworte bezeichnet werden als die reife. Das mußte der naiven Anschauung irgend welcher Urzeitmenschen so nahe liegen, wie uns die Gewohnheit Kalb, Kuh, Stier usw. zu sagen. In diesen verschiedenen Wortstämmen für verschiedene Standorte, Lebenslagen, Lebensalter, Geschlechter der Gegenstände liegen aber die Kategorien unserer Flexionen verborgen. Die Analogiebildungen Löwe Löwin, Löwe Löwenjunges usw. sind bei den ältesten und gebräuchlichsten Tiereigennamen gar nicht vorhanden. Es sind offenbar jüngere Sprachbildungen. So dürfen wir auch annehmen, dass die Gemeinsamkeit des Wortes Sonne für das aufgehende und das untergehende Gestirn in irgend einer uralten Zeit eine neue Sprachschöpfung war. Die Bestimmungsworte "aufgehend" und "untergehend"  sind nur  Orts-  oder Richtungsbezeichnungen, wie die Flexionssilben der Kasus.

Im Chinesischen trifft das Pronomen der zweiten Person mit Konjunktionen für örtliche und zeitliche Nähe zusammen, ferner mit Ausdrücken für Ähnlichkeit. Das scheint uns so absurd, dass wir zuerst nach verwandten Erscheinungen vergebens suchen. Es ließe sich aber wohl ein Poet vorstellen, der dichtete: Eine Rose stand der anderen so nahe, dass sie ihr Du sagte. Und umgekehrt sagen wir mundartlich von einem schönen  Gemälde, einer ausgezeichneten Frucht: Da muß ich Sie sagen. (In der Gegend des Bodensees, vielleicht unter österreichischem Einfluß: Das heißt Ihr.)

Mit solchen Erscheinungen und den alten, jeder Analogiebildung vorausgehenden,   gewissermaßen   ungrammatischen und überreichlichen Worten wie Kalb, Kuh, Stier usw. glaube ich  nun die  bekannte  Tatsache wieder in  Zusammenhang bringen zu dürfen, dass die ältesten und eingeübtesten grammatischen Reihen ebenfalls ohne Hilfe von Flexionen durch verschiedene Wortstämme ausgedrückt werden, im Deutschen wie in anderen Sprachen. "Bin — war — gewesen", "gut — besser" frappieren durch die überflüssige Verwendung neuer Stämme; bei "besser" für das alte "baß" ist es besonders deutlich, wie die Komparativflexion nachträglich zu dem unverständlich gewordenen Komparativ des Adverbs "gut" hinzutrat, oder vielmehr: wie der Komparativ des Adjektivs die Bedeutung des gesteigerten Adverbs mit übernahm, weil die Flexion hörbar wurde. Es ist dieselbe Erscheinung, wie wenn ehemalige starke Verben im Deutschen die sogenannte schwache Flexion annehmen. Die Analogiebildung rückt siegreich vor. Zu dieser flexionslosen Entwickelung von Begriffsreihen möchte ich auch die Gruppen "ich, du, er", "wir, ihr, sie", ferner die so altertümlichen Zahlwörter von eins bis zehn rechnen. Ein bewußter, auf der Grammatik stehender   Sprachschöpfer hätte die meisten dieser Formen sicherlich mit Hilfe von Flexionen erfunden.


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