"essen"


Wir kennen schon die dominierende Bedeutung, welche die Metapher für die Entwicklung, also für die Entstehung der Sprache besitzt. An nichts erkennt man das Schwanken der Wortbedeutungen, ihr à-peu-près, so genau, wie daran, dass die Worte sich vergleichsweise den Umfang ihres Sinnes erobern. Bei der metaphorischen Anwendung der Worte, aus der schließlich der ganze Sprachschatz entstanden ist, muß im menschlichen Gehirn ein unsicheres, pendelndes Tappen zwischen den beiden verglichenen Gegenständen vorhanden sein, ein Tappen, das auch im schließlichen Gebrauche der Worte versteckt bleibt, nachdem die Vergleichung aus dem Sprachbewußtsein verschwunden ist; immerhin weist das Substantiv, nachdem seine metaphorische Entstehung unbewußt geworden ist, auf eine mehr oder weniger sinnliche Vorstellung hin. Beim Verbum hört dieses Vergleichen niemals auf, dieses pendelnde Tappen, dieses Wandern des Blickpunktes, weil wir nie eine Tätigkeit wahrnehmen oder vorstellen können, weil es immer etwas wie der Zweckbegriff ist (beim Substantiv eine Ursache), der unsere Aufmerksamkeit rasch über die unzähligen minimalen Teilhandlungen hingleiten läßt und erst aus der Vergleichung der Anfangs- und der Endsituation zu dem Begriff der Tätigkeit gelangt. Uns ist von diesem ewigen Vergleichen nichts bewußt. Bedenken wir aber, dass nur die Sachkenntnis uns den Tätigkeitsbegriff auffassen läßt, dass die Vergleichungspunkte dem Hörer genau so gegenwärtig sein müssen wie dem Sprecher, wenn er den gleichen Tätigkeitsbegriff in das gehörte Wort hinein legen will, so wird uns die Bedeutung dieses Umstandes klar werden. Denken sich die Menschen schon unter den Substantiven niemals mathematisch genau dasselbe, so wird die Verschiedenheit noch größer bei den Verben, weil da mehrere Situationsbilder zu vergleichen sind und jedes einzelne Situationsbild schon in jedem Kopfe ein anderes ist. Eine Folge davon ist, dass zeitliche und räumliche Entfernung die Vorstellung des gleichen Verbums verändert. Ein deutscher Kavallerist sattelt anders als ein Kosak, ein Amerikaner pflügt anders als ein alter Ägypter. Man nehme einmal das Wort Zahn. Ein Neger wird eine etwas andere Vorstellung damit verbinden als ein Chinese; ein Haifisch (wenn er sprechen könnte) eine andere Vorstellung als ein Mensch. Nun ist Zahn wahrscheinlich durch Lautwandel aus dem Worte "der Essende" (dens) entstanden. Die Vorstellung des Essens ist aber noch viel ungleicher bei den verschiedenen Völkern. Es hat gewiß eine Zeit gegeben, wo die Menschen wie die Tiere "fraßen", etwa mit Zuhilfenahme ihrer Hände wie die Affen. Essen bedeutete damals hauptsächlich "mit den Zähnen zerreißen und kauen"; "der Essende" war damals wirklich der Zahn. Jetzt ist die Handlung des Essens komplizierter geworden. Wer heute in der Stadt zum "Essen" eingeladen ist, dem zerfällt das Verbum in eine Menge von Teilhandlungen, von denen ich nur einige hervorheben will: Toilette machen, in großer Zahl zusammenkommen, niedersitzen (vor dem reich gedeckten Tisch), Serviette öffnen, Löffel und Gabel benützen (dazu vielleicht noch Austernmesser, Käsemesser, Obstmesser usw.), verschiedene Teller benützen, verschiedene Gläser usw.; das alles kann das Verbum essen ausdrücken. Aber auch der einfache Mann stellt sich bei uns und jetzt essen nicht anders vor als mit Löffel und Gabel. Hört er nun vom Essen der homerischen Helden oder vom Essen chinesischer Mandarinen, so schiebt er den Griechen und den Chinesen das ihm bekannte Situationsbild unter, weil er nicht weiß, dass die Griechen weder Löffel noch Gabel gekannt haben und dass die Chinesen beim Essen Stäbchen gebrauchen. Die den einfachen Mann umgebende Wirklichkeit ist zu einem automatischen Gebrauch von Löffel und Gabel geworden; in seinen Muskeln und Nerven, also auch in seinem Gehirn, spiegelt sich dieses Wirklichkeitsbild als Einübung. Hört er das Wort "essen", so verlegt er dieses Nervenbild seiner Tätigkeit in den Satz hinein.

 

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