Eigenschaft und Wirklichkeit


Wie immer es nun um das Bewußtsein eines Urzeitmenschen gestanden haben mag, ob er die allein wahrgenommenen einfachen und komplizierten Wirkungen der Dinge mehr als Eigenschaften oder mehr als Tätigkeiten empfand oder ob er gar mit der ältesten und kühnsten aller Hypothesen sogleich substantivische Ursachen dieser Wirkungen in die Außenwelt projizierte, wir müssen nach unserem Sprachbewußtsein adjektivisch auffassen, was uns die Sinne und deren Kombinationen von der Außenwelt erzählen. Von diesem Apfel in meiner Hand weiß ich, dass er glatt, süß, rot, schwer ist, dass er gelegentlich beim Fallen auf die Erde hörbar wird und dass er mir angenehm ist. Was er abgesehen von diesen Adjektiven noch weiter sein mag (alles was wir von ihm als Chemiker, als Botaniker usw. wissen, ließe sich ebenso in Adjektiven ausdrücken), das ist eine metaphysische Frage. Für uns ist er eine Gruppe von Adjektiven, aus denen sich seine Körperlichkeit aufbaut; was der Apfel an sich ist, das wissen wir nicht.

Der Aufbau der Körperlichkeit aus den Eigenschaften vollzieht sich vorsprachlich; auch der Affe, wenn er einen Apfel frißt, stellt sich wahrscheinlich aus den Eigenschaften glatt, süß, rot, schwer usw. die Hypothese "Apfelding" zusammen. Sowie aber die Sprache durch besondere Worte Erinnerungen an die Eigenschaften geschaffen hatte, war es möglich und lag nahe, durch geeignete Zusammenstellung von Adjektiven Erinnerungen an alle möglichen Dinge hervorzurufen, auf die Ähnlichkeit der Merkmale aufmerksam zu werden und so langsam die Arbeit der Klassifikation, der Weltkatalogisierung nach Arten zu beginnen, eine Arbeit, welche heute noch in groben Umrissen steckt und deshalb niemals vollendet werden kann, weil die Einteilungsgründe Adjektive oder Sprachworte sind, die Natur jedoch sich nicht um die Sprache kümmert. Uns armen redenden Menschen bleibt aber nichts übrig, wenn wir uns in der Welt nicht verirren wollen, als die Sprache zum Führer zu nehmen. Und innerhalb der Grenzen der Sprache, mit der Gewißheit also, der Natur Gewalt anzutun, besitzen wir an den Adjektiven den allein artbildenden Redeteil.


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