Apperzeption und Situation


Die Erfahrung der Kinderstube lehrt also, dass die Kinder, auch wenn sie von der Sprache der Erwachsenen schon mancherlei gelernt haben, nie etwas Anderes als die Welt ihrer Stube Situation mit den Worten verbinden. Es ist das auch nicht anders möglich, weil doch Sprache nur aus Erinnerungszeichen besteht. Hätte ein Kind auch den ganzen Sprachschatz seines Volkes auswendig gelernt, es könnte mit ihm dennoch nicht über den Horizont seiner Kinderstube hinaus denken. Das ist ja der Grundfehler aller Schule, dass sie die Sprache ohne das dazugehörige Weltbild bietet.

In den Zeiten der Sprachentstehung muß die Sache klarer gelegen haben. Nicht einmal alles, was dem Horizonte des Einzelnen angehörte, konnte er ausdrücken. Da Sprache als etwas zwischen den Menschen entstand, konnten die ältesten Sprachlaute nur ausdrücken, was in der betreffenden Gruppe gemeinsamer Horizont war. Und anderseits macht uns der gemeinsame Horizont verständlich, dass ein einziger Sprachlaut je nach der Situation Verschiedenes bezeichnen konnte. Die Sprache war und ist ihrem Wesen nach deiktisch, hinweisend. Der ausgestreckte Zeigefinger deutete und bedeutete je nach der Situation tausenderlei Dinge.

Die Wichtigkeit der Situation, das heißt des augenblicklich im Gehirn des Sprechenden oder Hörenden vorhandenen Weltbildes, wird uns aus unserer Kritik des Apperzeptionsbegriffs deutlich werden. Ich werde da mit dem Vorbehalte, dass man von Apperzeption lieber gar nicht mehr sprechen sollte, zu lehren suchen, dass man die Apperzeption höchstens definieren könne als: die Anwendung des persönlichen Wortschatzes auf ein sich der Wahrnehmung aufdrängendes Ding. Jetzt wollen wir einmal sehen, welche Bedeutung die Situation, um dieses Wort beizubehalten, in unserer hoch entwickelten Sprache habe. Wir werden schon hier erkennen, dass auch die verwickeltsten logischen Gedankenreihen immer nur das im Gehirn vorhandene Weltbild zurückrufen, dass etwa noch die Aufmerksamkeit auf einen besonderen Punkt dieses Weltbildes gelenkt wird und dass im besten Falle noch ein neues sich aufdrängendes Ding hinzukommt. Ich folge dabei vielfach den Untersuchungen Wegeners, die meine Auffassung von der Apperzeption und dem psychologischen Subjekt; sehr erfreulich ergänzen.

Wir müssen dabei vollständig absehen von den Kategorien der Grammatik. Wenn am zweiten September 1870 ein Berliner Schulmädchen in ihre Klasse stürzte mit dem Rufe "Napoleon gefangen", so deckte sich zufällig das psychologische Subjekt mit dem grammatischen. Das Bekannte, das Gleichgültige, das, was man sich an den Sohlen abgelaufen hatte, Napoleon, war zufällig das Subjekt der Neuigkeit. Im Kopfe des Berliners verband sich mit dem Worte Napoleon die Vorstellung des unfähigen, ehrgeizigen oder verzweifelten Franzosenkaisers, die Kriegserklärung, zahlreiche Schlachten, Gefahr, Haß, Verachtung, die Kaiserin Eugenie usw. Das Wichtige, die Neuigkeit, das neue Moment war "er ist gefangen". Das war zufällig auch das grammatische Prädikat.

Es kann sprachlich ganz anders kommen. Wenn ein Kassenbote einen Wechsel präsentiert, so ist sein stummes Vorzeigen des Papiers die Neuigkeit, das Prädikat. Das ganze Schuldverhältnis, wie es dem Schuldner im Geiste gegenwärtig ist, ist das psychologische Subjekt. Wäre es ein Schuldschein gewesen und hätte der Gläubiger brieflich gemahnt, so hätte das Ganze die Form eines komplizierten Satzes angenommen. Es wäre aus Höflichkeit das psychologische Subjekt ausführlich dargelegt worden. "Sie haben zu der und jener Zeit aus diesem oder jenem Grunde Geld gebraucht; ich habe es Ihnen geliehen. Sie haben an dem und dem Tage einen Schuldschein unterschrieben und sich zur Rückzahlung am heutigen Tage verpflichtet: zahlen Sie." Das psychologische Prädikat liegt in dem allein wichtigen und gewissermaßen neuen Moment "zahlen Sie". Wäre das Prädikat allein ausgesprochen worden, der Schuldner hätte sich das psychologische Subjekt schon hinzugedacht.

Wegener (Untersuchungen über die Grundfragen des Sprachlebens S. 21 f.) unterscheidet sehr gut zwischen verschiedenen Voraussetzungen der Situation. Immer ist es die Situation, Welche das psychologische Prädikat erst erklärt. Es gibt eine Situation der Anschauung, wie wenn z. B. in einer Gesellschaft Herr Müller — das neue Ding — vorgestellt werden soll und der Vorstellende mit einer einfachen Handbewegung sagt: "Herr Müller." Ein Pedant nur würde das psychologische Subjekt mit aussprechen und sagen: "Wir sind hier im Hause des Herrn Schulze lauter alte Bekannte beisammen bis auf diesen einen Herrn, dessen Namen ich darum ausdrücklich nennen will. Dieser Herr heißt Müller." Eine solche Form der Vorstellung wäre aber nicht nur pedantisch, sondern nach dem Sprachgebrauch sogar unhöflich. Eine Handbewegung tritt für das psychologische Subjekt ein. Und so wirksam ist die Anschauung, dass kein Anwesender auf den Gedanken kommt, der Vorstellende meine mit "Herr Müller" seine dabei vorgezeigte Hand. Es gibt weiter eine Situation der Erinnerung. Wenn wir zu zweien den Konzertsaal verlassen und ich "herrlich" sage, so meint mein Begleiter nicht, ich hätte das Wetter oder die Beleuchtung oder sonst etwas gemeint. Er bezieht das Prädikat mit Sicherheit auf das eben gehörte Musikstück. Ich brauche nicht erst auseinanderzusetzen, dass diese einfachen Fälle auch auf wissenschaftliche Unterhaltungen Anwendung finden. Es gibt ferner eine Situation des Interesses, welche Wegener nicht ganz glücklich die Situation des Bewußtseins nennt. Jedes Individuum, jede kleine und große Menschengruppe, jedes Volk hat ein bestimmtes Weltbild, das sich von dem Weltbild anderer Individuen, anderer Gruppen, anderer Völker unterscheidet. Diese Weltbilder sind Situationen des Interesses und erklären entweder ausdrücklich oder stillschweigend das psychologische Prädikat. Man denke einmal daran, welchen Sinn das Wort "Hundertmarkschein" im Munde eines Arbeiters und eines Bankiers, eines Studenten und eines Finanzministers, eines Zeichners und eines Falschmünzers, eines Deutschen und eines Franzosen habe. Wird z. B. mit dem Worte Hundertmarkschein der Preis eines bestimmten Quantums Korn bezeichnet, so kann unter Umständen das Korn oder das Geld das psychologische Prädikat sein, und das psychologische Subjekt wird unter Umständen sich nur in einem dicken Bande vollständig ausdrücken lassen.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 22.04.2006 
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