Akkusativ


Diese scheinbare Abschweifung wäre nicht fruchtlos gewesen, wenn sie auch nur zu der Bemerkung geführt hätte, dass eine ungenaue Psychologie unklar bald den Akkusativ, bald den Dativ für das gleicherweise "leidende" Objekt eintreten läßt. Die Abschweifung war aber notwendig, um das Wesen des Akkusativs besser als bisher zu erklären und daranfügen zu können, warum sein Sinn unbestimmt bleiben mußte. Wir haben gesehen, dass der einfache Satz (Subjekt und Prädikat) nicht eine Assoziation von zwei Begriffen ist, sondern nur die Auseinanderbreitung Eines Begriffs. Mit einem Blick lassen sich beide Begriffe umfassen, weil der eine im anderen enthalten ist. Das Auge braucht sich gewissermaßen beim einfachen Satze noch nicht zu bewegen. Mit dem einzigen Hinweis des Zeigefingers deuten wir auf das Kind, das schläft, auf den Baum, der blüht usw. Auf das Objekt brauchen wir nicht hinzuweisen, weil das Objekt selbst dem Finger die Richtung gab. Ich deute mit dem Einger auf den Baum, der blüht. Vollzieht sich die Veränderung aber nicht in mir selbst, sondern in der Außenwelt, so muß ich allerdings das Auge bewegen, den Einger hin und her führen, zwei Begriffe assoziieren. "Der Fischer fischt den Fisch", "der Schlächter schlachtet das Schlachtvieh". Ich wähle absichtlich etymologisch so nah verwandte Worte. Die einfachen Sätze "der Fischer fischt", "der Schlächter schlachtet" deuten noch auf keine Veränderung in der Außenwelt extra hin; erst wenn eine solche Veränderung hervorgerufen wird, assoziieren wir einen neuen Begriff. Und die Sprachen haben sich gewöhnt, diejenigen Begriffe, an denen die durch eine Tätigkeit hervorgerufene Veränderung wahrnehmbar wird, in der Kasusform des Akkusativs auszudrücken.

Welches soll nun der gemeinsame Sinn dieses Akkusativs sein? Solange wir uns im Banne der Sprache befinden, werden wir ganz einfach sagen: er bedeute, dass der Gegenstand eine Veränderung erleide, dass er das Ziel einer Tätigkeit sei und dergleichen mehr. Ein genaues Hinhorchen auf unsere eigene Sprache muß uns aber darüber belehren, dass das nur bildliche Worte für durchaus unvergleichbare und unzusammenhängende Verhältnisse sind. Nur unter dem Banne der Sprache, die sich eine Analogie aller Akkusative eingeredet hat, um den Akkusativ analogisch auf alle Objekte anwenden zu können, werden wir den Akkusativen: der Schlächter schlachtet das Rind, ich liebe die Arbeit, ich schreibe einen Brief, ich nenne dich mein Heimchen, Gelegenheit macht Diebe usw. einen gemeinsamen Sinn unterlegen können.

Man hat ebenso wie beim Genitiv auch beim Akkusativ eine logische Einteilung in verschiedene Bedeutungen herauszufinden gesucht. Ich habe vorhin beim Genitiv den Punkt nicht erwähnt, auf den ich jetzt hinweisen muß. Angenommen auch, es sei eine solche logische Einteilung da oder dort möglich, will dann irgend ein Grammatiker der Welt behaupten, dass beim lebendigen Gebrauch der Kasusformen irgend ein Bewußtsein oder auch nur die dunkelste Ahnung der logischen Einteilung vorhanden sei? Für das Sprachgefühl des Nichtgeschulten gibt es nur einen Genitiv, nur einen Akkusativ. Die Unbestimmtheit des Sinns jeder einzelnen Kasusform ist so groß, dass nichts weiter übrig bleibt, als von ihnen zu sagen: sie deuten Beziehungen an. Die umgebende Wirklichkeit, respektive die wachgerufene Erinnerung an sie gibt den Kasusformen in der jeweiligen Anwendung erst ihren besonderen Sinn. Ich brauche für Fachleute nicht erst hinzuzufügen, dass für die übrigen Kasus noch in höherem Maße gilt, was ich für den Genitiv und Akkusativ nachgewiesen habe.

Übrigens ist die Tatsache, dass wir in unseren neueren Kultursprachen mit vier Kasus auskommen, während anderswo acht Kasus nötig sind, nur ein Beweis dafür, dass die Sprache in ihrer Entwickelung allmählich darauf Verzicht geleistet hat, für unbestimmte und unklare Unterscheidungen besondere Kategorien fest zu halten. Und ich bin ganz überzeugt davon: wenn wir nicht die Kasus von den griechischen Schulmeistern überkommen hätten und die Sprache und die Grammatik der neueren Sprachen sich nicht hier und überall wechselseitig beeinflußt hätten, man würde im Französischen und Englischen längst nicht mehr von diesen Kasusformen sprechen. Ein grammatisches Genie, meine ich, das ohne Kenntnis der alten Sprachen und der ererbten Grammatik einzig und allein auf das Englische oder Französische angewiesen wäre und eine Grammatik einer dieser Sprachen schreiben würde, käme gar nicht auf den Gedanken, unsere Kasusformen aufzustellen. Höchstens würde es sich über einzelne seltsame Wortveränderungen (wie den sächsischen Genitiv) verwundern.

Damit auch hier die  Lächerlichkeit der Pedanten nicht fehle, lernen unsere Schüler als eine grammatische Weisheit, dass die Kasusformen die Antworten seien auf die Fragen: wer? wessen? wem? wen? Und Kinder und Grammatiker glauben mitunter die Bedeutung oder den Sinn der einzelnen Kasusformen in diesen Fragen zu besitzen. Ich brauche kaum hervorzuheben, dass diese Fragen nichts sind als die allgemeinsten und abstraktesten Wiederholungen eben der Kasusformen. Nur weil wir uns in dem Irrtum befinden, dass jede Kasusform einen bestimmten Sinn habe, darum bilden wir uns ein, die allgemeine Kasusform (die Frage: wer? wessen? wem? wen?) erkläre uns irgend etwas.


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