16. Die phänomenologische Auflösung aller philosophischen Gegensätze


In der systematischen, von den anschaulichen Gegebenheiten zu den abstrakten Höhen fortschreitenden Arbeit der Phänomenologie lösen sich von selbst und ohne Künste einer argumentierenden Dialektik und ohne schwächliche Bemühung und Kompromisse die altüberlieferten vieldeutigen Gegensätze philosophischer Standpunkte auf, Gegensätze wie die zwischen Rationalismus (Platonismus) und Empirismus, Relativismus und Absolutismus, Subjektivismus und Objektivismus, Ontologismus und Transzendentalismus, Psychologismus und Antipsychologismus, Positivismus und Metaphysik, teleologischer und kausalistischer Weltauffassung. Überall berechtigte Motive, überall aber Halbheiten oder unzulässige Verabsolutierungen von nur relativ und abstraktiv berechtigten Einseitigkeiten. Der Subjektivismus kann nur durch den universalsten und konsequentesten Subjektivismus (den transzendentalen) überwunden werden. In dieser Gestalt ist er zugleich Objektivismus, sofern er das Recht jedweder durch einstimmige Erfahrung auszuweisenden Objektivität vertritt, aber freilich auch ihren vollen und echten Sinn zur Geltung bringt, an dem sich der vermeinte realistische Objektivismus in seinem Unverständnis der transzendentalen Konstitution versündigt. Der Relativismus kann nur durch den universalsten Relativismus überwunden werden, den der transzendentalen Phänomenologie, die die Relativität alles »objektiven« Seins als transzendental konstituierten verständlich macht, aber in eins damit auch die radikalste Relativität, die der transzendentalen Subjektivität auf sich selbst. Eben dies weist sich aber als der einzig mögliche Sinn des »absoluten« Seins aus — gegenüber allem zu ihm relativen »objektiven« Sein — nämlich als »Für-sich-selbst«-Sein der transzendentalen Subjektivität. Wieder: der Empirismus kann nur durch den universalsten und konsequentesten Empirismus überwunden werden, der für die beschränkte »Erfahrung« der Empiristen den notwendig erweiterten Erfahrungsbegriff der originär gebenden Anschauung setzt, die in allen ihren Gestalten (Anschauung vom Eidos, apodiktische Evidenz, phänomenologische Wesensanschauung usw.) durch phänomenologische Klärung Art und Form ihrer Rechtgebung erweist. Die Phänomenologie als Eidetik ist andererseits rationalistisch; sie überwindet aber den beschränkten dogmatischen Rationalismus durch den universalsten der auf die transzendentale Subjektivität, auf Ich, Bewußtsein und bewußte Gegenständlichkeit einheitlich bezogenen Wesensforschung. Ebenso hinsichtlich der anderen mitverflochtenen Gegensätze. Die Zurückführung alles Seins auf die transzendentale Subjektivität und ihre konstitutiven intentionalen Leistungen läßt, um noch eins zu erwähnen, keine andere als eine teleologische Weltbetrachtung offen. Und doch erkennt die Phänomenologie auch einen Kern der Wahrheit dem Naturalismus (bzw. Sensualismus) zu. Indem sie nämlich die Assoziationen als ein intentionales Phänomen sichtlich macht, ja als eine ganze Typik von Gestalten passiver intentionaler Synthesis mit einer Wesensgesetzmäßigkeit transzendentaler und rein passiver Genesis, weist sie im Humeschen Fiktionalismus, insbesondere in seiner Lehre vom Ursprung der Fiktionen Ding, verharrende Existenz, Kausalität Vorentdeckungen nach, verhüllt in absurden Theorien.

Die phänomenologische Philosophie sieht sich in ihrer ganzen Methode als reine Auswirkung der methodischen Intentionen an, die schon die griechische Philosophie seit ihren Anfängen bewegen; vor allem aber der noch lebendigen Intentionen, die von Descartes in den beiden Linien des Rationalismus und Empirismus über Kant und den deutschen Idealismus in unsere verworrene Gegenwart hineinreichen. Reine Auswirkung methodischer Intentionen besagt wirkliche Methode, die die Probleme in die Bahnen konkret handanlegender und erledigender Arbeit bringt. Diese Bahn ist in der Weise echter Wissenschaft eine unendliche. Demnach fordert die Phänomenologie vom Phänomenologen, für sich dem Ideal eines philosophischen Systems zu entsagen und doch als bescheidener Arbeiter in Gemeinschaft mit anderen für eine philosophia perennis zu leben.


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