§ 59. Ontologische Explikation und ihre Stelle im Ganzen der konstitutiven transzendentalen Phänomenologie


Durch die zusammenhängenden Stücke ausführender Analyse und zum Teil durch die damit Hand in Hand gehende Vorzeichnung einer unabweisbaren neuen Problematik und der von ihr aus geforderten Ordnungsform haben wir philosophisch grundlegende Einsichten gewonnen. Ausgehend von der als seiend vorgegebenen Erfahrungswelt und, im Übergang in die eidetische Einstellung, von einer als seiend vorgegeben gedachten Erfahrungswelt überhaupt, haben wir transzendentale Reduktion geübt, d. i. wir sind zurückgegangen auf das in sich die Vorgegebenheit und alle Weisen nachfolgender Gegebenheit konstituierende transzendentale Ego bzw. in eidetischer Selbstabwandlung auf ein transzendentales Ego überhaupt.

Es war somit gefaßt als ein in sich welterfahrendes, Welt in Einstimmigkeit ausweisendes. Dem Wesen solcher Konstitution und ihren egologischen Stufen nachgehend haben wir ein völlig neuartiges Apriori, eben das der Konstitution sichtlich gemacht. Wir haben abscheiden gelernt: Die Selbstkonstitution des Ego für sich selbst und in seiner primordialen Eigenwesentlichkeit und die Konstitution aller Fremdheiten verschiedener Stufe aus Quellen der Eigenwesentlichkeit. Es resultierte die universale Einheit der in meinem eigenen Ego sich vollziehenden Gesamtkonstitution in ihrer Wesensform, als deren Korrelat die objektiv seiende Welt für mich und ein Ego überhaupt beständig vorgegebene ist und sich in Sinnesschichten fortgestaltende ist; das aber in einem korrelativen apriorischen Formstil. Und diese Konstitution ist selbst ein Apriori. Es zeigt sich in diesen radikalsten und konsequenten Auslegungen des in meinem Ego und in meinen Wesensabwandlungen selbst intentional Beschlossenen und sich intentional Motivierenden, daß die allgemeine faktische Struktur der gegebenen objektiven Welt, ihr Aufbau als bloße Natur, als Animalität, als Menschlichkeit, Sozialität verschiedener Stufen und Kultur, in sehr weitem Maße, und vielleicht viel weiter, als wir schon einsehen können, eine Wesensnotwendigkeit ist. Das ergibt als verständliche und notwendige Folge, daß auch die Aufgabe einer apriorischen Ontologie der realen Welt, die eben die Herausstellung des zu ihrer Universalität gehörigen Apriori ist, eine unabweisbare ist, aber andrerseits eine einseitige und nicht im Endsinne philosophische. Denn ein derart ontologisches Apriori (wie das der Natur, der Animalität, der Sozialität und der Kultur) verleiht zwar dem ontischen Faktum, der faktischen Welt in ihren Zufälligkeiten eine relative Verständlichkeit, die einer einsichtigen Notwendigkeit des Soseins aus Wesensgesetzen, aber nicht die philosophische, d. i. die transzendentale Verständlichkeit. Die Philosophie fordert ja Erklärung aus den letzten und konkretesten Wesensnotwendigkeiten, und das sind diejenigen, die der wesensmäßigen Verwurzelung jeder objektiven Welt in der transzendentalen Subjektivität genugtun, also die Welt als konstituierten Sinn konkret verständlich machen. Und damit erst erschließen sich die höchsten und letzten Fragen, die sich selbst noch an die so verstandene Welt stellen lassen.

Es war ein Erfolg schon der anfangenden Phänomenologie, daß ihre Methode reiner, aber zugleich eidetischer Intuition zu Versuchen einer neuen Ontologie geführt hat, grundwesentlich verschieden von der mit anschauungsfernen Begriffen logisch operierenden des 18. Jahrhunderts, oder was dasselbe, zu Versuchen eines aus konkreter Anschauung direkt schöpfenden Aufbaus apriorischer Einzelwissenschaften (reine Grammatik, reine Logik, reine Rechtslehre, Wesenslehre der intuitiv erfahrenen Natur usw.) und einer sie umspannenden allgemeinen Ontologie der objektiven Welt. Es steht in dieser Hinsicht nichts im Wege, zunächst ganz konkret mit unserer menschlichen Lebensumwelt und mit dem Menschen selbst als wesensmäßig auf diese Umwelt bezogenem anzufangen und eben rein intuitiv das überaus reichhaltige und nie herausgestellte Apriori einer solchen Umwelt überhaupt zu erforschen, es zum Ausgang einer systematischen Auslegung der Wesensstrukturen menschlichen Daseins und sich korrelativ in ihm erschließender Weltschichten zu nehmen. Aber was da geradehin gewonnen wird, obschon ein System des Apriori, wird erst ein philosophisch verständliches — nach dem vorhin Gesagten — und auf letzte Verständnisquellen zurückbezogenes Apriori, wenn eben die konstitutive Problematik als die der spezifisch philosophischen Stufe eröffnet, wenn damit der natürliche Erkenntnisboden mit dem transzendentalen vertauscht wird. Darin liegt, daß alles Natürliche, geradehin Vorgegebene in neuer Ursprünglichkeit wieder aufgebaut, und nicht etwa bloß nachkommend als schon Endgültiges interpretiert wird. Daß überhaupt ein aus eidetischer Intuition schöpfendes Verfahren phänomenologisch genannt wird und philosophische Bedeutung beansprucht, das hat einzig sein Recht darin, daß im konstitutiven Zusammenhang jede echte Intuition ihre Stelle hat. Daher dient jede in der Positivität intuitiv vollzogene ontologische Feststellung der prinzipiellen (axiomatischen) Grundlagensphäre als eine sogar a priori unentbehrliche Vorarbeit; sie liefert den transzendentalen Leitfaden für die Herausstellung der vollen konstitutiven Konkretion in ihrer noetisch-noematischen Doppelseitigkeit. Wie Bedeutsames und völlig Neues dieser Rückgang in das Konstitutive erschließt — abgesehen von der mit ihm sich vollziehenden Erschließung verborgener Sinneshorizonte auf ontischer Seite, deren Übersehen den Wert der apriorischen Feststellungen wesentlich beschränkt und ihre Anwendung unsicher macht —, das zeigen die monadologischen Ergebnisse unserer Untersuchung.


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