§ 60. Metaphysische Ergebnisse unserer Auslegung der Fremderfahrung


Sie sind metaphysisch, wenn es wahr ist, daß letzte Seinserkenntnisse metaphysische zu nennen sind. Aber nichts weniger als Metaphysik im gewohnten Sinne ist hier in Frage, als welche eine historisch entartete Metaphysik ist, die nichts weniger als dem Sinn gemäß ist, mit dem Metaphysik als Erste Philosophie ursprünglich gestiftet worden war. Die rein intuitive, konkrete und zudem apodiktische Ausweisungsart der Phänomenologie schließt alle metaphysischen Abenteuer, alle spekulativen Überschwenglichkeiten aus. Heben wir einiges aus unseren metaphysischen Ergebnissen heraus unter Beifügung weiterer Konsequenzen. Mein mir selbst apodiktisch gegebenes Ego, das einzige in absoluter Apodiktizität von mir als seiend zu setzende, kann a priori nur welterfahrendes Ego sein, indem es mit anderen seinesgleichen in Gemeinschaft ist, Glied einer von ihm aus orientiert gegebenen Monadengemeinschaft. Konsequentes Sich-ausweisen der objektiven Erfahrungswelt impliziert konsequentes Sich-ausweisen von anderen Monaden als seienden. Umgekehrt ist keine Monadenmehrheit für mich denkbar denn als eine explizite oder implizite vergemeinschaftete; darin liegt: eine objektive Welt in sich konstituierende und in ihr sich selbst — als animalische und im besonderen menschlichen Wesen — verräumlichende, verzeitlichende, realisierende. Das Zusammensein von Monaden, ihr bloßes Zugleichsein bedeutet wesensnotwendig Zeitlich-zugleichsein, und dann auch Verzeitlicht-sein in der Form realer Zeitlichkeit.

Aber daran schließen sich noch weitere höchst wichtige metaphysische Ergebnisse. Ist es erdenklich (für mich, der ich das sage, und von mir aus wieder für jeden Erdenklichen, der das sagen mag), daß mehrere getrennte, d. i. miteinander nicht vergemeinschaftete Monadenvielheiten koexistieren, deren jede also eine eigene Welt konstituiert, also zwei ins Unendliche getrennte Welten, zwei unendliche Räume und Raum-Zeiten? Offenbar ist das statt einer Erdenklichkeit ein purer Widersinn. A priori hat jede solche Monadengruppe freilich als Einheit einer Intersubjektivität, und einer möglicherweise jeder aktuellen Gemeinschaftsbeziehung mit der anderen entbehrenden, ihre möglicherweise ganz anders aussehende Welt. Aber diese beiden Welten sind dann notwendig bloße Umwelten dieser Intersubjektivitäten und bloße Aspekte einer einzigen, ihnen gemeinsamen objektiven Welt. Denn die beiden Intersubjektivitäten stehen nicht in der Luft; als von mir erdachte stehen sie beide mit mir als der konstituierenden Urmonade für sie (bzw. mit mir in einer Möglichkeitsabwandlung meiner selbst) in notwendiger Gemeinschaft. Sie gehören also in Wahrheit in eine einzige, mich selbst mit umschließende Allgemeinschaft, die alle als koexistierend zu denkenden Monaden und Monadengruppen in eins faßt. Es kann also nur eine einzige Monadengemeinschaft, die aller koexistierenden Monaden, in Wirklichkeit geben, demnach nur eine einzige objektive Welt, nur eine einzige objektive Zeit, nur einen objektiven Raum, nur eine Natur, und es muß, wenn überhaupt in mir Strukturen angelegt sind, die das Mit-Sein der anderen Monaden implizieren, diese eine einzige Natur geben. Nur das ist möglich, daß verschiedene Monadengruppen und Welten so zueinander stehen, wie die den für uns unsichtigen Gestirnwelten eventuell zugehörigen zu uns selbst stehen, also mit Animalien, die jedes aktuellen Konnexes mit uns entbehren. Ihre Welten sind aber Umwelten mit offenen, nur faktisch, nur zufälligerweise für sie nicht erschließbaren Horizonten.

Der Sinn dieser Einzigkeit der monadologischen Welt und der ihr eingeborenen objektiven Welt muß aber recht verstanden werden. Natürlich hat Leibniz recht, wenn er sagt, daß unendlich viele Monaden und Monadengruppen denkbar sind, aber darum nicht alle diese Möglichkeiten kompossibel, und wieder, daß unendlich viele Welten hätten geschaffen sein können, aber nicht mehrere zugleich, da sie inkompossibel sind. Es ist hier zu beachten, daß ich zunächst mich selbst, dieses apodiktischfaktische Ego, in freier Variation umdenken kann, und so das System der Möglichkeitsabwandlungen meiner selbst gewinnen, deren jede aber durch jede andere und durch das Ego, das ich wirklich bin, aufgehoben ist. Es ist ein System apriorischer Inkompossibilität. Ferner, das Faktum Ich bin schreibt vor, ob und welche anderen Monaden für mich andere sind; ich kann sie nur finden, aber nicht, welche für mich sein sollen, schaffen. Denke ich mich in eine reine Möglichkeit um, so schreibt auch sie wieder vor, welche Monaden für sie als andere sind. Und so weitergehend erkenne ich, daß jede Monade, die als konkrete Möglichkeit Geltung hat, ein kompossibles Universum, eine geschlossene Monadenwelt vorzeichnet, und daß zwei Monadenwelten in derselben Art inkompossibel sind wie zwei Möglichkeitsabwandlungen meines Ego und ebenso irgendeines vorausgesetzt gedachten Ego überhaupt.

Man versteht von solchen Ergebnissen und von dem Gang der zu ihnen führenden Untersuchungen aus, wie Fragen sinnvoll werden (gleichgültig, wie sie sich entscheiden mögen), die für die Tradition jenseits aller wissenschaftlichen Grenzen liegen mußten, so Probleme, an die wir früher schon rührten.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 08.01.2009 
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