§ 29. Die material- und formalontologischen Regionen als Indizes transzendentaler Systeme von Evidenzen


Man versteht nun die großen Aufgaben transzendentaler Selbstauslegung des Ego bzw. seines Bewußtseinslebens, die hinsichtlich der in diesem selbst gesetzten und zu setzenden Gegenständlichkeiten erwachsen. Der Titel wahrhaftes Sein und Wahrheit (nach allen Modalitäten) bezeichnet für jeden der für mich als transzendentales Ego vermeinten und je zu vermeinenden Gegenstände überhaupt eine Strukturscheidung innerhalb der unendlichen Mannigfaltigkeiten von wirklichen und möglichen cogitationes, die sich auf ihn beziehen, also überhaupt zur Einheit einer Identitätssynthesis zusammenstehen können. Wirklich seiender Gegenstand indiziert innerhalb dieser Mannigfaltigkeit ein Sondersystem, das System auf ihn bezogener Evidenzen, derart synthetisch zusammengehörig, daß sie sich zu einer, wenn auch vielleicht unendlichen Totalevidenz zusammenschließen. Es wäre das eine absolut vollkommene Evidenz, die den Gegenstand schließlich nach allem, was er ist, selbst geben würde, in deren Synthesis alles, was in den sie fundierenden Einzelevidenzen noch unerfüllte Vorintention ist, zu adäquater Erfüllung kommen würde. Nicht diese Evidenz wirklich herzustellen — für alle objektiv-realen Gegenstände wäre das, da, wie ausgeführt, eine absolute Evidenz für sie eine Idee ist, ein unsinniges Ziel — sondern ihre Wesensstruktur bzw. die Wesensstruktur der ihre ideale unendliche Synthesis systematisch aufbauenden Unendlichkeitsdimensionen nach allen inneren Strukturen klarzulegen, ist eine ganz bestimmte und gewaltige Aufgabe — es ist die der transzendentalen Konstitution seiender Gegenständlichkeit in einem prägnanten Wortsinn. Neben den formal allgemeinen Untersuchungen, nämlich denjenigen, die sich an den formal-logischen (formal-ontologischen) Begriff des Gegenstandes überhaupt halten (also unempfindlich sind gegen die materialen Besonderheiten der verschiedenen Sonderkategorien von Gegenständen), haben wir dann die, wie sich zeigt, gewaltige Problematik derjenigen Konstitution, die sich für je eine der obersten, nicht mehr formal-logischen Kategorien (der Regionen) von Gegenständen ergibt: so der Regionen, die unter dem Titel objektive Welt stehen. Es bedarf einer konstitutiven Theorie der immer als seiend gegebenen, und darin liegt zugleich immer vorausgesetzten, physischen Natur, des Menschen, der menschlichen Gemeinschaft, der Kultur usw. Jeder solche Titel bezeichnet eine große Disziplin mit verschiedenen, den naiv ontologischen Teilbegriffen (wie realer Raum, reale Zeit, reale Kausalität, reales Ding, reale Eigenschaft usw.) entsprechenden Untersuchungsrichtungen. Natürlich handelt es sich überall um Enthüllung der in der Erfahrung selbst als transzendentalem Erlebnis implizierten Intentionalität, um eine systematische Auslegung der vorzeichnenden Horizonte durch Überführung in mögliche erfüllende Evidenz und so immer wieder der in ihnen nach einem bestimmten Stil eben immer wieder erwachsenden neuen Horizonte, das aber unter beständigem Studium der intentionalen Korrelationen. Ein höchst komplizierter intentionaler Aufbau der konstituierenden Evidenzen in ihrer synthetischen Einheit zeigt sich dabei hinsichtlich der Objekte, z. B. eine Fundierung in Stufen nicht objektiver (bloß subjektiver) Gegenstände, aufsteigend aus dem untersten gegenständlichen Grund. Als dieser fungiert stets die immanente Zeitlichkeit, das strömende, sich in sich und für sich selbst konstituierende Leben — dessen konstitutive Aufklärung das Thema der Theorie des ursprünglichen, in sich zeitliche Daten konstituierenden Zeitbewußtseins ist.


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