§ 32. Das Ich als Substrat von Habitualitäten


Aber nun ist zu bemerken, daß dieses zentrierende Ich nicht ein leerer Identitätspol ist (ebensowenig irgendein Gegenstand das ist), sondern vermöge einer Gesetzmäßigkeit der transzendentalen Genesis mit jedem der von ihm ausstrahlenden Akte eines neuen gegenständlichen Sinnes eine neue bleibende Eigenheit gewinnt. Entscheide ich mich z. B. erstmalig in einem Urteilsakte für ein Sein und Sosein, so vergeht dieser flüchtige Akt, aber nunmehr bin ich, und bleibend, das so und so entschiedene Ich, ich bin der betreffenden Überzeugung. Das sagt aber nicht bloß, ich erinnere mich oder kann mich weiterhin des Aktes erinnern. Das kann ich auch, wenn ich inzwischen meine Überzeugung aufgegeben habe. Nach der Durchstreichung ist sie nicht mehr meine Überzeugung, aber sie ist es bis zu ihr hin bleibend gewesen. Solange sie für mich geltende ist, kann ich auf sie wiederholt zurückkommen und finde sie immer wieder als die meine, die mir habituell eigene, bzw. ich finde mich als das Ich, das überzeugt ist — durch diesen bleibenden Habitus als verharrendes Ich bestimmt ist; ebenso für jederlei Entscheidungen, Wert- und Willensentscheidungen. Ich entschließe mich — das Akterlebnis verströmt, aber der Entschluß verharrt — ob ich passiv werdend in dumpfen Schlaf versinke oder andere Akte durchlebe — er ist fortdauernd in Geltung; korrelativ: ich bin hinfort der so Entschlosene, und solange, als ich den Entschluß nicht aufgebe. Ist er auf eine abschließende Tat gerichtet, so ist er durch diese Erfüllung nicht etwa aufgehoben, im Modus der Erfüllung gilt er weiter — ich stehe weiter zu meiner Tat. Ich selbst, der in meinem bleibenden Willen Verharrende, ändere mich, wenn ich Entschlüsse oder Taten durchstreiche, aufhebe. Das Verharren, das zeitliche Dauern solcher ichlichen Bestimmtheiten und das ihnen eigentümliche Sich-Verändern besagt offenbar keine kontinuierliche Füllung der immanenten Zeit mit Erlebnissen, wie denn das bleibende Ich selbst als Pol bleibender Ich-Bestimmtheiten kein Erlebnis und keine Erlebniskontinuität ist, obschon doch wesensmäßig mit solchen habituellen Bestimmtheiten zurückbezogen auf den Erlebnisstrom. Indem aus eigener aktiver Genesis das Ich sich als identisches Substrat bleibender Ich-Eigenheiten konstituiert, konstituiert es sich in weiterer Folge auch als stehendes und bleibendes personales Ich — in einem allerweitesten Sinn, der auch von untermenschlichen Personen zu sprechen gestattet. Sind auch die Überzeugungen im allgemeinen nur relativ bleibende, haben sie ihre Weisen der Veränderung (durch Modalisierung der aktiven Positionen, darunter Durchstreichung oder Negation, Zunichtemachung ihrer Geltung), so bewährt das Ich in solchen Veränderungen einen bleibenden Stil, einen personalen Charakter.


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