§ 64. Schlußwort


Unsere Meditationen haben, so dürfen wir wohl sagen, ihren Zweck im wesentlichen erfüllt: nämlich die konkrete Möglichkeit der Cartesianischen Idee einer Philosophie als einer universalen Wissenschaft aus absoluter Begründung darzutun. Der Erweis dieser konkreten Möglichkeit, die praktische Durchführbarkeit — wenn auch, wie selbstverständlich, in der Form eines unendlichen Programms —, besagt den Erweis eines notwendigen und zweifellosen Anfangs und einer ebenso notwendigen, immer wieder zu betätigenden Methode, mit welcher sich zugleich eine Systematik der überhaupt sinnvollen Probleme vorzeichnet. So weit sind wir in der Tat schon gekommen. Das einzige, was übrig bleibt, ist die leicht verständliche Verzweigung der transzendentalen Phänomenologie, wie sie als anfangende Philosophie erwächst, in objektive Einzelwissenschaften, und ihre Beziehung zu den exemplarisch vorgegebenen Wissenschaften der naiven Positivität. Auf diese letzteren lenken wir nun unseren Blick.

Das tägliche praktische Leben ist naiv, es ist ein in die vorgegebene Welt Hineinerfahren, Hineindenken, Hineinwerten, Hineinhandeln. Dabei vollziehen sich alle die intentionalen Leistungen des Erfahrens, wodurch die Dinge schlechthin da sind, anonym: Der Erfahrende weiß von ihnen nichts; ebenso nichts vom leistenden Denken: Die Zahlen, die prädikativen Sachverhalte, die Werte, die Zwecke, die Werke treten dank den verborgenen Leistungen auf, Glied für Glied sich aufbauend; sie sind allein im Blick. Nicht anders in den positiven Wissenschaften. Sie sind Naivitäten höherer Stufe, Werkgebilde einer klugen theoretischen Technik, ohne daß die intentionalen Leistungen, aus denen alles letztlich entspringt, ausgelegt worden wären. Wissenschaft beansprucht zwar, ihre theoretischen Schritte rechtfertigen zu können, und beruht überall auf Kritik. Aber ihre Kritik ist nicht letzte Erkenntniskritik, das ist Studium und Kritik der ursprünglichen Leistungen, Enthüllung aller ihrer intentionalen Horizonte, durch die allein die "Tragweite" der Evidenzen letztlich erfaßt und korrelativ der Seinssinn der Gegenstände, der theoretischen Gebilde, der Werte und Zwecke, ausgewertet werden kann. Daher haben wir, und gerade auf der hohen Stufe der modernen positiven Wissenschaften, Grundlagenprobleme, Paradoxien, Unverständlichkeiten. Die Urbegriffe, die, durch die ganze Wissenschaft hindurchgehend, den Sinn ihrer Gegenstandssphäre und ihrer Theorien bestimmen, sind naiv entsprungen, sie haben unbestimmte intentionale Horizonte, sie sind Gebilde unbekannter, nur in roher Naivität geübter intentionaler Leistungen. Das gilt nicht nur für die Spezialwissenschaften, sondern auch für die traditionelle Logik mit all ihren formalen Normen. Jeder Versuch, von den historisch gewordenen Wissenschaften her zu besserer Begründung, zu einem besseren Sich-selbst-verstehen nach Sinn und Leistung zu kommen, ist ein Stück Selbstbesinnung des Wissenschaftlers. Es gibt aber nur eine radikale Selbstbesinnung, das ist die phänomenologische. Radikale und völlig universale Selbstbesinnung sind untrennbar, und zugleich untrennbar von der phänomenologischen Methode als der Selbstbesinnung in Form der transzendentalen Reduktion, der intentionalen Selbstauslegung des durch sie erschlossenen transzendentalen Ego und der systematischen Deskription in der logischen Gestalt einer intuitiven Eidetik. Universale und eidetische Selbstauslegung besagt aber Herrschaft über alle erdenklichen dem Ego und einer transzendentalen Intersubjektivität "eingeborenen" konstitutiven Möglichkeiten.

Eine konsequent fortgeführte Phänomenologie konstruiert also a priori, doch in streng intuitiver Wesensnotwendigkeit und -allgemeinheit, die Formen erdenklicher Welten, und diese wieder im Rahmen aller erdenklichen Seinsformen überhaupt und ihres Stufensystems; das aber ursprünglich, das ist in Korrelation mit dem konstitutiven Apriori, dem der sie konstituierenden intentionalen Leistungen.

Da sie in ihrem Vorgehen keine vorgegebenen Wirklichkeiten und Wirklichkeitsbegriffe hat, sondern ihre Begriffe von vornherein aus der Ursprünglichkeit der Leistung (der selbst in ursprünglichen Begriffen gefaßten) schöpft und durch die Notwendigkeit, alle Horizonte zu enthüllen, auch alle Unterschiede der Tragweite, alle abstrakten Relativitäten beherrscht, so muß sie zu den Begriffssystemen von sich aus kommen, die den Grundsinn aller wissenschaftlichen Gebiete bestimmen. Es sind die Begriffe, welche alle formalen Demarkationen der Formidee eines möglichen Seinsuniversums überhaupt, also auch einer möglichen Welt überhaupt vorzeichnen und demnach die echten Grundbegriffe aller Wissenschaften sein müssen. Für solche, so ursprünglich gestaltete Begriffe kann es keine Paradoxien geben. Dasselbe gilt für alle Grundbegriffe, welche den Aufbau und die gesamte Aufbauform der auf die verschiedenen Seinsregionen bezogenen und zu beziehenden Wissenschaften betreffen. So sind die von uns im Vorangegangenen andeutungsweise vorgezeichneten Untersuchungen zur transzendentalen Konstitution einer Welt nichts anderes als der Anfang einer radikalen Klärung des Sinnes und Ursprunges (bzw. des Sinnes aus dem Ursprung) der Begriffe Welt, Natur, Raum, Zeit, animalisches Wesen, Mensch, Seele, Leib, soziale Gemeinschaft, Kultur usw. Es ist klar, daß die wirkliche Durchführung der bezeichneten Untersuchungen zu all den Begriffen führen müßte, die unerforscht als Grundbegriffe der positiven Wissenschaften fungieren, aber in der Phänomenologie in allseitiger Klarheit und Deutlichkeit erwachsen, die für keine erdenklichen Fraglichkeiten mehr Raum übrig lassen.

Wir können nun auch sagen, in der apriorischen und transzendentalen Phänomenologie entspringen in letzter Begründung vermöge ihrer Korrelationsforschung alle apriorischen Wissenschaften überhaupt, und in diesem Ursprung genommen gehören sie in eine universale apriorische Phänomenologie selbst mit hinein als ihre systematischen Verzweigungen. Dieses System des universalen Apriori ist also auch zu bezeichnen als systematische Entfaltung des universalen, im Wesen einer transzendentalen Subjektivität, also auch Inter­subjektivität eingeborenen Apriori, oder des universalen Logos alles erdenklichen Seins. Wieder dasselbe besagt, die systematisch voll entwickelte transzendentale Phänomenologie wäre eo ipso die wahre und echte universale Ontologie; aber nicht bloß eine leer formale, sondern zugleich eine solche, die alle regionalen Seinsmöglichkeiten in sich schlösse, und nach allen zu ihnen gehörigen Korrelationen.

Diese universale konkrete Ontologie (oder auch universale und konkrete Wissenschaftslehre, diese konkrete Logik des Seins) wäre also das an sich erste Wissenschaftsuniversum aus absoluter Begründung. Der Ordnung nach wäre die an sich erste der philosophischen Disziplinen die solipsistisch beschränkte Egologie, die des primordial reduzierten Ego, dann erst käme die in ihr fundierte intersubjektive Phänomenologie, und zwar in einer Allgemeinheit, die zunächst die universalen Fragen behandelt, um sich dann erst in die apriorischen Wissenschaften zu verzweigen.

Diese totale Wissenschaft vom Apriori wäre dann das Fundament für echte Tatsachenwissenschaften und für eine echte Universalphilosophie im Cartesianischen Sinne, eine universale Wissenschaft vom tatsächlich Seienden aus absoluter Begründung. Alle Rationalität des Faktums liegt ja im Apriori. Apriorische Wissenschaft ist Wissenschaft von dem Prinzipiellen, auf das Tatsachenwissenschaft rekurrieren muß, um letztlich eben prinzipiell begründet zu werden; — nur daß die apriorische Wissenschaft keine naive sein darf, sondern aus letzten transzendental-phänomenologischen Quellen entsprungen und so zu einem allseitigen, in sich selbst ruhenden, sich aus sich selbst rechtfertigenden Apriori gestaltet sein muß.

Schließlich möchte ich, um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, darauf hinweisen, daß die Phänomenologie, wie wir früher schon ausgeführt haben, nur jede naive und mit widersinnigen Dingen an sich operierende Metaphysik ausschließt, nicht aber Metaphysik überhaupt, und daß sie nicht etwa die die alte Tradition in der verkehrten Fragestellung und Methode innerlich treibenden Problemmotive vergewaltigt und keineswegs sagt, daß sie vor den "höchsten und letzten" Fragen halt macht. Das an sich erste Sein, das jeder weltlichen Objektivität vorangehende und sie tragende, ist die transzendentale Intersubjektivität, das in verschiedenen Formen sich vergemeinschaftende All der Monaden. Aber innerhalb der faktischen monadischen Sphäre, und als ideale Wesensmöglichkeit in jeder erdenklichen, treten alle die Probleme der zufälligen Faktizität, des Todes, des Schicksals auf (der in einem besonderen Sinne als "sinnvoll" geforderten Möglichkeit eines "echten" menschlichen Lebens, darunter auch die Probleme des "Sinnes" der Geschichte) und so weiter aufsteigend. Wir können auch sagen, es sind die ethisch-religiösen Probleme, aber gestellt auf den Boden, auf den alles, was für uns soll möglichen Sinn haben können, eben gestellt sein muß.

So verwirklicht sich die Idee einer universalen Philosophie — ganz anders, als Descartes und sein Zeitalter es sich, geleitet von der neuen Naturwissenschaft, dachten — nicht als ein universales System deduktiver Theorie, als ob alles Seiende in der Einheit einer Rechnung stünde, sondern — der grundwesentliche Sinn von Wissenschaft überhaupt hat sich damit radikal geändert — als ein System von phänomenologischen, in der Thematik korrelativen Disziplinen auf dem untersten Grunde nicht des Axioms ego cogito, sondern einer universalen Selbstbesinnung.

Mit anderen Worten: Der notwendige Weg zu einer im höchsten Sinne letztbegründeten Erkenntnis oder, was einerlei ist, einer philosophischen ist der einer universalen Selbsterkenntnis, zunächst einer monadischen, und dann intermonadischen. Wir können auch sagen: Eine radikale und universale Fortführung Cartesianischer Meditationen oder, was dasselbe, einer universalen Selbsterkenntnis ist Philosophie selbst und umspannt alle selbstverantwortliche, echte Wissenschaft.

Das Delphische Wort gnōthi seauton hat eine neue Bedeutung gewonnen. Positive Wissenschaft ist Wissenschaft in der Weltverlorenheit. Man muß erst die Welt durch epoché) verlieren, um sie in universaler Selbstbesinnung wiederzugewinnen. Noli foras ire, sagt Augustin, in te redi, in interiore nomine habitat veritas.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 13:07:47 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.01.2009 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright