Mysterium


»Die letzte Nacht, bevor wir scheiden,

Dann, doch nicht eher, bin ich dein.

Gib mir die Hand! Du sollst nicht klagen,

Ich will nichts mehr für mich allein.«

 

Sie sprach's. Und endlich kam die Stunde,

Und nur die Sterne hielten Wacht;

Nur zweier Herzen tiefes Schlagen

Und nur der Atemzug der Nacht.

 

Kein Ungestüm und kein Verzagen;

Sie löste Gürtel und Gewand

Und gab sich feierlich und schweigend

Und hülflos in der Liebe Hand.

 

Er hielt berauscht an seinem Herzen

Die Rose ihres Angesichts.

»So laß mich nun die Welt beschließen!

Nach dieser Stunde gibt sie nichts.«

 

Sie aber weinte, daß in Tränen

Ihr leidenschaftlich Herz zerging;

Sie dachte nichts, als daß zum Scheiden

Sie jetzt in seinen Armen hing.

 

Sie bebte bei der Glocken Schlagen

Und schloß sich fest an seine Brust;

Und in den Schmerz der künft'gen Stunden

Warf sie des Augenblickes Lust.

 

Sie wußte nicht, es war vergessen,

Daß sie begehrt und hülfelos

Lag mit den jungfräulichen Gliedern

In des geliebten Mannes Schoß.

 

Als er ein Weib umarmen wollte,

Lag sanft entschlummert, atmend lind,

An seinem tiefbewegten Herzen

Ein blasses, müdgeweintes Kind.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 08:09:03 •
Seite zuletzt aktualisiert: 11.09.2005 
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