Morgenwanderung


Im ersten Frühschein leuchtet schon die Gasse;

Noch ruht die Stadt, da ich das Haus verlasse.

Drei Stunden muß gewandert sein,

Mein Lieb, dann kehr ich bei dir ein!

 

Noch schläfst du wohl; im kleinen Heiligtume

Bescheint die Sonne ihre schönste Blume.

Der Frühschein streift dein süß Gesicht;

Du lächelst, doch erwachst du nicht.

 

Und hoch durchs Blau der Sonne Strahlen dringen;

Hoch schlägt mein Herz, und helle Lerchen singen.

Jetzt scheint auch dich die Sonne wach,

Und träumend schaust du in den Tag.

 

Was konnt die Nacht so Süßes dir bereiten? -

Wie durch die Hand die dunkeln Flechten gleiten,

So sprichst du sinnend Wort um Wort,

Und halbe Träume spinnst du fort.

 

Die liebe Sonn', was hat sie dir genommen?

Hast du geträumt, du sähst den Liebsten kommen?

- Wach auf, mein Lieb! Schleuß auf die Tür!

Der Traum ist aus, der Liebste hier.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 03:23:09 •
Seite zuletzt aktualisiert: 11.09.2005 
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