Die Widerstände gegen die Psychoanalyse


(1925 [1924])*)

 

Wenn sich der Säugling auf dem Arm der Pflegerin schreiend von einem fremden Gesicht abwendet, der Fromme den neuen Zeitabschnitt mit einem Gebet eröffnet, aber auch die Erstlingsfrucht des Jahres mit einem Segens­spruch begrüßt, wenn der Bauer eine Sense zu kaufen verweigert, welche nicht die seinen Eltern vertraute Fabrikmarke trägt, so ist die Verschiedenheit dieser Situationen augenfällig, und der Versuch scheint berechtigt, jede derselben auf ein anderes Motiv zurückzuführen.

Doch wäre es unrecht, das ihnen Gemeinsame zu verkennen. In allen Fällen handelt es sich um die nämliche Unlust, die beim Kinde elementaren Ausdruck findet, beim Frommen kunstvoll beschwichtigt, beim Bauern zum Motiv einer Entscheidung gemacht wird. Die Quelle dieser Unlust aber ist der Anspruch, den das Neue an das Seelenleben stellt, der psychische Aufwand, den es fordert, die bis zur angstvollen Erwartung gesteigerte Unsicherheit, die es mit sich bringt. Es wäre reizvoll, die seelische Reaktion auf das Neue an sich zum Gegenstand einer Studie zu machen, denn unter gewissen, nicht mehr primären Bedingungen wird auch das gegenteilige Verhalten beobach­tet, ein Reizhunger, der sich auf alles Neue stürzt, und darum, weil es neu ist.

Im wissenschaftlichen Betrieb sollte für die Scheu vor dem Neuen kein Raum sein. In ihrer ewigen Unvollständigkeit und Unzulänglichkeit ist die Wissenschaft darauf angewiesen, ihr Heil von neuen Entdeckungen und neuen Auffassungen zu erhoffen. Um nicht zu leicht getäuscht zu werden, tut sie gut daran, sich mit Skepsis zu wappnen, nichts Neues anzunehmen, das nicht eine strenge Prüfung bestanden hat. Allein gelegentlich zeigt dieser Skeptizismus zwei unvermutete Charaktere. Er richtet sich scharf gegen das Neuankommende, während er das bereits Bekannte und Geglaubte respekt­voll verschont, und er begnügt sich damit zu verwerfen, auch ehe er unter­sucht hat. Dann enthüllt er sich aber als die Fortsetzung jener primitiven Reaktion gegen das Neue, als ein Deckmantel für deren Erhaltung. Es ist allgemein bekannt, wie oft es sich in der Geschichte der wissenschaftlichen Forschung zugetragen hat, daß Neuerungen von einem intensiven und hart­näckigen Widerstand empfangen wurden, wo dann der weitere Verlauf zeigte, daß der Widerstand unrecht hatte und daß die Neuheit wertvoll und bedeutsam war. In der Regel waren es gewisse inhaltliche Momente des Neuen, die den Widerstand provozierten, und auf der anderen Seite mußten mehrere Momente zusammenwirken, um den Durchbruch der primitiven Reaktion zu ermöglichen.

Einen besonders Übeln Empfang hat die Psychoanalyse gefunden, die der Autor vor nahezu dreißig Jahren aus den Funden von Josef Breuer in Wien über die Entstehung neurotischer Symptome zu entwickeln begann. Ihr Charakter als Neuheit ist unbestreitbar, wenngleich sie außer diesen Ent­deckungen reichliches Material verarbeitete, das anderswoher bekannt war, Ergebnisse der Lehren des großen Neuropathologen Charcot und Eindrücke aus der Welt der hypnotischen Phänomene. Ihre Bedeutung war ursprünglich eine rein therapeutische, sie wollte eine neue wirksame Behandlung der neurotischen Erkrankungen schaffen. Aber Zusammenhänge, die man zunächst nicht ahnen konnte, ließen die Psychoanalyse weit über ihr anfängliches Ziel hinausgreifen. Sie erhob endlich den Anspruch, unsere Auffassung des Seelenlebens überhaupt auf eine neue Basis gestellt zu haben und darum für alle Wissensgebiete wichtig zu sein, die auf Psychologie gegründet sind. Nach einem Jahrzehnt völliger Vernachlässigung wurde sie plötzlich Gegenstand des allgemeinsten Interesses und — entfesselte einen Sturm von entrüsteter Ablehnung.

In welchen Formen der Widerstand gegen die Psychoanalyse Ausdruck gefunden hat, sei hier beiseite gelassen. Es genüge die Bemerkung, daß der Kampf um diese Neuerung noch keineswegs zu Ende gekommen ist. Doch ist bereits zu erkennen, welche Richtung er nehmen wird. Es ist der Gegner­schaft nicht gelungen, die Bewegung zu unterdrücken. Die Psychoanalyse, deren einziger Vertreter ich vor zwanzig Jahren war, hat seither zahlreiche bedeutende und eifrig arbeitende Anhänger gefunden, Ärzte und Nichtärzte, die sie als Verfahren der Behandlung von nervös Kranken ausüben, als Methode der psychologischen Forschung pflegen und als Hilfsmittel der wissenschaftlichen Arbeit auf den mannigfaltigsten Gebieten des geistigen Lebens anwenden. Unser Interesse soll sich hier nur auf die Motivierung des Widerstandes gegen die Psychoanalyse richten, die Zusammengesetztheit desselben und die verschiedene Wertigkeit seiner Komponenten besonders beachten.

Die klinische Betrachtung muß die Neurosen in die Nähe der Intoxika­tionen oder solcher Leiden wie die Basedowsche Krankheit rücken. Das sind Zustände, die durch den Überschuß oder relativen Mangel an bestimmten sehr wirksamen Stoffen entstehen, ob sie nun im Körper selbst gebildet oder von außen eingeführt werden, also eigentlich Störungen des Chemismus, Toxikosen. Gelänge es jemand, den oder die hypothetischen Stoffe, die für die Neurosen in Betracht kommen, zu isolieren und aufzuzeigen, so hätte sein Fund keinen Einspruch von Seite der Ärzte zu besorgen. Allein dazu führt vorläufig noch kein Weg. Wir können zunächst nur vom Symptombild der Neurose ausgehen, das z. B. im Falle der Hysterie aus körperlichen und seelischen Störungen zusammengesetzt ist. Nun lehrten die Experimente von Charcot sowie die Krankenbeobachtungen von Breuer, daß auch die körper­lichen Symptome der Hysterie psychogen, d. h. Niederschläge abgelaufener seelischer Prozesse sind. Durch das Mittel der Versetzung in den hypnotischen Zustand war man imstande, die somatischen Symptome der Hysterie nach Willkür künstlich zu erzeugen.

Diese neue Erkenntnis griff die Psychoanalyse auf und begann damit, sich die Frage vorzulegen, welches die Natur jener psychischen Prozesse sei, die so ungewöhnliche Folgen hinterlassen. Aber diese Forschungsrichtung war nicht nach dem Sinn der lebenden Ärztegeneration. Die Mediziner waren in der alleinigen Hochschätzung anatomischer, physikalischer und chemischer Momente erzogen worden. Für die Würdigung des Psychischen waren sie nicht vorbereitet, also brachten sie diesem Gleichgültigkeit und Abneigung entgegen. Offenbar bezweifelten sie, daß psychische Dinge überhaupt eine exakte wissenschaftliche Behandlung zulassen. In übermäßiger Reaktion auf eine überwundene Phase, in der die Medizin von den Anschauungen der sogenannten Naturphilosophie beherrscht wurde, erschienen ihnen Ab­straktionen, wie die, mit denen die Psychologie arbeiten muß, als nebelhaft, phantastisch, mystisch; merkwürdigen Phänomenen aber, an welche die Forschung hätte anknüpfen können, versagten sie einfach den Glauben. Die Symptome der hysterischen Neurose galten als Erfolg der Simulation, die Erscheinungen des Hypnotismus als Schwindel. Selbst die Psychiater, zu deren Beobachtung sich doch die ungewöhnlichsten und verwunderlichsten seelischen Phänomene drängten, zeigten keine Neigung, deren Details zu beachten und ihren Zusammenhängen nachzuspüren. Sie begnügten sich damit, die Buntheit der Krankheitserscheinungen zu klassifizieren und sie, wo immer es nur anging, auf somatische, anatomische oder chemische Störungs­ursachen zurückzuführen. In dieser materialistischen oder besser: mecha­nistischen Periode hat die Medizin großartige Fortschritte gemacht, aber auch das vornehmste und schwierigste unter den Problemen des Lebens in kurzsichtiger Weise verkannt.

Es ist begreiflich, daß die Mediziner bei solcher Einstellung zum Psychi­schen keinen Gefallen an der Psychoanalyse fanden und ihre Aufforderung, in vielen Stücken umzulernen und manche Dinge anders zu sehen, nicht erfüllen wollten. Aber dafür, sollte man meinen, hätte die neue Lehre um so leichter den Beifall der Philosophen finden müssen. Die waren ja gewohnt, abstrakte Begriffe — böse Zungen sagten allerdings: unbestimmbare Worte — zuoberst in ihre Welterklärungen einzusetzen, und konnten an der Ausdehnung des Bereichs der Psychologie, welche die Psychoanalyse anbahnte, unmöglich Anstoß nehmen. Aber da traf sich ein anderes Hindernis. Das Psychische der Philosophen war nicht das der Psychoanalyse. Die Philosophen heißen in ihrer überwiegenden Mehrzahl psychisch nur das, was ein Bewußtseins­phänomen ist. Die Welt des Bewußten deckt sich ihnen mit dem Umfang des Psychischen. Was sonst noch in der schwer zu erfassenden »Seele« vorgehen mag, das schlagen sie zu den organischen Vorbedingungen oder Parallelvorgängen des Psychischen. Oder strenger ausgedrückt, die Seele hat keinen anderen Inhalt als die Bewußtseinsphänomene, die Wissenschaft von der Seele, die Psychologie, also auch kein anderes Objekt. Auch der Laie denkt nicht anders.

Was kann der Philosoph also zu einer Lehre sagen, die wie die Psycho­analyse behauptet, das Seelische sei vielmehr an sich unbewußt, die Bewußtheit nur eine Qualität, die zum einzelnen seelischen Akt hinzutreten kann oder auch nicht und die eventuell an diesem nichts anderes ändert, wenn sie ausbleibt? Er sagt natürlich, ein unbewußtes Seelisches ist ein Un­ding, eine contradictio in adjecto, und will nicht bemerken, daß er mit diesem Urteil nur seine eigene — vielleicht zu enge — Definition des Seelischen wiederholt. Dem Philosophen wird diese Sicherheit leicht gemacht, denn er kennt das Material nicht, dessen Studium den Analytiker genötigt hat, an unbewußte Seelenakte zu glauben. Er hat die Hypnose nicht beachtet, sich nicht um die Deutung von Träumen bemüht, — Träume hält er vielmehr ebenso wie der Arzt für sinnlose Produkte der während des Schlafes herab­gesetzten Geistestätigkeit, — er ahnt kaum, daß es solche Dinge gibt wie Zwangsvorstellungen und Wahnideen, und wäre in arger Verlegenheit, wenn man ihm zumutete, sie aus seinen psychologischen Voraussetzungen zu erklären. Auch der Analytiker lehnt es ab zu sagen, was das Unbewußte ist, aber er kann auf das Erscheinungsgebiet hinweisen, dessen Beobachtung ihm die Annahme des Unbewußten aufgedrängt hat. Der Philosoph, der keine andere Art der Beobachtung kennt als die Selbstbeobachtung, vermag ihm dahin nicht zu folgen. So erwachsen der Psychoanalyse aus ihrer Mittel­stellung zwischen Medizin und Philosophie nur Nachteile. Der Mediziner hält sie für ein spekulatives System und will nicht glauben, daß sie wie jede andere Naturwissenschaft auf geduldiger und mühevoller Bearbeitung von Tatsachen der Wahrnehmungswelt beruht; der Philosoph, der sie an dem Maßstab seiner eigenen kunstvoll aufgebauten Systembildungen mißt, findet, daß sie von unmöglichen Voraussetzungen ausgeht, und wirft ihr vor, daß ihre — erst in Entwicklung befindlichen — obersten Begriffe der Klarheit und Präzision entbehren.

Die erörterten Verhältnisse reichen hin, um einen unwilligen und zögernden Empfang der Analyse in wissenschaftlichen Kreisen zu erklären. Sie lassen aber nicht verstehen, wie es zu jenen Ausbrüchen von Entrüstung, von Spott und Hohn, zur Hinwegsetzung über alle Vorschriften der Logik und des guten Geschmacks in der Polemik kommen konnte. Eine solche Reaktion läßt erraten, daß andere als bloß intellektuelle Widerstände rege geworden sind, daß starke affektive Mächte wachgerufen wurden, und wirklich ist im Inhalt der psychoanalytischen Lehre genug zu finden, dem man eine solche Wirkung auf die Leidenschaften der Menschen, nicht der Wissenschaftler allein, zuschreiben darf.

Da ist vor allem die große Bedeutung, welche die Psychoanalyse den sogenannten Sexualtrieben im menschlichen Seelenleben einräumt. Nach der psychoanalytischen Theorie sind die Symptome der Neurosen entstellte Ersatz­befriedigungen von sexuellen Triebkräften, denen eine direkte Befrie­digung durch innere Widerstände versagt worden ist. Später, als die Analyse über ihr ursprüngliches Arbeitsgebiet hinausgriff und sich auf das normale Seelenleben anwenden ließ, versuchte sie zu zeigen, daß dieselben Sexual­komponenten, die sich von ihren nächsten Zielen ablenken und auf anderes hinleiten lassen, die wichtigsten Beiträge zu den kulturellen Leistungen des einzelnen und der Gemeinschaft stellen. Diese Behauptungen waren nicht völlig neu. Der Philosoph Schopenhauer hatte die unvergleichliche Bedeutung des Sexuallebens in Worten von unvergeßlichem Nachdruck betont, auch deckte sich, was die Psychoanalyse Sexualität nannte, keineswegs mit dem Drang nach Vereinigung der geschiedenen Geschlechter oder nach Erzeugung von Lustempfindung an den Genitalien, sondern weit eher mit dem allumfassenden und alles erhaltenden Eros des Symposions Platos.

Allein die Gegner vergaßen an diese erlauchten Vorgänger; sie fielen über die Psychoanalyse her, als hätte sie ein Attentat auf die Würde des Menschengeschlechtes verübt. Sie warfen ihr »Pansexualismus« vor, obwohl die psychoanalytische Trieblehre immer streng dualistisch gewesen war und zu keiner Zeit versäumt hatte, neben den Sexualtrieben andere anzuer­kennen, denen sie ja die Kraft zur Unterdrückung der Sexualtriebe zuschrieb. Der Gegensatz hatte zuerst geheißen: Sexual- und Ichtriebe, in späterer Wendung der Theorie lautet er: Eros und Todes- oder Destruktionstrieb. Die partielle Ableitung der Kunst, Religion, sozialer Ordnung von der Mitwirkung sexueller Triebkräfte wurde als eine Erniedrigung der höchsten Kulturgüter hingestellt und mit Emphase verkündet, daß der Mensch noch andere Inter­essen habe als immer nur sexuelle. Wobei man im Eifer übersah, daß auch das Tier andere Interessen hat, — es ist ja der Sexualität nur anfallsweise zu gewissen Zeiten und nicht wie der Mensch permanent unterworfen, — daß diese anderen Interessen beim Menschen niemals bestritten wurden und daß der Nachweis der Herkunft aus elementaren animalischen Triebquellen an dem Wert einer kulturellen Errungenschaft nichts zu ändern vermag.

Soviel Unlogik und Ungerechtigkeit ruft nach einer Erklärung. Ihr Ansatz ist nicht schwer zu finden. Die menschliche Kultur ruht auf zwei Stützen, die eine ist die Beherrschung der Naturkräfte, die andere die Beschränkung unserer Triebe. Gefesselte Sklaven tragen den Thron der Herrscherin. Unter den so dienstbar gemachten Triebkomponenten ragen die der Sexualtriebe — im en­geren Sinne — durch Stärke und Wildheit hervor. Wehe, wenn sie befreit würden; der Thron würde umgeworfen, die Herrin mit Füßen getreten wer­den. Die Gesellschaft weiß dies und — will nicht, daß davon gesprochen wird.

Aber warum nicht? Was könnte die Erörterung schaden? Die Psycho­analyse hat ja niemals der Entfesselung unserer gemeinschädlichen Triebe das Wort geredet; im Gegenteil gewarnt und zur Besserung geraten. Aber die Gesellschaft will von einer Aufdeckung dieser Verhältnisse nichts hören, weil sie nach mehr als einer Richtung ein schlechtes Gewissen hat. Sie hat erstens ein hohes Ideal von Sittlichkeit aufgestellt, — Sittlichkeit ist Trieb­einschränkung, — dessen Erfüllung sie von allen ihren Mitgliedern fordert, und kümmert sich nicht darum, wie schwer dem einzelnen dieser Gehorsam fallen mag. Sie ist aber auch nicht so reich oder so gut organisiert, daß sie den einzelnen für sein Ausmaß an Triebverzicht entsprechend entschädigen kann. Es bleibt also dem Individuum überlassen, auf welchem Wege es sich genügende Kompensation für das ihm auferlegte Opfer verschaffen kann, um sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren. Im ganzen ist er aber genötigt, psychologisch über seinen Stand zu leben, während ihn seine unbefriedigten Triebansprüche die Kulturanforderungen als ständigen Druck empfinden lassen. Somit unterhält die Gesellschaft einen Zustand von Kulturheuchelei, dem ein Gefühl von Unsicherheit und ein Bedürfnis zur Seite gehen muß, die unleugbare Labilität durch das Verbot der Kritik und Diskussion zu schützen. Diese Betrachtung gilt für alle Triebregungen, also auch für die egoistischen; inwiefern sie auf alle möglichen Kulturen Anwendung findet, nicht nur auf die bis jetzt entwickelten, soll hier nicht untersucht werden. Und nun kommt noch für die im engeren Sinne sexuellen Triebe hinzu, daß sie bei den meisten Menschen in unzureichender und psychologisch inkorrekter Weise gebändigt sind, so daß sie am ehesten bereit sind loszubrechen.

Die Psychoanalyse deckt die Schwächen dieses Systems auf und rät zur Änderung desselben. Sie schlägt vor, mit der Strenge der Triebverdrängung nachzulassen und dafür der Wahrhaftigkeit mehr Raum zu geben. Gewisse Triebregungen, in deren Unterdrückung die Gesellschaft zu weit gegangen ist, sollen zu einem größeren Maß von Befriedigung zugelassen werden, bei anderen soll die unzweckmäßige Methode der Unterdrückung auf dem Wege der Verdrängung durch ein besseres und gesicherteres Verfahren ersetzt werden. Infolge dieser Kritik ist die Psychoanalyse als »kulturfeindlich« empfunden und als »soziale Gefahr« in den Bann getan worden. Diesem Widerstand kann keine ewige Dauer beschieden sein; auf die Länge kann sich keine menschliche Institution der Einwirkung gerechtfertigter kritischer Einsicht entziehen, aber bis jetzt wird die Einstellung der Menschen zur Psychoanalyse noch immer durch diese Angst beherrscht, welche die Leidenschaften entfesselt und die Ansprüche an die logische Argumentation herabsetzt.

Durch ihre Trieblehre hatte die Psychoanalyse das Individuum beleidigt, insofern es sich als Mitglied der sozialen Gemeinschaft fühlte; ein anderes Stück ihrer Theorie konnte jeden einzelnen an der empfindlichsten Stelle seiner eigenen psychischen Entwicklung verletzen. Die Psychoanalyse machte dem Märchen von der asexuellen Kindheit ein Ende, wies nach, daß sexuelle Interessen und Betätigungen bei den kleinen Kindern vom Anfang des Lebens an bestehen, zeigte, welche Umwandlungen sie erfahren, wie sie etwa mit dem fünften Jahr einer Hemmung unterliegen und dann von der Pubertät an in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion treten. Sie erkannte, daß das frühinfantile Sexualleben im sogenannten Ödipuskomplex gipfelt, in der Gefühlsbindung an den gegengeschlechtlichen Elternteil mit Rivalitäts­einstellung zum gleichgeschlechtlichen, eine Strebung, die sich in dieser Lebenszeit noch ungehemmt in direkt sexuelles Begehren fortsetzt. Das ist so leicht zu bestätigen, daß es wirklich nur einer großen Kraftanspannung gelingen konnte, es zu übersehen. In der Tat hatte jeder einzelne diese Phase durchgemacht, ihren Inhalt aber dann in energischer Anstrengung verdrängt und zum Vergessen gebracht. Der Abscheu vor dem Inzest und ein mächtiges Schuldbewußtsein waren aus dieser individuellen Vorzeit erübrigt worden. Vielleicht war es in der generellen Vorzeit der Menschenart ganz ähnlich zugegangen und die Anfänge der Sittlichkeit, der Religion und der sozialen Ordnung waren mit der Überwindung dieser Urzeit auf das innigste verknüpft. An diese Vorgeschichte, die ihm später so unrühmlich erschien, durfte der Erwachsene dann nicht gemahnt werden; er begann zu toben, wenn die Psychoanalyse den Schleier der Amnesie von seinen Kinderjahren lüften wollte. So blieb nur ein Ausweg: was die Psychoanalyse behauptete, mußte falsch sein und diese angebliche neue Wissenschaft ein Gewebe von Phantasterei und Entstellungen.

Die starken Widerstände gegen die Psychoanalyse waren also nicht intellektueller Natur, sondern stammten aus affektiven Quellen. Daraus erklärten sich ihre Leidenschaftlichkeit wie ihre logische Genügsamkeit. Die Situation folgte einer einfachen Formel: die Menschen benahmen sich gegen die Psychoanalyse als Masse genau wie der einzelne Neurotiker, den man wegen seiner Beschwerden in Behandlung genommen hatte, dem man aber in geduldiger Arbeit nachweisen konnte, daß alles so vorgefallen war, wie man es behauptete. Man hatte es ja auch nicht selbst erfunden, sondern aus dem Studium anderer Neurotiker durch die Bemühung von mehreren Dezennien erfahren.

Diese Situation hatte gleichzeitig etwas Schreckhaftes und etwas Tröstli­ches; das erstere, weil es keine Kleinigkeit war, das ganze Menschen­geschlecht zum Patienten zu haben, das andere, weil schließlich sich alles so abspielte, wie es nach den Voraussetzungen der Psychoanalyse geschehen mußte.

Überschaut man nochmals die beschriebenen Widerstände gegen die Psy­choanalyse, so muß man sagen, nur ihr kleinerer Anteil ist von der Art, wie er sich gegen die meisten wissenschaftlichen Neuerungen von einigem Belang zu erheben pflegt. Der größere Anteil rührt davon her, daß durch den Inhalt der Lehre starke Gefühle der Menschheit verletzt worden sind. Dasselbe erfuhr ja auch die Darwinsche Deszendenztheorie, welche die vom Hochmut geschaffene Scheidewand zwischen Mensch und Tier niederriß. Ich habe auf diese Analogie in einem früheren kurzen Aufsatz (›Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse‹) hingewiesen. Ich betonte dort, daß die psychoanalytische Auffassung vom Verhältnis des bewußten Ichs zum übermächtigen Unbewußten eine schwere Kränkung der menschlichen Eigenliebe bedeute, die ich die psychologische nannte und an die biologische Kränkung durch die Deszendenzlehre und die frühere kostnologische durch die Entdeckung des Kopernikus anreihte.

Auch rein äußerliche Schwierigkeiten haben dazu beigetragen, den Wider­stand gegen die Psychoanalyse zu verstärken. Es ist nicht leicht, ein selbständiges Urteil in Sachen der Analyse zu gewinnen, wenn man sie nicht an sich selbst erfahren oder an einem anderen ausgeübt hat. Letzteres kann man nicht, ohne eine bestimmte, recht heikle Technik erlernt zu haben, und bis vor kurzem gab es keine bequem zugängliche Gelegenheit, die Psychoanalyse und ihre Technik zu erlernen. Das hat sich jetzt durch die Gründung der Berliner Psychoanalytischen Poliklinik und Lehranstalt (1920) zum Besseren gewendet. Bald nachher (1922) ist in Wien ein ganz ähnliches Institut ins Leben gerufen worden.

Endlich darf der Autor in aller Zurückhaltung die Frage aufwerfen, ob nicht seine eigene Persönlichkeit als Jude, der sein Judentum nie verbergen wollte, an der Antipathie der Umwelt gegen die Psychoanalyse Anteil gehabt hat. Ein Argument dieser Art ist nur selten laut geäußert worden, wir sind leider so argwöhnisch geworden, daß wir nicht umhin können zu vermuten, der Umstand sei nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Es ist vielleicht auch kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition auf sich zu nehmen, ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen.

 

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*) [Erstveröffentlichung: Imago, Bd. 11, 1925, S. 222 ff. — Gesammelte Werke, Bd. 14, S. 99 ff.]


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