Willkommen, du kleines Gänsetier!


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Willkommen, du kleines Gänsetier!

Sei tausendmal willkommen hier!

Ei, sprich, wie kamst du nur heraus

Aus deinem festen Eierhaus?

 

Du feiltest wohl schon lange Zeit

In Dunkelheit und Einsamkeit,

Bis deines Schnabels Diamant

Zerbrach die harte Kerkerwand.

 

Nicht wahr, hier ist es viel bunter und heller

Als drinnen im engen dunklen Keller?

Und sieh nur, liebes Gänsekind,

Was hier umher für Leute sind!

 

Zuerst ist hier die Frau Pastoren,

Die sorgte für dich, noch eh' du geboren;

Und hier dies Mädchen mit rosiger Lippe

Und mit der Stippe,

 

Ja, sieh sie nur an!

Das ist Mariechen Arnemann!

Der dritte, den du nun kennenlernst,

Ist der Vetter Ernst.

 

Und jetzt kommt Minna, und jetzt komm' ich,

Der dicke Vetter - so nennt man mich.

Wer aber wohnt denn hier nebenan,

Der gar so schöne meckern kann?

 

Das ist Frau Nachbarin, die Ziege,

Die hat zwei Zicklein in der Wiege;

Ein schwarzes, ein weißes, mit kurzem Schwänzchen,

Das eine heißt Fritz, das andere heißt Fränzchen.

 

Und dort im Hofe geht einer einher

Mit Sporen, als ob er ein Ritter wär';

Das ist der Hahn, schreit: Kikeriki!

Taktak! Dann kommt das Hühnervieh.

 

Jetzt betrachte mir auch das Pastorenhaus!

Sieht das nicht alt und gemütlich aus?

Und drinnen sitzt der Herr Pastor,

Umsäuselt vom lieben Tantenchor.

 

Bald reden sie dies, bald flöten sie jenes;

Oft ist es erbaulich, doch meistens was Schönes!

Ach Gott, was muß man nicht alles ertragen,

Bald fehlt es im Kopfe, bald sitzt es im Magen.

 

Mathilde und Everding flüstern und küssen

Und müssen wohl wichtige Dinge wissen.

Auch Fanny und Emmi sitzen drinnen,

Des Lohgerbers reizende Fischerinnen!

 

Doch hinten im Küchenheiligtume

Steht Gustchen, die schmachtende Sonnenblume.

Dicht neben dem Hause ist auch zu sehn

Ein Garten voll Blumen, ganz wunderschön,

 

Den Fritze Kaste mit stillem Bedacht

In jedem Frühling zurechte macht.

Daneben fließt ein Bächlein kühle

Durchs Dorf hinab, dann treibt's die Mühle,

 

Dann fließt es durch die frische Au,

Bald dunkelgrün, bald himmelblau,

Im Schatten und im Sonnenscheine,

Bis in den großen Strom, die Leine;

 

Die zieht nun welfenstolz und heiter

An Burgen, Bergen und Städten weiter,

Bis in das Meer - und um das Meer,

Da zieht sich die weite Welt umher. -

 

Der Weltenraum - ja meiner Treu!

Grad wie ein großes Gänseei!

Sei froh, daß du aus deinem Ei

Hervorgekrabbelt, daß du frei.

 

Nun watschle weiter mit frischem Mut,

Such dir dein Futter, doch bleibe gut,

Und geh mir ja zum Walde nicht,

Daß dich der böse Fuchs nicht kriegt!


 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 15:52:33 •
Seite zuletzt aktualisiert: 17.09.2005 
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