Dorenkat


Hermine sagte mir, sie wollte,

Daß ich ihr mal was dichten sollte. -

Ich sagte ja! - Und also hü!

Fährt jetzt mein Geist per Phantasie

Nach Borkum, legt sich auf die Düne

Und dichtet was für die Hermine.

Von einer Düne sieht man weit. -

 

Das Meer ist voller Flüssigkeit.

Das Ostland ist an Möwen reich.

Die jungen Möwen hat man gleich;

Die Eltern aber schrein und tüten

Und schweben über unsern Hüten.

Hier ist der Entoutcas zu loben.

Nicht alles Gute kommt von oben. -

 

Zu Upholm wird das Schaf gemelkt.

Die Kuh will Futter, wenn sie bölkt.

Der Kuhhirt sammelt viele Kühe

Durch lautes Tuten morgens frühe.

Dies weckt den Fremden unvermutet,

So daß er fragt, wer da so tutet? -

 

Am Strande aber geht man froh

Erst so hin und dann wieder so;

Man sieht ein Schiff, tritt in die Qualle,

Hat Hunger, steigt in diesem Falle

Zur Giftbutike kühn hinauf,

Erwirbt ein Butterbrot durch Kauf

Und schlürft, wenn man es nötig hat,

Den vielberühmten »Dorenkat«;

Ein Elixir, was notgedrungen,

Durch ein Malheur dazu gezwungen,

Vor hundert Jahren hierzuland

Der Pieter Dorenkat erfand. -

 

Es war 'ne schwüle, dunkle Nacht;

Der Pieter hält am Strande Wacht.

Was ist das für ein heller Schein?

Das ist ein Schifflein, hübsch und klein.

Es leuchtet helle, segelt schnelle,

Schwebt immer auf der höchsten Welle,

Ist ganz von Rosenholz gezimmert,

Sein Segel ganz von Seide flimmert,

Hat eine Flagge aufgehißt,

Worauf ein Herz zu sehen ist;

Und lächelnd steht auf dem Verdeck

Ein Knabe, lockig, blond und keck,

Der durch ein Flügelpaar geziert

Und Köcher, Pfeil und Bogen führt. -

Da geht es kracks! - und an dem Riff

Zerschellt das kleine Wunderschiff. -

 

Pechschwarze Nacht. - Bald blickt jedoch

Der Mondschein durch ein Wolkenloch. -

Herausgespült und hingestreckt,

Wie tot, von Seetang überdeckt,

Liegt da der Knabe auf dem Strand,

Mit Pfeil und Bogen in der Hand.

Der Pieter, der ein guter Tropf,

Frottiert ihn, stellt ihn auf den Kopf,

Bläst ihm ins Mäulchen, ja und richtig,

Der Bursch wird wieder lebenstüchtig,

Springt auf, ist schrecklich ungezogen,

Nimmt seinen Pfeil, spannt seinen Bogen,

Schießt Pietern durch die dicke Jacke,

Wird eine Möwe, macht: gagacke!

Und ist verschwunden. - Welche Schmerzen

Fühlt Pieter Dorenkat im Herzen!!! -

Er mag nicht gehn, er mag nicht ruhn,

Er mag nichts essen, mag nichts tun;

Er klagt dem Trientje seine Qual,

Der aber ist es ganz egal.

Am liebsten möcht' er sich erhängen

Und töten sich durch Halsverlängen,

Doch Borkums Bäume sind zu niedrig,

Was für den Zweck gar sehr zuwidrig.

 

So sammelt er denn schließlich Kräuter,

Kocht, destilliert sie und so weiter,

Bis eine Quintessenz zuletzt

Sich aromatisch niedersetzt.

Hier wäscht er sich mit auß- und innen,

Und schau! Die Schmerzen ziehn von hinnen. -

 

Bald wird es weit im Reiche kund,

Was dieser Dorenkat erfund.

Gar mancher will das Tränklein kosten,

Bezieht es dann in großen Posten,

So daß der Pieter sich fortan

Vor lauter Geld nicht bergen kann.

Jetzt fragt er Trientje: Wutt du mi?

»Ja gliek, Mynheer !« erwidert sie.

Drauf legt er sein Geschäft nach Emden,

Trägt goldne Knöpfe in den Hemden,

Und heute noch ist »Dorenkat«

Für Leib- und Seelenschmerz probat. -

 

Auch ich war mal - - -

Wer klopft denn hier

Grad jetzt an meine Stubentür?

Der Dichtung langer Faden reißt,

Der Zug des Herzens ist entgleist,

Mein Geist kehrt wieder von der Düne,

Adieu, Hermine!



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Seite zuletzt aktualisiert: 17.09.2005