Mein Gmunden


Sie machen bereits ein gelangweiltes Gesicht beim Lesen dieses Titels.

Aha, wieder einmal die Schilderung, in seiner knappen unübertrefflichen Art, von »Seeufer«, »Abendstimmung«, »Wassers ewige Neuheit«, man kennt es. Nein, diesmal etwas anderes! Im Herbst war ich einst der übriggebliebene Gast von der Sommersaison. Eines Abends stellte sich mir ein Baron in mittleren Jahren und Doktor der Philosophie vor, aus vornehmer Familie, die dort ansässig war. Er wünschte Anschluß. Bitte sehr! Er war sehr gebildet und sehr wohlerzogen. Am achten Tage der Bekanntschaft sagte er mir abends auf einem Spaziergange:

»Weshalb geben Sie eigentlich Ihre verbrecherischen Pläne gegen mein Leben nicht auf?!«

»Da ich keine habe, kann ich sie nicht aufgeben!«

»Ich mache Ihnen persönlich keinen Vorwurf, Sie sind das ausführende Organ einer höheren Macht, der sowohl Sie als ich unterworfen sind! Aber ich fordere Sie ausnahmsweise auf, von mir und meiner sozialen und sonstigen Vernichtung abzulassen!« Von nun an ließ ich mich in dieses merkwürdige Duell zwischen einem gesunden Geist (es ist meiner) und einem kranken ein, in der laienhaften Hoffnung, mit der Logik ihm Erkenntnis seiner Wahnvorstellungen zu bringen. Leider machte ihn jedesmal die Erkenntnis, daß er sich in mir geirrt habe, unglücklich, verzweifelt und vor allem noch verbissener! Ich war einfach seiner Ansicht nach noch geschickter, noch raffinierter, ihn zu täuschen. Zum Beispiel er kaufte zehn ägyptische Zigaretten. Als er aus der Trafik heraustrat, sagte er: »Diese Zigaretten sind auf Ihre Anordnung vergiftet!« Ich bat ihn, sie mir aufzuheben, ich werde sämtliche bis zum Abend vor ihm zu Ende rauchen. Da zischte er: »Saltimbanque!«

Eines Abends sagte er: »Lassen Sie sich Ihr Nachtmahl heute ganz besonders gut schmecken!« »Weshalb?« »Weil es Ihr letztes ist!« Zugleich zeigte er mir einen neuen Browningrevolver. Er geleitete mich wie stets nach Hause. Ich machte in meinem Zimmer Licht, nach zehn Minuten löschte ich aus, blieb eine halbe Stunde im Finstern sitzen, dann ging ich auf die Straße, zum Bürgermeister Dr. Wolfsgruber. Der alte Herr lag krank im Bett. Als er den Namen erfuhr, um den es sich handelte, ließ er mir durch das Stubenmädchen sagen: im Parterresalon, aber ohne Beleuchtung wolle er mich empfangen. Er sagte zu mir: »Meinen tiefen Dank im Namen unseres Städtchens! Gehen Sie nicht schlafen, reisen Sie mit dem ersten Frühzug ab, wir hielten ihn leider für ungefährlich! Nochmals Dank, es wird alles geschehen, was infolge Ihrer Anzeige leider geschehen muß!«

Die Meinung des Städtchens hingegen war, daß sich »Meschuggene gegenseitig anziehen«!


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Seite zuletzt aktualisiert: 28.10.2007 
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