Die Dachdecker


Sie sind zwar nicht »eingerückt«, aber sie sind »eingerückt« ihr ganzes Leben lang, auch im stillsten, gesichertsten Frieden, sie arbeiten an den schadhaften Dächern, Dachrinnen, machen von morgens bis abends unverständliche Akrobaten-Kunststücke, Schwindel erregende für den Zuschauer, der vom Gegenüber-Fenster aus nichts zahlt, sondern nur billige Weisheiten von sich gibt, wie: »Wie kann man sich so ein gefährliches Gewerbe aussuchen? Schrecklich!« Sie werden mich fragen, weshalb sie denn nicht mit »Sicherheitsgürteln« arbeiten?! Weil Menschen, die vom fünfzehnten Lebensjahr bis zum sechzigsten auf schadhaften Dachrinnen spazieren gehen, um Geld zu verdienen, Fatalisten werden, und sich längst mit dem einfachen Gedanken vertraut gemacht haben, daß das ganze Leben überhaupt in jeder Beziehung und überall nur an einem reißbaren Faden hänge! An welchem, das ist doch wirklich schon ganz gleichgültig. Es gibt Schriftsteller, die bei dieser Gelegenheit die Poesie, die getönte Farbenpracht eines alten Daches beschreiben würden. Mir sei es ferne, denn ich sehe keine. Ich rief den Dachdeckern hinüber: »Wie viel verdienen Sie?!«, da ich die' Absicht hatte, sie zu beneiden, nicht sentimental zu bedauern.

»Die Stunde eine Krone, also täglich neun Kronen! Sie, Herr Neugierig, zahln's fünf Liter Bier: Sie geh'n da bequem in Ihrem Kabinett herum und saufen auch!«

»Ja, verdiene ich stündlich eine Krone, ich bin Schriftsteller!?«

»Na, was haben's Ihnen aber auch so an dalkerten Beruf ausgewählt?! Freilich, riskieren tut man nichts dabei!«


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Seite zuletzt aktualisiert: 28.10.2007 
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