Mein Vater


Mein Vater war der überhaupt allergütigste Mensch, den es geben kann. Er war sogar den meisten ganz unverständlich, man kann sagen, mit den übrigen Sterblichen verglichen, hatte er eine Art von pathologischer und direkt aufreizender Gerechtigkeitsliebe. Er verteidigte zum Beispiel sein ganzes Personal, seine Dienstboten und ganz fremde Menschen gegen sogar jeglichen, nur gesprächsweisen Angriff. Er sagte: »Bitte, lassen wir das. Sie wissen ja doch nicht das Genaueste darüber, also wozu?!« Mama sagte oft: »Papa, wir wissen schon, daß Victor Hugo dein Abgott ist, aber du bist monoton und langweilig mit deiner ewigen Gerechtigkeitsliebe, man meint es ja gar nicht so ernst, wenn man jemandem etwas Böses nachsagt, man will ja nur über das Einerlei hinüberkommen!«

Mein Vater wurde ganz verlegen bei solchen Ansichten, sagte nur ganz dezidiert: »Also gut, aber nicht in meiner Gegenwart!« Im Sommer lebte er, als »Holzknecht« verkleidet, in der Jagdhütte auf dem »Lakaboden«, Voralm des Schneebergs. Er stand um 4 Uhr auf und kochte Sterz und ging den Birkhahn betrachten in seinen Liebestänzen. Nie ging er mit dem Jäger. »Auf das schießen, pfui, so aristokratisch bin ich nicht, – ich erfreue mich an ihrem schönen Leben!«

Einmal gab man ihm zwanzig Kronen, um Gepäck zum Baumgartnerhaus zu tragen. Man hielt ihn für einen »echten« Holzknecht, schönstes Geld seines ganzen Lebens! Mich hatte er besonders lieb, leider verstand er, wie viele, viele andere, kein Wort in meinen »Skizzen!« Er sagte: dieser »Victor Hugo!« »Les travailleurs de la mer«, welche Phantasie. »Les misérables«, welche Spannung und Aufregung, »1813«, welche Historie, »Han d'Islande«, welche Katastrophe! Aber du, kaum fängt es an, ist es bereits zu Ende! Und um was dreht es sich?! Kein Mensch weiß es. Es tut mir leid, in das werde ich mich nie hineinleben! Wieviel verdienst du wenigstens mit diesen Sachen?!«

Er war der biederste, anspruchsloseste, beste, zarteste, gerechteste, unbewußt philosophischeste Mensch in einer Welt, die er nie verstand. Er zog sich daher auf seinen bequemen, rotsamtenen, von allen Seiten mit genialen Schrauben verstellbaren Lehnstuhl zurück, konzentrierte sein Glück auf »ausgesuchte Trabukkos« und belästigte niemanden mit eigenen Angelegenheiten. Er war ein »Weiser« und ein »Heiliger«. Ich selbst hatte nie die konventionellen Sohnesempfindungen für ihn, aber ich wußte es stets, daß er ein »Weisester« und in dieser korrupten Welt ein »Heiliger« war. Er starb sanft ohne Krankheit in seinem 86. Lebensjahre.


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Seite zuletzt aktualisiert: 29.10.2007 
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