Bunte Begebenheiten


Seit jener göttliche Regisseur

dort erschaffen sein Welttheater,

geht in die eigene Kirche nicht mehr

der gute Himmelvater.

 

Wo er hinblickt, steht ein Dramaturg

und gibt den sakralen Stempel.

Doch was tut Gott? Nicht um die Burg

betritt er mehr diesen Tempel.

 

Die Plätze gleich vorn beim Hochaltar

sind reserviert für die Fremden,

dort kann man am besten auch sehn, wie der Bahr

wechselt die Büßerhemden.

 

Und täglich betet ihm nach jeder Schmock,

wenn von Kultur sie schmocken:

Herr, gib uns unser täglich Barock!

Und da läuten die Kirchenglocken.

 

Mit dem Zirkus ist das Geschäft vorbei,

jedoch mit der Kirche gelungen,

drum gloria in excelsis sei

von der Presse dem Reinhardt gesungen.

 

Zu dieser Hofmannsthal-Premier'

wallen Büßer von allen Enden,

die Kirche leiht die Kulissen her,

die Presse tut Weihrauch spenden.

 

Es empfangen die heilige Sensation

aus Wien die Premierenbekannten,

die Pfarrer tun es um Gottes Lohn

und lehren die Komödianten.

 

Nein, was sich im Sommer in Salzburg tut,

da erblick' ich eine Soutane,

die Sonne brennt und bei dieser Glut

steckt drin, par Dieu, der Kahane.

 

Mit Zungen reden die Frommen heut

über Gottes und Reinhardts Walten.

Am stärksten wird dieser gebenedeit

von dem ganz inspirierten Salten.

 

Die Wohlgemuth ward auferweckt,

ein Wunder ohnegleichen;

andere beteten wieder direkt

zur Moissi der Schmerzensreichen.

 

Die Seele lechzt nach dem Gnadentrunk,

Miserere wird das Geseres,

die Valuta aus tiefster Erniedrigung

ringt nach Hebung des Fremdenverkehres.

 

Von Calderon ein mystischer Hauch:

man verspricht sich von diesem Genre,

speziell jedoch von Hofmannsthal auch

eine Zugkraft für Amerikaner.

 

Sich läutern lassen ist ihnen noch neu,

aber gut für die spätere Reise.

Man steht ihnen bei, damit Ehre sei

Gott in der Höhe der Preise.

 

Und unter heiligem Schütze gedeiht

der Hotel- und Theaterhandel,

man bemerkte u.a. die Persönlichkeit

der Berta Zuckerkandl.

 

Sie fühlt sich entrückt und von Olbrich erbaut

und da kann man wieder nur sagen,

die Kirche, die selbst das verdaut,

hat einen guten Magen.

 

Ganz eingeweiht die Monstranz übernahm

Hochwürden die Preßkanaille.

Die Muttergottes dafür bekam

die Tapferkeitsmedaille.

 

Doch da noch verzückt an der Kirchentür

sie zu Prominenten beten,

entschloß sich der liebe Gott,

eben hier auf der Stelle auszutreten.


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