Kärntnerstrasse


1918

 

Da kroch einer mit zerbrochenem Rücken

auf zwei Krücken.

Das war einer von den Helden, den Recken;

man mußt' ihm das Geld in die Tasche stecken.

Da trat Einer aufrechten Schritts aus dem Sacher,

jeder Zoll ein Macher.

Die Annalen werden an ihn erinnern:

es war einer von unsern Kriegsgewinnern.

Er kam gerade vom Mittagessen

und konnte es nicht vergessen,

denn er hatte zwischen den Zähnen eine Lücke,

da war Platz für eine Krücke.

Und im Maule das Holz

schritt er stolz

durch das Spalier von Helden und Hungerleidern

und sonstigem Volk mit zerrissenen Kleidern.

Und sie sahen ihm nach und sie sagten: Seht,

wie sieghaft er über uns Leichen geht.

Denn wir andern, wir sind ja doch heute

nichts als durch den Krieg ruinierte Leute.

Wer aber heute so ausschreiten kann,

der ist durch den Krieg ein gemachter Mann;

ders mit Recht noch verübelt, daß ihm die Leichen

nicht in der Lage sind auszuweichen

und daß man ihm nur im Wege steht,

wenn er vom Fressen wieder ans Geldmachen geht.

Und da schritt Einer, auch der schien nicht faul,

doch hatte er eine Importe im Maul.

Wir andern, die wir kein Essen brauchen,

wir haben auch lange schon nichts zu rauchen.

Er fühlt, es trifft ihn manch flehender Blick;

denn wer ersehnte sich heut keinen Tschick?

Und er blickt in die Runde – Bewerber genug! –

und macht noch im Suchen manch kräftigen Zug.

Doch wie er den zerbrochenen Rücken sieht,

regt sich das Gemüt.

Ja, das ist einer von unseren Braven,

der hat vor dem Feind gewiß nicht geschlafen,

der ging immer druff, der fiel immer feste –

dem spendier' ich den Rest vom Zigarrenreste!

Den armen Leuten gehts jetzt an den Kragen,

da gilt es sein Scherflein beizutragen.

Und so, mit der Nächstenliebe im Sinn,

wirft er den Stummel dem Stummel hin.

Der möchte sich gerne noch tiefer bücken,

doch hindert ihn der zerbrochene Rücken.

Gleich stürzt herzu ein wilder Haufen

von Toten, die um den Stummel raufen,

Helden und Bettler und Bettelkinder,

den Leuten gehts schlecht, das sieht doch ein Blinder.

Nur die Blinden, die gleich daneben stehn,

die haben es dennoch nicht gesehn.

Und vor denen braucht man sich auch nicht zu schämen,

denen könnte man statt zu geben noch nehmen.

Doch jener hat Herz und wirft auf den Teller,

ihm kommts nicht drauf an, gleich mehrere Heller;

und sieht sich, da es der Blinde nicht sieht,

nach Zeugen um für sein gutes Gemüt.

Die Zigarre geopfert und – ist's nicht genug? –

dazu nun noch dieser schöne Zug!

Da bleiben die Leute staunend stehn,

denn so etwas haben sie noch nicht gesehn.

Und jener sieht sich die Wirkung an

und denkt: So ist es wohlgetan.

Man möchte gern öfter die Leute beschenken,

doch muß man ja auch an sich selber denken.

Man lebt nicht allein zur Gemütserbauung,

und allzuviel Hunger ist ungesund;

man kann doch nicht allen helfen und

es stört einem schließlich die Verdauung.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 22.09.2007 
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