Die Bürger, die Künstler und der Narr


Unter einem Künstler verstehen sie einen,

der sich nicht abgibt mit solchen Schweinen

und nichts zu tun hat mit allen den Dingen,

die ihnen im Handumdrehen gelingen,

um sich dafür mit Schaffen und Schreiben

und hauptsächlich ihnen die Zeit zu vertreiben;

und da er doch von Beruf ein Träumer

und deshalb auch Schuldterminversäumer,

der das tut, wozu er nicht ist verpflichtet,

und das andere lieber läßt unverrichtet,

so kann er zwar leichter als sie sich entflammen,

sonst aber geht es ihm gar nicht zusammen.

Und teilten die Bürger nicht besser sichs ein,

ja dann könnten sie auch solche Künstler sein!

 

Nun haben sie, sagen wir's ehrlich und offen,

den Nagel nicht weit von dem Kopfe getroffen,

und hätten sie just nichts andres zu tun,

so könnten sie auch auf Lorbeern ruhn.

Denn wem nur die Bürgertugenden fehlen,

der mag sich heut gleich zu den Künstlern zählen

und in diesem Belang und zu diesem Behufe

genügt schon die Scheu vor dem andern Berufe;

da wird man wahrlich in kürzester Frist

und am leichtesten das, was man nicht ist,

und wo nichts ist, erwartet zum Lohn

jeder Trottel die Inspiration.

Und fehlte sie, fiele den Künstlern nur ein,

ja dann würden sie auch solche Bürger sein!

 

Indessen sitzt, einer, als wärs zur Strafe

und wie ein Bureau- oder Bagnosklave,

und wartet auf nichts, sondern zwingt es herbei

im täglichen, nächtlichen Einerlei,

und er ringt um das Wort und ringsum ist es still

und es folgt ihm aufs Wort, weil er will, weil er will,

und was seinem werbenden Willen gelang,

es bezwang ihn noch mehr als er selbst es bezwang,

und nicht frei wie der Künstler hat er es verrichtet,

doch er fühlt sich auch nicht wie der Bürger verpflichtet,

und er schuf es sich selbst und sich selbst zum Verdruß

und das ist sein Genuß, denn er muß, denn er muß.

Und Künstler und Bürger, sie sind überein:

nein, sie möchten nicht solche Narren sein!



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 21.09.2007 
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