Hypnagogische Gestalten


Ei das ist was Schönes,

dieses hier und jenes

zwinkert, lacht und wendet sich zurück.

Lustige Gemeinde,

lauter gute Feinde,

doch durchbohrend dünkt mir jener Blick.

 

Der hat eine Nase

wie 'ne Walfischblase,

der hat einen mir bekannten Kropf.

Aber jener Schwarze

ist nur eine Warze,

jenem wachsen Würmer aus dem Kopf.

 

Und nach meinem Reste

greifen diese Gäste,

und ich habe alle schon durchschaut.

Männer sind und Weiber

Häute ohne Leiber,

aber lauter Löcher hat die Haut.

 

Das sind mir die Rechten,

wie sie spiegelfechten,

keinem möcht' ich über meine Gasse traun.

Und zu meinem Spasse

ist's die Seitengasse

mit den mitten durchgerissnen Fraun.

 

Diese Ausgehurten

führen Mißgeburten,

immer dichter wird das Wortgespinst.

»Innen spinnt der Dichter«:

spricht der nichtigen Wichter

einer, der dort durch das Dickicht grinst.

 

Schon erscheinen Schatten,

um sich zu begatten

gegen alle vorgeschriebne Scham,

die den meisten Christen,

diesen nachher tristen,

leider Gottes längst abhanden kam.

 

Nur heran, ihr Bäuche,

gut sind solche Gäuche,

seid ihr einmal da, so ist bald Ruh.

Kennen uns persönlich,

aber ungewöhnlich

geht es nachts in diesem Zimmer zu.

 

Was sind das für Sachen,

kann man halt nix machen,

ihr seid viele und ich bin allein.

Und bei euch Gorgonen

läßt sichs wahrlich wohnen,

wenn ihr Wache haltet, schlaf ich ein.

 

Gierig zum Verhöre,

gute Voyeure,

alles wissen sie, was schon geschah.

Nie zu solchem Nahsein

ward mir je das Dasein,

nie war ich mir nah wie diese da.

 

Dort mit strenger Stirne

schaltet eine Dirne

und sie bietet auf Verlangen Qual.

Das ist eine Roheit,

nackt von aller Hoheit

hängt am Fensterkreuz ein General.

 

Ach und jene Freche

reizt die Männerschwäche,

wiegt sich in den Hüften her und hin.

Deutlich hör' ich sagen

aus versunknen Tagen:

Sehn S' so heiter ist das Leb'n in Wien.

 

Nun marschiert ein Dutzend

sich die Nase putzend

mit vollendetstem Gesellschaftstakt.

Alle Kunst ist Kleister,

sie nur sind die Meister

und ich bin im Innersten gepackt.

 

Dort ein Mandarine

schneidet eine Miene,

ruft mir das verlorne Wort ins Ohr.

Eines Satzes Wendung

wächst mir zur Vollendung,

wenn ich sie bis morgen nicht verlor.

 

Wie im Kindheitszittern

riechts wie nach Gewittern,

angefühlt von jenem Element,

wie die kleinen Knaben

leicht ein Fieber haben,

glückts mir, daß es in den Adern brennt.

 

Wie die Finger tasten,

fühl' vielleicht ich Lasten

und sie sind zugleich so weich und leicht.

Schwebend in der Bindung,

hab' ich die Empfindung

eines Vorlebendigen erreicht.

 

Hier ists nicht geheuer,

voller Abenteuer

ist im Raum hier das geringste Ding.

Drüben an der Mauer

lauert ein Zentaur,

wenn zur Urzeit ich vorüberging.

 

Wie sie mich verwalten

diese Wahngestalten,

wie sie mich umgeben links und rechts.

Ach in welcher Landschaft

schloß ich die Bekanntschaft

dieses nie versagenden Geschlechts!


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