Nachruf


an alle, die mich an einem Grabe geschmäht haben

 

Und wurde einer unter Sünden alt,

sobald er starb, war's eine Lichtgestalt.

 

Als könnte ihm, der starb, sein heillos Handeln,

weil es vorbei, der Tod in Tugend wandeln.

 

Die weite Welt versank in Tod und Nacht –

sie priesen des Vollbringers Geistesmacht.

 

Und daß vom Vaterlande nichts geblieben,

auf seiner Fahne steht es aufgeschrieben.

 

Wir haben alle dieses Dasein satt.

Er wirkte unermüdlich für das Blatt.

 

Gram beugt die Welt, es kam der Fluch von oben.

Das Blatt wird täglich seinen Meister loben.

 

Ein Sphärenklang ist aus dem Leben fort.

Der Leitartikel sprach das letzte Wort.

 

Kein Mißton trübt uns dieses reine Ende.

Bankdirektoren falten ihre Hände.

 

Der uns sein Lebtag um die Wahrheit trog,

die Lüge hält ihm nun den Nekrolog.

 

Die Wahrheit folgt lebendigem Gebot

und totgeschwiegen, sprach sie vor dem Tod.

 

Und schweigt nicht: daß die hochgeweihte Ehre

der Ewigkeit dies Tagwerk nicht verkläre.

 

Und nimmt vor jener Zunft den Hut nicht ab,

die mich verschimpft bei ihres Meisters Grab.

 

Wer feige schwieg und erst den Toten rächt

im großen Schutz des Todes, betet schlecht!

 

Gott mag der armen Seele gnädig sein.

Doch kein Journal macht dieses Leben rein.

 

Dem Mitarbeiter bot ein Leben Zeit;

nun hat er leichtere Gelegenheit.

 

Ein Gottesdienst war dieses Tagewerk.

Wer zweifelt, ist ein giftgeschwollner Zwerg.

 

Schmach dem, der Geistesgröße so verkannt;

ich bin ein Zwerg und er war ein Gigant!

 

Zum Himmel ruft die Sippe den Verlust.

Wie haben wir um edlern Gram gewußt!

 

Nie lassen wir für bessere Annalen

das Bild der Zeit mit Tintenfingern malen!

 

Mit unserm Untergang und seinem Höhnen

soll uns sein Tod, sein Schweigen jetzt versöhnen.

 

Doch als die Kreatur im Krieg verreckt,

hat er Hyänen noch zum Schmaus gedeckt.

 

Und als ein Feindesschiff zur Tiefe glitt,

wünscht' er den Haien guten Appetit.

 

Des schweigt die Lüge, daß Millionen starben,

die lautlos unsre Ehrfurcht sich erwarben.

 

Sie übt die allerschlimmste Pietät,

da sie die Wahrheit erst am Grabe schmäht.

 

Denn Wahrheit lebt und gibt der Welt sich kund.

Der eigne Tod allein schließt ihr den Mund!


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 19:08:59 •
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