Worte in Versen VI.


Dem Knaben Lenker


Nun bist du los der allzulästigen Schwere,

Bist frei und frank, nun frisch zu deiner Sphäre!

Hier ist sie nicht! Verworren, scheckig, wild

Umdrängt uns hier ein fratzenhaft Gebild.

Nur wo du klar ins holde Klare schaust,

Dir angehörst und dir allein vertraust,

Dorthin wo Schönes, Gutes nur gefallt,

Zur Einsamkeit! – Da schaffe deine Welt.



Eros und der Dichter


Eros

Stimm' ich nimmer den Verstimmten,

der mich immer suchend fand?

Wenn die Gluten dir verglimmten,

oh wie dunkel wird das Land!

Du, der mir auf allen Spuren

rannte nach in Brand und Hast,

aller Formen und Naturen

nie ersattend gier'ger Gast –

 

Dichter

– noch genießend im Gedenken,

lebt' ich nie die Fülle aus!

Willst du ferner sie mir schenken,

so verschließe ich das Haus.

Laß die Gluten mir verglimmen,

auf den Kopf die Asche streun!

Nimmer wirst du mich bestimmen,

nie mehr wird es sich erneun!

 

Eros

Fliehen mich die Halben, Leeren,

meinem Geiste unverwandt –

soll ich nun auch dich entbehren,

dem aus Nichts die Welt entstand?

Wie ein Schwacher sich ergänze,

wenn er eine Ganze schwächt,

bleib' ich fern von solcher Grenze

und es bleibe im Geschlecht.

 

Dichter

Ja, das war wohl unsre Richtung,

wir verstanden uns im Nichts.

Nun entbehre meine Dichtung

auch noch dieses Schwergewichts.

Ach wie waren wir verloren

doch an das geringste Ding!

Selbst gezeugt und selbst geboren

hatte man auf deinen Wink.

 

Eros

Brauchte nur was hinzuhalten

und gleich hatte es Gestalt

und im Wechsel der Gestalten

war der schönste Aufenthalt.

Himmelwärts erwuchs die Gasse

und der Nacht entflammt' ein Licht.

Wir erkannten der Grimasse

göttergleiches Angesicht.

 

Dichter

Aber immer doch vom Weibe

ging die ganze Wohltat aus.

Suche solchem Zeitvertreibe

endlich dir ein andres Haus!

Wie das Himmelreich aus Plunder

einem Augenblick ersteht,

ausgelernt ist dieses Wunder,

lehr ein anderes Gebet!

 

Eros

Wie du heute mir verwehrend

und verzichtend auch verzagst,

wie du in dich selber kehrend,

immer klagend mir entsagst –

durchgebrannt von deinen Gluten,

reißt es dich von mir nicht fort.

Willst du dich auch noch so sputen,

nehm' ich schneller dich beim Wort!

 

Dichter

Ach beim Wort, es eilt, verweile,

hab ich dich, schon ist es fort,

welche wonnevolle Eile,

wie erregt mich dieses Wort!

Hinter ihm mit einem Satze,

dichter schon auf seiner Spur –

welcher liederlichen Fratze

form' ich feurig die Figur!

 

Eros

Du erkennst sie, die du immer

nah bei solchem Ding erkannt.

Himmlisch wird ein Frauenzimmer

erst durch solchen Höllenbrand!

Nimmer hältst du mich vom Leibe,

du, der mich so stolz bekriegt.

Hier ist keine Spur vom Weibe

und ich hab' dich doch besiegt!

 

Dichter

An der andern Welt Gestade

staun' ich, wie du's mit mir meinst.

Ganz verwirrt von deiner Gnade,

fühl' ich reicher sie als einst.

Werde jenen holdem Bildern,

welchen meine Lust entfernt,

dankbar doch in Worten schildern,

was ich ihnen abgelernt!


 © textlog.de 2004 • 23.04.2017 12:01:36 •
Seite zuletzt aktualisiert: 21.09.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » 1899-1909 » 1910-1919 » 1920-1929 » 1930-1936