Jugend


Da schon die Blätter falb,

will ich nicht säumen,

innen und außerhalb

Frühling zu träumen.

 

Eh mich umfaßt die Qual

dunkler Gewalten –

o holdes Dazumal,

lasse dich halten!

 

Wie es von mildem Weh

weht durch die Zeiten!

Will, wenn ich schulwärts geh',

gern mich begleiten.

 

Hab' vor dem Ziele bang,

nie mich erdreistet.

Wenn es mir auch gelang,

war's doch geleistet.

 

Länger davor verweilt,

wird es mir lieber –

ach, wie die Zeit enteilt,

ich habe Fieber.

 

Wie es mich trieb mit Hast

zu Hindernissen,

drückte wie Zentnerlast

gutes Gewissen.

 

Nicht ohne Lust ich litt

vieles Versäumnis,

nie ohne Furcht ich schritt

in das Geheimnis.

 

Glück war es und Beruf,

Glück zu entbehren;

was mir Verehrung schuf,

scheu zu verehren.

 

Mut aber und Gewalt

vor der Gemeinde,

Sturm ohne Aufenthalt

faßte die Feinde.

 

Herz, wie du wieder bangst

im weitern Raume,

weckte dich Kinderangst

aus deinem Traume.

 

Pocht es von altersher,

öffn' ich die Sinne,

daß es wie damals wär',

wo ich beginne.

 

In trüber Lebensluft

voller Gefahren

ahn' ich den Gartenduft

aus frühen Jahren.

 

Ruf ich's, so ist es da,

daß ich es hege.

Grün, wie ich's nie mehr sah,

wuchs mir am Wege.

 

Liegt mir die Zeit im Ohr,

um mich zu täuschen,

dringt doch ein Kinderchor

aus den Geräuschen.

 

Heuer geht's früh aufs Land,

auf blasser Wange

fühle ich deine Hand.

Fort bist du lange.

 

Fern als ein Leierklang

klingt's in das Leben,

will's einem Leid entlang

spielen und schweben.

 

Ja dort in Weidlingau,

in jenem Alter,

war mir der Himmel blau,

rot war der Falter.

 

Bin schon im Herrenbad,

Schwimmeisterstimme,

welch eine Wundertat,

daß ich schon schwimme!

 

Dann in der Bildung Frohn,

bessrer Berater,

spielt mir der Lebenston

Sommertheater.

 

Da ward mir frei und froh

vor bunter Szene.

Liebte Madame Angot,

schöne Helene.

 

Blaubarts Boulotte und,

nicht zu vergessen,

Gerolstein, Trapezunt,

alle Prinzessen.

 

Und bis zum letzten Lohn

schwebender Wonne

tanzte und schlug den Ton

Gilette von Narbonne.

 

Leben kein Sündenplatz,

Kunst keine Sühne.

Schwerlosen Wissens Schatz

bot mir die Bühne.

 

Gern den gebührlichen

Dank will bewahren

jenen figürlichen

Achtziger Jahren!

 

Was ich vereine,

dort schien's gefunden,

und ihrem Scheine

Wesen entbunden.

 

Wer bliebe ungerührt

von ihren Künsten?

Doch keine Brücke führt

zu euren Dünsten!

 

Kunst war nicht Nebenbei,

konnte noch gelten,

rief als ein Wolterschrei

tieferen Welten.

 

Was nun in Dunkelheit

leide und sehne,

weiht jenem bessern Leid

Sonnenthals Träne.

 

Jünger bin ich als jung,

leb' ich im Alten.

Welche Erneuerung!

Welches Erhalten!

 

Zieht in der Zeiten Kluft –

ich wohne besser,

bau' ich mir in die Luft

brüchige Schlösser!

 

Blick' ich nur aus von dort

in eure Fenster,

ruft euch mein Zauberwort:

seid ihr Gespenster!

 

Neuer ist meine Art,

freier ich wohne.

Es brach die Gegenwart

ein Epigone!

 

Rückwärts mein Zeitvertreib!

Jugend erst werde!

Länger als ihr verbleib'

ich auf der Erde!

 

Und weil die Blätter falb,

soll es mich laben,

innen und außerhalb

Frühling zu haben!


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