An einen alten Lehrer


(Henricus Stephanus Sedlmayer)

 

Da neulich sah ich wie in der Jugendzeit

Dich weißen Hauptes, irgendwohin den Blick

     Gerichtet nach einer Vokabel,

          Welche ein Schüler verloren hatte.

 

Ein andrer mußte, nicht auf den Ruf gefaßt,

Eh er sich fassen konnte, sie fassen schon,

     Und war auch er es nicht imstande,

          Nanntest du es eine Seelenroheit.

 

Von strenger Milde war dieser Unterricht.

Du guter Lehrer hattest den Schüler gern.

     Doch näher deinem reinen Herzen

          Lag wohl das Wohl eines armen Wortes.

 

Latein und Deutsch: du hast sie mir beigebracht.

Doch dank ich Deutsch dir, weil ich Latein gelernt.

     Wie wurde deutsch mir, als ich deinen

          Lieben Ovidius lesen konnte!

 

Denn jenes wahrlich machte mir Schwierigkeit.

Mir fehlten Worte, und es gelang mir nicht,

     Den Frühling, den ich erst erlebte,

          In einem Aufsatz auch zu beschreiben.

 

Ovid ja selber hätte es nicht vermocht,

Und Goethe länger als eine Stund gebraucht –

     Wie sollte es ein Schulbub treffen,

          Wenn er nicht grade ein Journalist war?

 

Du guter Lehrer wußtest das nur zu gut.

Du übtest Nachsicht und weil ich in Latein

     Vorzüglich doch bestanden hatte,

          Gabst du in Deutsch mir nicht nichtgenügend.

 

So kam ich durch und besserte später mich,

Weil ich es fühlte, daß ich dir schuldig war,

     Im deutschen Aufsatz nach der Schule

          Deinen Erwartungen zu entsprechen.

 

Hätt' ich schon damals gleich zwischen acht und neun

So Deutsch geschrieben, wie zwischen zehn und elf

     Latein ich las, wär' diese Ode,

          Diese horazische, nicht entstanden.

 

Nimm diese Fleißaufgabe als Jugendgruß.

Denn du stehst milde heute wie einst vor mir.

     In Bild und Wort bist du mir nahe,

          Als ob ich heute noch vor dir säße.

 

Ich sehe dich, wie du mit der feinen Hand

Die Stirn dir streichst, die sorgende, als ob du

     Ein krankes Wort betreuen müßtest –

          Heilige Pflicht vor profanen Zeugen.

 

Schneeweiß wie damals, neigend den Kopf, doch hoch

Den Sinn wie damals, traf ich dich auf dem Weg

     Zur Schule neulich und es war mir,

          Daß ich mit dir in die Schule ginge.

 

Wohin verlor sich, sag mir, dein Altersblick,

Mir unverloren? Lehrest du immer noch

     Verlorner Gegenwart die Sprache?

          Folg mir und lasse die Klasse fallen!



Quelle: www.textlog.de

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