Beim Anblick einer Schwangeren


O rührend Anbot in der Zeit des großen Sterbens!

Nein, besser wird uns dieses Zwischenspiel entzogen.

Zwar weist es auf die letzten Spuren von Natur hin,

die diese Unmenschheit noch nicht verlassen konnte,

die Tod beschließt und dennoch Leben nicht verleugnet.

Doch es kommt selten etwas Bessres nach. Seht weg denn,

die letzte Menschlichkeit des heute andern Zielen

verpflichteten Geschlechts hat etwas Peinigendes.

Unheimlich ist die Vorstellung, daß dieses Weib da,

die so sich zeigt, so stillen Schrittes ihre Hoffnung

ins Leben trägt, so voll von heiligem Auftrag,

der Schmerz zugleich und Segen, in der nächsten Stunde

gebären könnte einen Heereslieferanten.

Der Stolz der Mutterschaft, so groß in aller Vorzeit,

das größte Mißgefühl von Unmaß abzuweisen,

war besser auch so stolz, den unberufnen Blicken

nicht die nur ihm bewußte Harmonie der Schöpfung

zu zeigen. Doch vor dieser mißgeformten Menschheit

ist er nicht mehr berechtigt. Er soll selber wegsehn.

Stolz werde wieder Scham. Sieh du jetzt weg, du Mutter,

du bist zu schwach allein, und bist auch unbescheiden;

dies ist ein gütiger Versuch, doch auch ein Anspruch

vor hunderttausend Müttern, die es sehn und wissen,

daß sie ja doch den größern Schmerz erlitten haben

als er der einen erst bevorsteht. Geh nach Hause,

was trägst du deine Bürde auf den Markt, als wäre,

was du der Welt zu bieten hast, bei weitem besser

als das was sie verloren hat, nein mehr, als ob nun,

jetzt endgültig, das neue letzte Heil erstünde,

als wär' ein Sokrates die allerkleinste Gabe,

die hier in Aussicht steht. Wir haben viel zu schlechte

Erfahrungen gemacht. Wir sind in jedem Falle,

und wär's der beste, nicht mehr neugierig und wünschen,

daß die Erwartung deine Muttersache bleibe,

so keusch wie sie's verdient, bis einstens die Erfüllung

das Nachschaun einer Welt verlohnt. Geh heim, wir kommen,

wenn's an der Zeit, bis dahin mit dir leidend, Mutter,

nicht tieferes Leid für dich als für das neue Leben,

das dank dem Mutterfluch einrückt ins alte Sterben,

der Opfer größtes durch Geburt. Geh, mach dich tauglich.

Wart auf den Jahrgang. Freiwillige, was bringst du?

Halt dich zuhaus, ein Tag ist wie der andere, immer

sieht tot wie tot aus. Geh! wir wollen überrascht sein.


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