Elegie auf den Tod eines Lautes


Weht Morgenathem an die Frühjahrsblüthe,

so siehst du Thau.

Daß Gott der Sprache dieses h behüte!

Der Reif ist rauh.

 

Wie haucht der werthe Laut den Thau zu Perlen

in Geistes Strahl.

Sie vor die Sau zu werfen, diesen Kerlen

ist es egal.

 

Kein Wort darf Seele haben, der Barbare

er lebt so auch.

Sein Stral ist Strafe, Wort ist Fertigware

zum Sprachgebrauch.

 

Ein jeder Wirth ist, hat er etwas Grütze,

am Wort ein Wirt.

Die Sprache ist ja als der Hausfrau Stütze

nur engagiert.

 

Sie streckt sich nach der Decke, keines Falles

sie Aufwand treibt.

Sie kriegt, da sie ja Mädchen nur für Alles,

was übrig bleibt.

 

Man ist kurz angebunden, wenn man praktisch

so mit ihr spricht.

Dann aber wird ihr noch die Notzucht faktisch

von jedem Wicht.

 

Der Orthograph kennt Muth nicht, hat nur Mut

vor einem Laut,

den vorschriftsmäßig er mit wilder Wut

zusammenhaut.

 

Nicht Wahn ist, was er tut, er ist kein Thor,

er müt sich brav.

Doch hat er wol für Gottes Wort kein Ohr,

der Ortograf.

 

Er ist kein Thor, er ist ein Tor, durch das

der Fortschritt ziet,

Haß habend gegen hinderliche h's

in dem Gemüt.

 

Der Tag ist kurz, man spart die Zeit vom Mund,

das närt das Herz.

Man knappt das Wort sich ab, das ist gesund

für den Kommerz.

 

Man tut und schreibt recht, scheut kein edles Wort.

Was wahr ist, war.

Die Sprache athmet nicht, sie atmet fort

fürs Komptoir.

 

Man schreibt und hat recht, spart die Zeit am Wort,

so gut man kann.

Das Wort ist nur ein Abteil, ein Abort

für jedermann.

 

Ab-ortographen gibt's in diesem Land,

die denken nach,

daß schnell wie 'n Taler get durch Mund und Hand

die theure Sprach'.

 

Unnütz ist doch so 'n Hauchlaut im Verkere.

Von Jar zu Jar

lert man drum eine Regel, die als Leere

recht annembar.

 

M.w. heißt: machen wir. Der Tag ist kurz.

Der Laut verhaucht.

Nachts widerfahrt der Regel leicht ein Sturz,

wenn sie es braucht.

 

Auch dret man sich galant um, ob kein Stul da,

wie sich's gebürt.

Das rürt die Werte, die im Namen Hulda

das h noch fürt.

 

Schreib wie du sprichst, dann macht sich deine Schose,

fro kannst du lachen.

Ein Heiligthum ist eine alte Hose,

nicht zu machen!

 

Bediene selbst dich, lebe nach der Elle,

schreib auf Raten.

Das kann ich raten dir, es faren schnelle

die Automaten.

 

Im Büro schinden sich, Genuß zu finden

der Son und Vater.

Doch get man abends auch die Sprache schinden

statt ins Teater.

 

Wenn lautlos, erlös, werlos diese Gute,

rot vor Scham,

so anungslos da rute, sie die Rute

gleich bekam.

 

Die Sprache aber denkt sich ihren Teil:

In diesem Land

parieren muß zum allgemeinen Heil

der Konsonant.

 

Befehl ist halt Befel, er trägt das Leid

im Jammertal.

Er weiß, nicht besser in der harten Zeit

gets dem Vokal.

 

Der Zan der Zeit benagt an diesem Ort

mit flinker Wal

und wolgemut das altbewärte Wort

zu einer Zal.

 

Wie Thon klingt's, rauer Ton, das Or zerreißt er.

Doch sei du still.

Gewonheit macht's, frü übt sich was ein Meister

werden will.

 

Der Geist dankt ab. Wie Wansinn ihn beschlich es,

's ist totgewiß.

Sein Wort ist leider längst ein öffentliches

Ärgernis.

 

Ein Tropf ist nur aus Lern, ihm felt der Hauch

von Gottes Segen,

drum wischt vom Thau den Tropfen so ein Gauch,

der Ordnung wegen.

 

Nichts, was ihm Zeit raubt, ist dem Kristen heilig,

der da front;

er raubt dem Ding das h, so wird es eilig.

Was sich lont.

 

Und keine Thräne wird den Roling hindern

für und für.

Er warf das h, der Träne Schmerz zu lindern,

raus zur Tür.

 

Nicht jedes Thier verwüstet tätig so

der Schöpfung Spur.

Nur manche Gattung Tier lebt irgendwo

fern der Natur.

 

Sie hat wol viel Gefül und dieses ist

dick wie das Tau.

Den Thau zertritt sie, Werth hat nur der Mist

für eine Sau.


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