Monolog des Nörglers


 

(Schluß eines Aktes.)

 

Nacht. Der Graben. Es regnet. Menschenleer. Vor der Pestsäule. Man kann in eine Seitengasse blicken.

 

So merk ich wieder, wie's von unten regnet.

Aus Schlaf und Schlamm die alte Schlamperei,

sie spricht den schlaff zerlassenen Dialekt

des letzten Wieners, der ein Pallawatsch

aus einem Wiener ist und einem Juden.

Hier ist das Herz von Wien und in dem Herzen

von Wien ist eine Pestsäule errichtet.

 

(Er bleibt vor der Pestsäule stehen.)

 

Dies Wiener Herz, es ist aus purem Gold,

drum möchte ich es gern für Eisen geben!

O ausgestorbene Welt, das ist die Nacht,

der nichts mehr als der jüngste Tag kann folgen.

Verschlungen ist der Mißton dieses Mordens

vom ewigen Gleichmaß sphärischer Musik.

Der letzte Wiener röchelt noch im Takt

und läßt die Seele irdischen Behagens

rauschend, den letzten Regen dieser Welt

durchdringend, auf das nasse Pflaster fließen.

 

(Er blickt in die Seitengasse und sieht dort einen Betrunkenen, der mitten auf der Straße ein Bedürfnis verrichtet.)

 

Hier steht er, eine Säule seiner selbst,

in riesenhafter Unzerstörbarkeit!

Er kann nicht untergehn, es überlebt

dies Wahrzeichen der staubgebornen Lüge

das Ende aller Schöpfung und er weiß,

nur er allein ist von dem allen übrig,

das Sterben geht ihn einen Schmarren an,

sein innerstes Bedürfnis muß er stillen,

es bleibt die Spur von seinen Erdentagen,

und dieses ist der Weisheit letzter Schluß.

Und gierig lausch ich seinem letzten Willen,

er hat dem Kosmos noch etwas zu sagen –

 

(Der Betrunkene steht unverändert da und spricht in rhythmischer Begleitung, immer wiederholend:)

 

Ein Genuß! – Ein Genuß! – Ein Genuß!


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