III. Zeit


Die Ärzte wissen noch nicht, ob es humaner sei, die Leiden des sterbenden Menschen zu verlängern oder zu verkürzen. Ich aber weiß, daß es am humansten ist, die Leiden der sterbenden Menschheit zu verkürzen. Eines der besten Gifte ist das Gefühl der geschlechtlichen Unsicherheit. Es ist vom Stoff der Krankheit bezogen. An welcher Krankheit denn leiden sie? Daß sie sich ihrer Gesundheit schämen. Die Menschheit stirbt heimlich an dem, wovon zu leben sie sich verbietet: am Geschlecht. Hier läßt sich nachhelfen, indem man an das, was sie wie einen Diebstahl ausführen und hinterdrein Liebe nennen, noch etliche Zentner jener Vorstellung einer Zeugenschaft hängt, die das Vergnügen versalzt. Ein Alpdruck, schwerer als das Gewicht der Sünde. Und dies Gift wird die Männer umso gewisser bleich machen, als es für die Konkubinen ein Verschönerungsmittel ist. Es geht nicht länger an, den Frieden denaturierter Bürger ungestört zu lassen, und tausend Casanovas sind Stümper neben dem Gespenst, das ein Gedanke hinter die Gardine schickt. Ist denn solche Vorstellung schlimmer als die, mit der der Anblick der Zufriedenheit unsereinen peinigt? Soll es wirklich noch Augenblicke geben dürfen, in denen ein Wucherer unbewußt wird? Dem Verstände der Gesellschaft, die das heutige Leben innehat, läßt sich mit nichts mehr beikommen. Will man die Heutigen treffen, so muß man warten, bis sie unzurechnungsfähig sind. Nicht im Rausch: denn was hätten sie dabei zu fürchten, und wüßten sie dort Gefahr, so würden sie enthaltsam. Nicht im Schlaf: denn nicht im Traum fällt es ihnen ein, unzurechnungsfähig zu sein. Aber manchmal liegen sie im Bett und wissen von nichts. Da sollen sie es erfahren!

 

An die Achtzigerjahre mit einem kulturellen Heimweh sich erinnern, ist ein Stigma in den Augen der besser entwickelten Jugend. Und doch könnte man mit Recht die Natur selbst als Zeugin gegen die Entartung ins zwanzigste Jahrhundert anrufen und sagen, daß etwa der Frühling in den Achtzigerjahren noch eine Jahreszeit war und nicht bloß ein Tag, den Sonnenglut erschlug. Denn man kann sich auch an einen Frühling erinnern, wie an alles, was die Menschheit nicht mehr hat.

 

Die Verluste an Sinnlichkeit und Phantasie, die Ausfallserscheinungen der Menschheit, sind kinodramatisch.

 

Die Technik ist ein Dienstbote, der nebenan so geräuschvoll Ordnung macht, daß die Herrschaft nicht Musik machen kann.

 

In keiner Zeit war das Bedürfnis so elementar wie in der heutigen, sich für das Genie zu entschädigen.

 

Das sind die wahren Wunder der Technik, daß sie das, wofür sie entschädigt, auch ehrlich kaputt macht.

 

Was an einem einzigen Tage der letzten fünfzig Jahre gedruckt wurde, hat mehr Macht gegen die Kultur gehabt als sämtliche Werke Goethes für eine solche.

 

Schwarz auf weiß: so hat man jetzt die Lüge.

 

Ich habe eine schwer leserliche Handschrift. Der Setzer muß mich erraten. Einer, der's traf, setzte anstatt »das ist ihnen heilig«: »das ist ihnen Zeitung«.

 

Schmerzlichstes Abbild der Zivilisation: ein Löwe, der die Gefangenschaft gewohnt war und, der Wildnis zurückgegeben, dort auf und ab geht wie vor Gitterstäben.

 

Kultur ist die Pflege der Vernachlässigung einer Naturanlage.

 

Es gibt keine Dankbarkeit vor der Technik. Es hat erfunden zu werden.

 

Wenn ich nur ein Telephon habe, der Wald wird sich finden! Ohne Telephon kann man nur deshalb nicht leben, weil es das Telephon gibt. Ohne Wald wird man nicht leben können, auch wenn's längst keinen Wald mehr geben wird. Dies gilt für die Menschheit. Wer über ihren Idealen lebt, wird doch ein Sklave ihrer Bedürfnisse sein und leichter Ersatz für den Wald als für das Telephon finden. Die Phantasie hat ein Surrogat an der Technik gefunden; die Technik ist ein Surrogat, für das es keines gibt. Die Andern, die nicht den Wald, wohl aber das Telephon in sich haben, werden daran verarmen, daß es außen keine Wälder gibt. Die gibt es nicht, weil es innen und außen Telephone gibt. Aber weil es sie gibt, kann man ohne sie nicht leben. Denn die technischen Dinge hängen mit dem Geist so zusammen, daß eine Leere entsteht, weil sie da sind, und ein Vakuum, wenn sie nicht da sind. Was sich innerhalb der Zeit begibt, ist das unentbehrliche Nichts.

 

Adolf Loos und ich, er wörtlich, ich sprachlich, haben nichts weiter getan als gezeigt, daß zwischen einer Urne und einem Nachttopf ein Unterschied ist und daß in diesem Unterschied erst die Kultur Spielraum hat. Die andern aber, die Positiven, teilen sich in solche, die die Urne als Nachttopf, und die den Nachttopf als Urne gebrauchen.

 

Kein Zweifel, der Lazzaroni steht über dem Verwaltungsrat. Jener stiehlt ehrlich, was er zum Leben braucht, dann pfeift er sich was. Solches Betragen liegt dem Verwaltungsrat fern. Der Lazzaroni stört mich durch sein Pfeifen. Aber meine Nervosität hat der Verwaltungsrat durch sein Dasein verschuldet.

 

Frische muß erfrischen. Es gibt eine Frische, die ermüdet. Es gibt muntere Seemannsnaturelle, die immer dann wie eine Brise hereinwehen, wenn man gerade das Denken der Abhärtung vorzieht, und die einem, der gern schweigt, ein Leck in den Bauch reden. Immer wollen sie einen untertauchen. Allen tuts nicht gut. Dem Rheumatiker nicht und nicht dem Philosophen. Man ist gerade auch kein Weichling; aber wer ohnedies auf Festland steht, muß sich nicht zur Seekrankheit überreden lassen.

 

Nichts ist verdrießlicher für den Lebemann, als um fünf Uhr früh auf dem Heimweg einem ausrückenden Touristen zu begegnen. Nun gibt es aber auch Menschen, die bei Nacht denken, und solche, die zu jeder Tagesstunde schon munter sind. Es ist nicht der richtige Humor. Seitdem mir einst ein Coupégenosse nach einstündigem Schlaf »Auf, auf!« zurief, habe ich eine Aversion gegen die muntern Naturburschen. Ich glaube, ich könnte sie, wenn sie mich nur noch eine Weile schlafen ließen, mit dem kleinen Finger umwerfen.

 

»Nicht wahr, Sie sind der Herr Karl Kraus?« fragte mich ein Coupégenosse, der meine Wehrlosigkeit überschätzt hatte. Ich sagte: »Nein.« Womit ich's allerdings zugegeben habe. Denn wäre ich ein anderer gewesen, so hätte ich mich ja mit dem Trottel in ein Gespräch eingelassen.

 

Was haben Sie gegen den X? Fragen in der Regel solche, die vom X was haben.

 

Wir leben in einer Übergangszeit von oben nach unten. Die Ware vermitteln die Zwischenhändler, das Wissen die Zwischenträger und die Wollust die Zwischenstufen.

 

Die Rache der Molluske am Mann, des Händlers am Helden, des Shaw an Shakespeare, des Ghetto an Gott macht jenen rapiden Fortschritt, gegen den aufzutreten rückschrittlich heißt.

 

Wenn Herr Shaw Shakespeare angreift, so handelt er in berechtigter Notwehr.

 

Impotenz ist: das Geheimnis der Zeugung ergründen wollen. Das kann sie noch weniger und möchte es noch mehr. Damit habe ich das Geheimnis der Impotenz ergründet.

 

Der Analytiker macht Staub aus dem Menschen.

 

Vor dem Heiligtum, in dem ein Künstler träumt, stehen jetzt schmutzige Stiefel. Die gehören dem Psychologen, der drin wie zuhause ist.

 

»Gottvoll« ist in mancher Gegend ein Superlativ von »komisch«. Ein Berliner, der eine Moschee betrat, fand diese gottvoll.

 

Es gibt eine Lebensart, die so tüchtig ist, daß sie jede Bahnstation in einen Knotenpunkt verwandelt.

 

»Wer sein Geld liebt, aber auch sein Vaterland, muß möglichst viel Kriegsanleihe zeichnen.« Dort geht der dicke X, von dem man allerlei unsaubere Geschichten erzählt. Was denn zum Beispiel? Nun, er soll auch sein Vaterland lieben.

 

Am Opfertod eines japanischen Generals haben hunderttausend abendländische Kulis Honorar verdient. Teils durch Kopfschütteln, teils durch Anerkennung. Ein ebenbürtiger Beweis publizistischer Gefolgschaft wäre nur durch jenen Zeitungsartikel erbracht worden, dem man die Fähigkeit des Verfassers abzulesen vermocht hätte, unter Umständen das zu tun, worüber er schreibt. Die abendländische Kultur hatte einen solchen Zeitungsartikel nicht aufzuweisen. Daß sie zum Opfertod nicht fähig ist, glaubt man ihr. Aber daß sie dazu verurteilt werden muß, wird man noch einsehen lernen. Denn ihre Wortführer haben eine Million an einem Fall verdient, wo honorarloses Schweigen die geringste Pflicht war. Da jener starb, hatten diese stumm und mißmutig an die Arbeit zu gehen, erschrocken über ihr Weiterleben, verwirrt sich dem Leben überlassend, um zu allem was es gibt Stellung zu nehmen, nur nicht zu jener Tat.

 

Alle Naturwissenschaft beruht auf der zutreffenden Erkenntnis, daß ein Zyklop nur ein Auge im Kopf hat, aber ein Privatdozent zwei.

 

Zeitgenossen leben aus zweiter Hand in den Mund.

 

Manche teilen meine Ansichten mit mir. Aber ich nicht mit ihnen.

 

»Sie tun ihm Unrecht. Er ist in allem Ihrer Meinung!« »Nur nicht darin, daß ich ihn für einen Esel halte.«

 

Wenn einer alle meine Ansichten hat, so dürfte die Addition noch immer kein Ganzes ergeben. Wenn ich selbst keine einzige meiner Ansichten hätte, so wäre ich immer noch mehr als ein anderer, der alle meine Ansichten hat.

 

Der Liberalismus beruft immer, wenn einer der Seinen stirbt, das Schicksal Grillparzers und beschuldigt Österreich. Als ob heute der Dichter am Staat und nicht an der Welt litte. Und als ob Grillparzer, wäre er heute gestorben, sich durch Lieferung von Feuilletons für die vaterländische Unbill entschädigt hätte.

 

Der Bibliophile hat annähernd dieselbe Beziehung zur Literatur wie der Briefmarkensammler zur Geographie.

 

Die Schule ohne Noten muß einer ausgeheckt haben, der von alkoholfreiem Wein betrunken war.

 

Was ist denn das nur, daß die Zeit sich einbildet, die Entwicklung habe es auf sie abgesehen gehabt und ihr zuliebe müßten nun Leben und Schule auf den Kopf gestellt werden? Die Daseinsbedingungen, die das Entstehen von Leuten wie Goethe, Jean Paul und Herder nicht gehindert haben, werden verworfen, wenn der Sohn eines Kommerzialrats herangebildet werden soll, um dereinst die Firma zu übernehmen, und ein Geschlecht von Kröten spottet der Mühsal, durch die einst die Genies hindurchmußten. Was einen immer wieder verwundert, ist die Atonie dieser Zeit, die sich keinen Augenblick bewußt wird, daß all die gottlosen Erleichterungen, die ihr gegönnt sind, nichts als eine Entschädigung bedeuten. Sie scheint sich bei der Henkermahlzeit besoffen zu haben.

 

Jetzt haben die Kinder in dem Alter, in welchem sie ehedem die Masern hatten, Symphonien. Ich glaube nicht, daß sie davonkommen werden.

 

Alle Stände neigen zum Fall. Aber wenn ein Bürger verkommt, so besteht Aussicht, daß aus ihm noch etwas wird, während, wenn ein Aristokrat auf dem Weg ist, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden, der Familienrat zusammentreten sollte.

 

Aristokraten, die Schlepper für Großindustrielle sind, sollten von ihren Kammerdienern geohrfeigt werden dürfen.

 

Was hat man denn nur gegen die Konvikte! Ist es denn schöner, das Zusammenleben im Pferch der Freiheit, wo die jungen Leute mutuelle Psychologie treiben?

 

Eine Wissenschaft, die vom Geschlecht so wenig weiß wie von der Kunst, verbreitet das Gerücht, daß im Kunstwerk die Sexualität des Künstlers »sublimiert« werde. Eine saubere Bestimmung der Kunst, das Bordell zu ersparen! Da ist es doch eine viel feinere Bestimmung des Bordells, die Sublimierung durch ein Kunstwerk zu ersparen. Wie bedenklich das von den Künstlern geübte Verfahren, abgesehen von seiner Weitschweifigkeit, in seiner Wirkung auf die Empfangenden bleibt, beweist gerade der Fall des bedeutenden Tonkünstlers, der von jener Wissenschaft gern als Beispiel gelungener Sublimierung herangezogen wird. Die Hörer seiner Musik fühlen sich von der darin sublimierten Sexualität dermaßen angeregt, daß ihnen oft kein anderer Ausweg als jener bleibt, den der Künstler gemieden hat, es wäre denn, daß sie selbst imstande sind, rechtzeitig eine Sublimierung vorzunehmen. Hätte der Künstler den einfacheren Weg gewählt, so wäre diese Wirkung den Hörern erspart geblieben. So geschieht es, daß durch die üble Gewohnheit der Künstler, die Sexualität zu sublimieren, diese erst frei wird und daß eine Angelegenheit, die so recht eine Privatangelegenheit des Künstlers zu bleiben hätte, zu einem öffentlichen Skandal ausartet.

 

Ein Psycholog weiß um die Entstehung des »Fliegenden Holländers« Bescheid: »aus einer Kinderphantasie Richard Wagners, die dem Größen wünsch des Knaben entsprang, es seinem Vater gleich zu tun, sich an Stelle des Vaters zu setzen, groß zu sein wie er ....« Da aber nach den Versicherungen der Psychologen dies der seelische Habitus aller Knaben ist — ganz abgesehen von der erotischen Eifersucht und den Inzestgedanken, die das Kind mit der Muttermilch einsaugt und die nur bei Soxhlet nicht die Oberhand behalten —, so müßte die Psychologie bloß noch die eine Frage beantworten: welche spezifischen Anlagen oder Eindrücke bei Wagner die Entstehung des »Fliegenden Holländers« vorbereitet haben. Denn Wagner ist von allen Geschlechtsgenossen der einzige, dem die Autorschaft des »Fliegenden Holländers« zugeschrieben werden kann, während die meisten andern dem Größenwunsch, es dem Vater gleich zu tun, eine Karriere als Börseaner, Advokaten, Tramwaykondukteure oder Musikkritiker verdanken, und nur die, die davon geträumt haben, Heroen zu werden, Psychologen geworden sind.

 

Der Wille der Psychoanalyse ist: die Unkraft von dem Punkt, wohin der Künstler gekommen ist, den Weg zurückzuführen bis zu dem Punkt, von wo er nach analytischem Dafürhalten ausgegangen sein muß: bis zum Abort. Die Aussicht ist lohnend, aber die Partie ist kostspielig. Man fährt mit dem Retourbillett der Phantasie. Ist der Schwache dort angelangt, von wo der Starke hergekommen ist, so darf er sich selbständig machen. Er darf mit besseren Chancen weiter onanieren, seitdem er gehört hat, daß Goethes Zauberlehrling aus diesem Punkte zu kurieren sei. Solche Beruhigung hat viel für sich, aber der Außenstehende weiß nicht, was gemeiner ist: die Reduzierung des Kunstwerkes auf den physiologischen Rest oder die Reduzierung der Erotik auf das pathologische Maß. Denn die Wissenschaftler wissen nur eines nicht: daß von allem, was das Geschlecht angeht, und selbst von der Onanie das si duo faciunt idem gilt. Und daß die Kunst in jedem Falle non est idem.

 

Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.

 

Der Psychoanalytiker ist ein Beichtvater, den es gelüstet, auch die Sünden der Väter abzuhören.

 

Die Psychoanalytiker ahnden die Sünden der Väter bis ins dritte Geschlecht, indem sie dieses heilen wollen.

 

Ich bin der Rationalist jenes Wunderglaubens, den sich die Psychoanalyse teuer bezahlen läßt.

 

Was hat denn diese neue Jugend für einen Lehrmeister der Liebe? Einst gab's Schutzmittel: jetzt soll sie hemmungslos leben. Es scheint, daß sie den Sigi Ernst mit dem Sigi Freud überwunden hat.

 

Analyse ist der Hang des Schnorrers, das Zustandekommen von Reichtümern zu erklären. Immer ist das, was er nicht besitzt, durch Schwindel erworben. Der andere hat's nur; er aber ist zum Glück eingeweiht.

 

Das Unterbewußtsein scheint nach den neuesten Forschungen so eine Art Ghetto der Gedanken zu sein. Viele haben jetzt Heimweh.

 

Der Handelsgeist soll sich im Pferch der Judengasse entwickelt haben. In der Freiheit treiben sie Psychologie. Sie scheint aber wie ein Heimweh jenes enge Zusammenleben zurückzurufen, unter dem die Ansprache zur Betastung wird. Was nun vollends eine Verbindung von Handelsgeist und Psychologie für Wunder wirken kann, sehen wir alle Tage.

 

Das Unbewußte zu erklären, ist eine schöne Aufgabe für das Bewußtsein. Das Unbewußte gibt sich keine Mühe und bringt es höchstens fertig, das Bewußtsein zu verwirren.

 

Die Nervenärzte haben es jetzt mit den Dichtern zu schaffen, die nach ihrem Tode in die Ordination kommen. Es geschieht ihnen insofern recht, als sie tatsächlich nicht imstande waren, die Menschheit auf einen Stand zu bringen, der die Entstehung von Nervenärzten ausschließt.

 

Psychologie ist der Omnibus, der ein Luftschiff begleitet.

 

Man sagt mir oft, daß manches, was ich gefunden habe, ohne es zu suchen, wahr sein müsse, weil es auch F. gesucht und gefunden habe. Solche Wahrheit wäre wohl ein trostloses Wertmaß. Denn nur dem, der sucht, ist das Ziel wichtig. Dem, der findet, aber der Weg. Die beiden treffen sich nicht. Der eine geht schneller, als der andere zum Ziel kommt. Irgendetwas ist ihnen gemeinsam. Aber der Prophet ist immer da und verkündet den apokalyptischen Reiter.

 

Euer Bewußtes dürfte mit meinem Unbewußten nicht viel anfangen können. Aber auf mein Unbewußtes vertraue ich blind, es wird mit eurem Bewußten schon fertig.

 

Psychoanalyse: Ein Kaninchen, das von der Boa constrictor geschluckt wird, wollte nur untersuchen, wie's drin aussehe.

 

Psychoanalyse ist mehr eine Leidenschaft als eine Wissenschaft: weil ihr die ruhige Hand bei der Untersuchung fehlt, ja weil dieser Mangel die einzige Fähigkeit zur Psychoanalyse ausmacht. Der Psychoanalytiker liebt und haßt sein Objekt, neidet ihm Freiheit oder Kraft und führt diese auf seine eigenen Defekte zurück. Er analysiert nur, weil er selbst aus Teilen besteht, die keine Synthese ergeben. Er meint, der Künstler sublimiere ein Gebreste, weil er selbst es noch hat. Psychoanalyse ist ein Racheakt, durch den die Inferiorität sich Haltung, wenn nicht Überlegenheit verschafft und die Disharmonie aufs gleiche zu kommen sucht. Arzt sein ist mehr als Patient sein und darum sucht heute jeder Flachkopf jedes Genie zu behandeln. Die Krankheit ist hier das, was dem Arzte fehlt. Wie er sich immer anstelle, er wird zur Erklärung des Genies nichts weiter vorbringen, als den Beweis, daß er es nicht hat. Da aber das Genie eine Erklärung nicht braucht und eine, die die Mittelmäßigkeit, gegen das Genie verteidigt, vom Übel ist, so bleibt der Psychoanalyse nur eine einzige Rechtfertigung ihres Daseins: sie läßt sich mit genauer Not zur Entlarvung der Psychoanalyse anwenden.

 

Krank sind die meisten. Aber nur wenige wissen, daß sie sich etwas darauf einbilden können. Das sind die Psychoanalytiker.

 

Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.

 

Man kehrt nur dann vor fremder Bewußtseinsschwelle, wenn man's zuhause schmutzig hat.

 

Wie der Schelm ist, so denkt der Psycholog.

 

Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohneweiters in seine Lage zu versetzen.

 

Infantile, die seit damals nur das Beten verlernt haben, werden von Analytikern ins Gebet genommen. Am Ende können sie wieder beten: Erlöse uns von der Analyse!

 

Eröffnung am Schluß einer psychoanalytischen Kur: Ja, Sie können nicht geheilt werden. Sie sind ja krank!

 

Mein Bewußtsein hat einen Hausknecht, der immer acht gibt, daß kein ungebetener Gast über die Schwelle komme. Psychoanalytiker haben auch unter ihr nichts zu suchen. Erwischt er einen, der ins Archiv will, so führt er ihn in den Empfangsraum, wo ich persönlich ihm mit seiner Diebslaterne ins Gesicht leuchte.

 

Wo man Fremdwörter vermeiden kann, soll man's bekanntlich tun. Da hört man immer von »Psychoanalytikern«. Als ich einmal einen auch zu sehen bekam, fiel mir sofort die glückliche Verdeutschung »Seelenschlieferl« ein.

 

Sie greifen in unsern Traum, als ob's unsere Tasche wäre.

 

Es spukt nicht mehr. Es spuckt.

 

Psychologie ist die stärkere Religion, die selig im Zweifel macht. Indem die Schwäche nicht zur Demut, sondern zur Frechheit bekehrt wird, geht es ihr schon auf Erden gut. Die neue Lehre ist über jeden Glauben erhaben.

 

Was fängt man doch mit dieser Jugend an? Sie ist mißgestalt und reagiert nur psychisch. Nichts als Freudknaben.

 

Was man so Männer nennt, läßt sich jetzt psychoanalytisch auskratzen.

 

Ich stelle mir vor, daß die jungen Leute Briefe mit meiner Adresse an sich schreiben, und da sie sie nicht erhalten, bei der Post reklamieren.

 

Viele haben schon meine Eigenschaften. Dadurch kann man sie von mir unterscheiden.

 

Wenn ich einem Hysteriker nachweise, daß er ein Dieb ist, so wird er zwar das Stehlen nicht aufgeben, aber den Vorwurf des Diebstahls annektieren und gelegentlich mich damit bedenken.

 

Ich mache sie alle unbewußt. Ich tadelte einen Adjektivkünstler: sogleich rühmte er einem andern Adjektivkünstler einen knappen, von Adjektiven freien Stil nach.

 

Hysterie macht dem Gesunden das zum Vorwurf, was er haßt: sie selbst.

 

Die Literaten, die jetzt geboren werden, sind weniger konsistent als ehedem die Gerüchte waren. Ich habe noch Gerüchte gekannt, an denen etwas dran war. Dem, was heute aus Schreibmaschinen zur Menschheit spricht, würde ich nicht über die Gasse trauen.

 

Sie machen alles mit. Der Kommis gegen Gott gibt sich jetzt schon als Kommis Gottes. Ich weiß einen in Prag, den ich, wenn er im Gebet liegt, nicht' stören und wenn er auf den »Stufenfolgen, die bis vor Gottes Thron führen«, herumklettert, nicht aufhalten möchte. Denn es besteht Gefahr, daß mich solche Inbrunst nüchtern macht, das Firmament mir als ein Gewölbe erscheint, in das man von der Gasse eintreten kann, und ich eine Stimme höre: »Brod, machen Sie keine Ekstasen, lassen Sie das Ethos liegen und geben Sie herunter die Ewigkeit!«

 

»Gut, daß ich Sie treffe. Sie verkehren nicht mehr mit Kohner?« »Nein, denn ich habe nie mit ihm verkehrt, ich habe ihn nie gesehen, ich weiß nicht, daß er lebt.« »Wie ist denn das möglich, Sie müssen Kohner gekannt haben, Sie erinnern sich vielleicht nur nicht.« »Mein Gedächtnis ist gut, aber der Name ist mir unbekannt, ich hätte mir ihn gemerkt, da ich Kohn kenne, aber auch mit diesem nicht verkehre. Was ist's mit Kohner?« »Er erzählt, er sei mit Ihnen täglich beisammen gewesen, Sie waren intim befreundet, nur einmal widersprach er, da er Ihre Schätzung der Dichterin L. nicht mitmachen konnte. Da haben Sie sich erhoben und ihm gesagt, daß Sie unter solchen Umständen nicht länger mit ihm verkehren können, und haben ihm am nächsten Tag das Abonnementgeld der Fackel zurückschicken lassen. Etwas muß doch an der Geschichte wahr sein!« »Alles. Ich habe oft Abonnementgelder zurückschicken lassen. Das weiß Kohner. Ich schätze die Dichterin L. Damit dürfte Kohner nicht einverstanden sein. Ich habe ihn hinausgeworfen —« »Nun also —« »Aber ich habe ihn nicht gekannt.« »Ich verstehe nicht —« »Die Bekanntschaft bestand im Hinauswurf.« »Wie ist das möglich?« »Kohner nimmt mit Recht an, daß ich ihn hinausgeworfen hätte, wenn ich ihn gekannt hätte. Da ich ihn aber nicht gekannt habe, so will er sich wenigstens den Hinauswurf sichern.« »Warum?« »Weil ihm das nützt.« »Wieso?« »Es ist eine Beziehung in den Augen der Anhänger und es macht bei den Gegnern beliebt.« »Sie haben ihn aber nicht hinausgeworfen?« »Doch, metaphysisch.« »Das verstehe ich nicht.« »Wissen Sie, wie Gerüchte entstehen?« »Nein.« »Genau so entstehen die Menschen meiner Bekanntschaft.«

 

Früher ging die Krankheit zum Arzt. Jetzt, da er krank ist, schmiert sie sich Druckerschwärze auf.

 

Das vertrackteste Problem dieser Zeit ist: daß sie Papier hat und, was gedruckt wird, käme es auch aus dem Mastdarm, als Urteil wirkt und als Humor.

 

Nicht die Gewalttätigkeit, nur die Schwäche macht mich fürchten.

 

Als ich, der nie Psycholog an einem ist, nur an allen, vor einem von der Sorte das Problem erörterte, flüsterte er errötend, auch er fühle sich oft als Weib und welches Mittel ich dagegen wüßte. Ich bereute das Gespräch und gab den Trost, das Bewußtsein um den Zustand sei schon ein Mittel. Später prahlte derselbe, er sei der Mann, mich anzugreifen ... Da aber diese Geschichte viele, darunter solche, die ich gar nicht kenne, auf sich beziehen dürften, so versichere ich, daß sie erfunden ist. Von mir erfunden, wie die meisten jungen Leute, die ich, statt sie zu entdecken, nur erfunden habe.

 

Ich schleppe das furchtbare Geheimnis der Zeit mit mir, das meine Erkenntnis auf Kosten meiner Nerven nährt. Nur in Sätzen darf ich verraten, daß alles, was die Gegenwart dem Druck verdankt, die Kultur verschlagener Homosexualität ist. Würde ich meine Erlebnisse der fünfzehn Jahre in einen Zusammenhang zu stellen wagen, sie würden sich vertausendfachen durch den Reiz der Beachtung, der den Einzelfall so üppig macht. Hier weiche ich zurück. Höchste Aktivität, die sich dem Ansturm der passiven Naturen preisgegeben sieht, kann zur Pathologie des Zeitalters sich ihre Gedanken machen, aber nicht ihre Beweise vorbringen. Die im Traum meines Wiener Lebens gefundene Devise »Eine Deichsel im Rücken und Quallen an den Füßen« wird so verständlich. Zwischen den Hindernissen der Mechanik und den Fesseln der Gefühlsverwirrung ging es hindurch. Aber schlimmer, am schlimmsten war diese!

 

Wogegen ich wehrlos bin, das sind Gerüchte, Hysteriker, Fliegen, Schleim und Psychologie. Mit dem Zufall nehme ich's schon auf. Und was die Intriganten anlangt — was die können, habe ich längst verschwitzt.

 

Daß ich gichtisch bin, will ich denen, die an meiner Gesundheit zweifeln, zugeben. Aber daß ich dann auch das kommende Gewitter spüre, das lasse ich mir nicht in Abrede stellen!

 

Seit einigen Jahren ist die Welt schon ganz mondän. Wer nur diese große Entschädigung: zu können, was man nicht ist, in die Welt gebracht hat! Woher haben sie es, die Weiber und die Schreiber?

 

Die Beziehungen, die ich zwischen den Seelen der Menschen, und stäken sie hinter den unähnlichsten Vorwänden, herzustellen vermag, überraschen mich selbst zuweilen. So war es mir ganz geläufig, bei einer Frau, deren Körper, Gang und Haltung geometrischen Anschauungsunterricht gab, immer an einen Mann, der etwas ausgesprochen Zoologisches hatte, zu denken, und umgekehrt. Plötzlich wurde ich mir des Kontrastes bewußt und besann mich erst, daß beide Feuilletons schrieben, also doch das Ding gemeinsam hatten, das man Geist nennt. Aber daß eben solches möglich ist, war das Wunderbare, und nun hörte ich deutlich, wie beide so grundverschiedenen Gestalten, die Libelle und das Flußpferd durch eine und dieselbe Stimme fraternisierten, so als hätten sie aus urzeitlichem Fett Bruderschaft getrunken, ohne daß es aber dem einen Teil gut angeschlagen hat. Diesen schöpferischen Irrtum retuschierte ich so, daß mir fortan zwar nicht das Flußpferd als Libelle erschien, wohl aber umgekehrt.

 

Wenn man mich fragt, von wem ich glaube, daß er dem Geist näher steht: der Stiefelputzer eines böhmischen Grafen oder ein neuberliner Literat, so kann ich nur antworten, daß ich, ehe ich mir von einem neuberliner Literaten die Stiefel putzen ließe, ihm lieber mit dem Absatz ins Gesicht treten würde.

 

Wenn drei unsaubere Analphabeten über mich im Kaffeehaus abfällig sprechen, so hörts niemand und man sieht nur, daß die Herren beim Sprechen schwarze Fingernägel haben. Schreien sie dabei, so beschwert man sich beim Kellner. Gehen sie aber in die nächste Druckerei, um es noch mehr publik zu machen, daß sie lügen, so ist es ein Urteil, das alle als Erlösung empfinden, die jenen die Hand nicht reichen würden und denen wie jenen ich die meine nicht reiche. Sage ich dann, es seien Geisteskranke, die sich durch mich beunruhigt fühlen, Vertreter einer durch die Zeit laufenden Abart von Mann, Verliebte, die nicht erhört werden konnten und können, weil ihre Mißbildung Hermes wie Aphrodite verleugnet, Hosenträger, die für mein Dasein, für das ihre, für alles, was ist und was sie nicht sind, Rache nehmen, für die Nichtbeachtung eines Grußes, eines Manuskriptes, einer Leidenschaft: so mache ich ihnen »Reklame«. Sage ich nichts, so ist es »Totschweigen«. Sage ich, daß der Mann mit Recht schweigt, wenn die häßlichste Weiblichkeit den verkehrten Ausdruck für ihr Gefühl findet und jede Abwehr für Entgegenkommen nähme, und daß Totschweigen nur der Versuch der Schwäche ist, um den Starken herumzukommen: so ist, was ich sage, Beachtung. Sage ich auch nur dies, oder daß ich, um dem fürchterlichen Circulus der Haßliebe zu entrinnen, nichts sage: so ist es Beachtung. Und sage ich es in einer dem schäbigen Anlaß entrückten, allen schäbigen Anlässen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft angepaßten Form: so ist es Beachtung. Und sage ich selbst nur, daß Wanzen zwar treu sind und stinken, aber dennoch so feinfühlig sind, den »Wanzentod« nicht als persönlichen Angriff, sondern als Abwehr aufzufassen, so werden sich Schriftsteller finden, die es als persönlichen Angriff auffassen, und werden sagen, ich hätte sie beachtet und, der immer vom Totschweigen spricht, ihre Namen dabei totgeschwiegen. Nein, es gibt keine Wehrlosigkeit als die des Starken vor dem Schwachen! Darum: wäre ich Gesetzgeber, ich würde die Meinungsfreiheit nicht antasten. Ich würde das staatsgrundgesetzlich gewährleistete Recht, eine Meinung — so ziemlich das Wertloseste, was einer haben kann — zu äußern, eine Meinung — die ja auch dann eine Belästigung vorstellt, wenn sie richtig ist — zu verbreiten, ich würde es nicht antasten, dieses Recht. Ich würde die Zwitter sich ausleben lassen. Den literarischen Strich, der wohl das Schmutzigste ist, was im Leben der Großstadt Platz hat, nicht behindern. Die Zucht von intellektuellen Schneppen, die mit etwas Laster und ein paar gestohlenen psychologischen Adjektiven schon begehrenswert sind, gewähren lassen. Aber ich würde die Verantwortlichen verantwortlich machen. Nie einen Redakteur. Immer den Verleger, den Drucker, den Setzer, den Buchbinder, den Briefträger, und vor allem den wahren Rädelsführer, den Leser.

 

Ich kannte einen Mann, der sah aus wie das Gerücht. Das Gerücht ist grau und hat einen jugendlichen Gang, das Gerücht läuft und braucht dennoch zwanzig Jahre, um aus einem Zimmer ins andere zu kommen, wo es Dinge, die sich schon damals nicht ereignet haben, als Neuigkeiten auftischt. Das Gerücht verdichtet eine Hinrichtung, die abgesagt wurde, mit einer Frühgeburt, die nicht stattgefunden hat, pflanzt einen fremden Tonfall in das Mistbeet eigener Erfindung, hat mit eigenen Augen gehört, was niemand gesehen, und mit fremden Ohren gesehen, was niemand gehört hat. Das Gerücht hat eine profunde Stimme und eine hohe Miene. Es hat Phantasie ohne Persönlichkeit. Ist es ruhig, so sieht es aus, als ob das Problem der Entstehung der Septuaginta bereits gelöst wäre. Ist es bewegt, so muß man mit einer neuen Version über den bethlehemitischen Kindermord rechnen. Das Gerücht ist der ältere Stiefbruder der Wissenschaft und ein Schwippschwager der Information. Von den Veden bis zu den Kochbüchern ist ihm nichts Unverbürgtes fremd. Das Gerücht, welches nur tote Schriftsteller liebt, läßt auch den zeitgenössischen Autor gelten, sobald er antiquarisch zu haben ist, weil es dann einen Erstdruck mit einem Zweitdruck verwechseln kann. Das Gerücht hat den Humor, der sich aus der Distanz von den Tatsachen ergibt. Es enttäuscht den, der an Gerüchte glaubt, und spielt dem, der an Gerüchte nicht glaubt, gern einen Possen. Es sagt etwas. Verleumdet's, gehe man mit ihm nicht ins Gericht. Es taugt nicht zum Zeugen, es taugt nicht zum Angeklagten. Es leugnet sich selbst. Es weiß allerlei, es sagt noch mehr, aber es ist nicht verläßlich.

 

Ein Vielwisser rühmte sich, er übersiedle seine Bibliothek mit Gurten. Sie seien nicht billig, dafür aber habe man sie auch das ganze Leben. Er brauche dreihundert Gurten. Das ist nicht wenig. Und doch, welch handlich Maß. Seht, einer der dreihundert Gurten gebildet ist! Er denkt an der Gurte. Er ist noch nicht einmal ein Freidenker. Ja, er braucht dreihundert Gurten, um nicht unterzusinken.

 

Der Vielwisser ist oft müde von dem vielen, was er wieder nicht zu denken hatte.

 

Wenn ein Schwätzer einen Tag lang keinen Hörer hat, wird er heiser.

 

Das Wort Polyhistor muß man schon sehr deutlich schreiben, damit der Setzer nicht Philister setzt. Ist dies aber einmal geschehen, so lasse man es auf sich beruhen, denn es ist noch immer die mildere Fassung. Einmal las man von einem, er sei ein bekannter Philister. Das glaubte man gern, und hielt dann die Berichtigung für einen Druckfehler.

 

Ich kannte einen, der die Bildung in der Westentasche hatte, weil dort mehr Platz war als im Kopf.

 

Bildung ist eine Krücke, mit der der Lahme den Gesunden schlägt, um zu zeigen, daß er auch bei Kräften sei.

 

Die Freidenker verhalten sich zum freien Denken wie d'Zillertaler zur Natur.

 

Als ich zum erstenmal von Freidenkern hörte, glaubte ich, es seien Redakteure, die wie die Theaterkarten auch die Gedanken gratis bekommen, wenn sie bei der Direktion einreichen.

 

Zu der Blume mag ich nicht riechen, die unter dem Hauch eines Freidenkers nicht verwelkt.

 

Es gibt Leute, deren Auge so intelligent ist, als ob sie uns stumm überreden wollten, uns auf der Stelle impfen zu lassen. Sie haben den sozialen Sinn, der einen unter dem Arm faßt, und den Blick, der einem auf die Pusteln sieht. Es sind die Tyrannen des Impfzwanges, der eine unvorhergesehene Folge der Gedankenfreiheit bedeutet. Als Draufgabe scheinen sie einem das Versprechen abzufordern, daß man sich, wenn man sich schon nicht impfen lassen und daher an Blattern sterben wird, nach dem Tod verbrennen lassen werde.

 

Der Liberalismus beklagt die Veräußerlichung des christlichen Gefühls und verpönt das Gepränge. Aber in einer Monstranz von Gold ist mehr Inhalt als in einem Jahrhundert von Aufklärung. Und der Liberalismus beklagt nur, daß er im Angesicht der verlockenden Dinge, die eine Veräußerlichung des christlichen Gefühls bedeuten, es doch nicht und um keinen Preis zu einer Veräußerung des christlichen Gefühls bringen kann.

 

Antisemitismus heißt jene Sinnesart, die etwa den zehnten Teil der Vorwürfe aufbietet und ernst meint, die der Börsenwitz gegen das eigene Blut parat hat.

 

Die Juden leben in einer Inzucht des Humors. Sie dürfen sich untereinander übereinander lustig machen. Aber wehe, wenn sie dabei auseinander kommen!

 

Von allem andern abgesehen und auf den ersten Blick ist der Klerikalismus dem Freidenkertum schon deshalb vorzuziehen, weil er die Schweinerei der Vollbarte nicht duldet, die von diesem gefördert wird. Wozu denn sollte ein Vollbart gut sein als daß ich mir an ihm die Feder abwische? Auch der Kleriker, der das Gebot der Keuschheit übertritt und darum von den Freisinnigen getadelt wird, widersteht wenigstens der Versuchung, Männlichkeit jenem obszönen Vorsprung zu verdanken, den die Freisinnigen im Gesicht tragen. Er besteht aber auch die Probe, ob ein bartloses Gesicht männlich wirke. Darauf eben kommt es an. Die meisten Berufsträger würden, wenn man ihnen die Manneszier herunternähme, den Eindruck erwecken, daß die Frauenbewegung soeben zum Siege gelangt sei. Wenn ein Juristenkongreß, der zugleich mit einem Priesterkongreß tagt, sich anstandshalber rasieren ließe, dann würde man wohl merken, wo die besseren Gesichter sind, und an keinen Leitartikel fürder glauben. Ehe die Entscheidung fällt, ob die Gesellschaft lebensfähig sei, wird eine Obduktion der Gesichter vorgenommen werden müssen. Sie schere sich. Zuerst zum Barbier und dann zum Henker!

 

Die Männer dieser Zeit lassen sich in zwei deutlich unterscheidbare Gruppen einteilen: die Kragenschoner und die Hosenträger.

 

Ich sah einen, der sah aus wie der Standard of life. Einen andern, der sah wie der sinkende Wohlstand aus. Der Redakteur verließ das Hotelzimmer des Herrn Venizelos und sah aus wie der Status quo. Vorbei ging die Welt, die hatte das Gesicht der besitzenden Klassen und das Gesäß der breiten Schichten.

 

Der Historiker ist nicht immer ein rückwärts gekehrter Prophet, aber der Journalist ist immer einer, der nachher alles vorher gewußt hat.

 

Die ganze Menschheit befindet sich bereits der Presse gegenüber im Zustande des Schauspielers, dem ein unterlassener Gruß schaden könnte. Man wird preßfürchtig geboren.

 

Der Kritik der Zeitungen gelingt es immerhin, auszudrücken, wie der Kritisierte zum Kritiker steht.

 

Der Journalismus ist ein Terminhandel, bei dem das Getreide auch in der Idee nicht vorhanden ist, aber effektives Stroh gedroschen wird.

 

Steht die Kunst tagsüber im Dienste des Kaufmanns, so ist der Abend seiner Erholung an ihr gewidmet. Das ist viel verlangt von der Kunst, aber sie und der Kaufmann schaffen es.

 

Ihr, ihr Götter gehört dem Kaufmann!

 

Die Ostasiaten können ohne Gefahr für ihr kulturelles Fortleben sich auf technische Spielereien einlassen. Diese sind das Nebengeleise des Lebens, auf das wir unsere abgebundene Sexualität gedrängt haben. Dort ist sie festgefahren und wir werden schon sehen, wohin wir kommen und wo wir bleiben. Solange im Leben der Ostasiaten die Hauptsache nicht abgebunden ist, bedeutet ihr Fortschritt nicht die Gefahr des Steckenbleibens.

 

Seitdem sich die Menschheit einen Propeller vorbindet, geht es zurück. Die Luftschraube bewirkt, daß es auch abwärts geht.

 

Die Eignung zum Lesen der Kriegsberichte dürfte bei mancher Nation schon heute die Kriegstauglichkeit ersetzen.

 

Der Erfinder der Buchdruckerkunst ist Gutenberg. Er hieß eigentlich Gensfleisch. »Er verband sich in Straßburg mit mehreren Genossen zur Ausbeutung gewisser Kenntnisse und Fähigkeiten, die er besaß, wozu sie zum Teil erhebliche Summen einzahlen mußten. Das fortwährende Drängen seiner Genossen, noch in weitere Geheimnisse eingeweiht zu werden, die Tatsache, daß ihnen diese unter neuen Einzahlungen gelang, sowie die weitere Tatsache, daß hierbei eine Presse zur Verwendung kam, lassen uns vermuten, daß G. tatsächlich schon hier die ersten Versuche in seiner großen Entdeckung gemacht hat.«

 

Die Druckerschwärze ist noch nie zu der Verwendung gelangt, für die sie erschaffen ist. Sie gehört nicht ins Hirn, sondern in den Hals jener, die sie falsch verwenden.



Quelle: www.textlog.de

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