IV. Wien


Ich glaube, daß wir der Entwicklung der Presse, die neuestens den Ministern »als Dolmetsch der in der Bevölkerung verbreiteten Ansichten unentbehrlich« erscheint, hauptsächlich das eine verdanken: daß ein lebendiger Kaffeesieder uns täglich gegenwärtiger ist als Grillparzer, Schubert und Stifter. Was allerdings auch mit den in der Bevölkerung verbreiteten Ansichten übereinstimmen dürfte.

 

Der Mensch wendet gegen den Hund ein, daß er Dreck sucht. Was noch mehr gegen ihn spricht, ist, daß er den Menschen sucht. Immerhin beweist er seine Höherwertigkeit dadurch, daß er nicht zum »Dreimäderlhaus« läuft.

 

Made in Austria — aha, von altem Käse ist die Rede. Österreich ist »gut durch«. Aber bald werden die Kellner bedauern, nicht mehr dienen zu können.

 

Die österreichische Überzeugung, daß dir nix g'schehn kann, geht bis zu der Entschlossenheit eines Mannes, der auf Unfall versichert ist und sich deshalb ein Bein bricht.

 

Österreich hat durch seine politischen Blamagen erreicht, daß man in der großen Welt auf Österreich aufmerksam wurde und es endlich einmal nicht mehr mit Australien verwechselt.

 

Ich bedaure die Sisyphusse, die in der Unterwelt unseres öffentlichen Lebens den Stein des Fremdenverkehrs heben wollen und sich freuen, wenn er ihnen beim Hinabrollen wenigstens die Fremdwörter erschlägt.

 

Einen Brief absenden heißt in Österreich einen Brief aufgeben.

 

Der Wiener Volkscharakter hat zwei Triebfedern des Stillstandes, die, scheinbar einander entgegenstrebend, schließlich doch eine Einheit ergeben: Der Schiebidenneteean-Wille paart sich mit der Stehteenettafür-Skepsis und es entspringt die Lekmimoasch- Absage.

 

Dem Kampf gegen das Welsche scheint eine heimliche Sympathie für das Kauderwelsche zugrundezuliegen.

 

Jeder Wiener steht allein im Weltenraum und bietet sich der Betrachtung. In Berlin ist bloß der Reinhardt eine Individualität und jeder Berliner sein Komparse. Und wenn ich zehn Jahre in Berlin lebte, ich würde an die Wimpern eines Passanten nicht klimpern können, während man in Wien am ersten Tag auf ihnen Klavier spielen kann.

 

In Wien und in Berlin können Aeroplane aufsteigen, da ist weiter nichts Wunderbares. Aber daß man per Eisenbahn in zwölf Stunden von Grinzing beim Oranienburger Tor sein kann, das klingt wie eine Erfindung.

 

Die Sicherheit in Wien ist schon Garantie: der Kutscher überfährt den Passanten nicht, weil er ihn persönlich kennt.

 

Wiewohl der Kutscher den Passanten persönlich kennt, kann doch etwas passieren. Man darf nicht außer acht lassen, daß die Freude des Wiedersehens jenen verwirren kann.

 

Die Mission der Ämter ist es, die Erhebungen zu pflegen, die eben dadurch zu entstehen pflegen.

 

Es ist nicht gut, daß in einem schlechten Staat eine Industrie verstaatlicht wird. Denn erstens ist dann die Ware schlechter, zweitens wird man schlechter bedient und drittens begeht man dadurch, daß man dem Lieferanten die Ware an den Schädel wirft, eine Amtsehrenbeleidigung.

 

Die meisten Staatsbeamten haben Journaldienst.

 

Die Zeitung in Deutschland ist immerhin eine Bedürfnisanstalt. Hier suchen sie durch Goldfische von dem eigentlichen Sinn der Verrichtung abzulenken.

 

Natürlich lebe ich immer noch lieber unter dem Betriebspöbel als unter dem Gemütspöbel.

 

»Der Wiener geht nicht unter.« Hoffnung oder Drohung? Vielleicht nur eine Höflichkeit, für »Unkraut verdirbt nicht«.

 

Ich glaube nicht, daß der Wiener ein Kenner von Lyrik ist, wenn er behauptet, eine Mehlspeise sei ein Gedicht, das auf der Zunge zergeht.

 

Die Panik auf einem untergehenden Dampfer, der schon das Notsignal SOS (Rettet unsere Seelen) abgibt, muß ein Kinderspiel sein gegen das Chaos in einem Wiener Restaurant, wenn alles teils essen, teils »zahlen« will, die Mannschaft »nicht mehr dienen« kann, der Kapitän sich händeringend weinenden Familien entwindet, während die Hilferufe »Zahlen!«, von keuchenden Matrosen weitergegeben, verhallend ins Leere, über seinem Kopf zusammenschlagen, zwischen jammernden Kindern, irrenden Müttern der Todesengel, ein unbewegter Grüßer, durch die Reihen geht und im Moment der äußersten Bedrängnis, wo nur noch gurgelnde Laute wie »Hier!« »Bier!« »Wo?« »Do!« hörbar werden, plötzlich der furchtbare Angstruf zum Himmel dringt: »Sosss bittee!«.

 

In Wien habe ich oft eine allgemeine Befriedigung bemerkt, wenn in einem Lokal ein Engländer sich schlecht benahm. Da wird Spalier gebildet und überall ist Freude. Ganz nüchtern wird der Osten, wenn der Westen besoffen ist.

 

Es gibt Leute, die zu grinsen beginnen, wenn sie mir auf der Straße begegnen, als ob ich mir's gewünscht hätte, sie zu treffen, und sie, weil sie schon immer gewußt haben, daß das unangenehm ist, nun ihre ganze Schadenfreude zusammenrafften. Auch rufen sie einander, wenn sie zu zweit gehen, meinen Namen zu, aber auch mir selbst, damit ich mir's merke. Die Zeitverhältnisse bestärken mich in der Vermutung, daß es nicht reisende Engländer, sondern im Gegenteil Angehörige der Zentralstaaten sind oder vollends, da es auch schwer ist, über Bodenbach hereinzukommen, Wiener.

 

»Wie kommt es, daß so viele Leute in Wien noch immer glauben, daß Sie einen Vollbart haben?« »Das kommt daher, daß ich einmal zufällig neben einem ging, der einen Vollbart trug, und daß einer, der mit einem andern vorbeiging, mit dem Finger zeigte: ›Dort geht der Fackelkraus.‹« »Ist Ihnen die Verwechslung unangenehm?« »Nein, aber dem andern.« »Kennen Sie ihn?« »Nein, aber ich bedaure ihn, er muß Qualen ausstehen.« »Sie sind schadenfroh.« »Ja, weil ihm recht geschieht. Einem Vollbart glaubt man's.« »Leben Sie darum besser?« »Gewiß, weil nur die Hälfte der Bevölkerung mich agnosziert, während die andere Hälfte an der andern Version festhält.« »Sie könnten sich vollends Ruhe schaffen, wenn Sie sich einen Vollbart wachsen ließen.« »Es wäre gegen meine Überzeugung und überdies würde es nichts nützen, weil dann die andere Hälfte der Bevölkerung mich mit dem andern verwechseln würde.« »Was würden Sie tun, wenn Sie diesen kennen lernten?« »Ihm den Rat geben, sich rasieren zu lassen.« »Warum?« »Weil es besser aussieht.« »Dann wüßte aber die andre Hälfte der Bevölkerung nicht, woran sie ist!« »Ich würde mir in den Bart lachen.« »Aber hätten Sie denn einen, weil der andere sich rasieren läßt?« »Das ist wahr. So würde ich mir ins Fäustchen lachen.«

 

(Lesestück.) Ich kam in ein Lokal. Alle Tische waren besetzt. An einem saß nur einer. Ich nahm Platz. Eine Familie kommt, Vater, Mutter, Tochter. Die Tochter gibt der Mutter einen Stoß, diese dem Vater. Der Vater versteht nicht. Die Tochter schreibt es auf. Der Vater starrt entsetzt meinen Nachbarn an und nimmt eine Zeitung zur Hand. Mein Nachbar entfernt sich nach einer Weile. Der Vater sieht ihm nach und sagt triumphierend: »Justament hab ich mich nicht geniert und hab vor ihm die Neue Presse gelesen, zersprungen is er und weg!« Die Tochter gab der Mutter einen Stoß, diese dem Vater. Der Orkus öffnete sich und ich trat diskret ab.

 

Gibt es eine größere Wehrlosigkeit als die in einem Sperrsitz im Theater? Was tust du nur, wenn vor dir einer sitzt, der dich unaufhörlich grüßt, in der richtigen Annahme, du werdest ihn bemerken? Gut, du erwiderst den Gruß nicht. Aber er versucht's im nächsten Zwischenakt wieder und dreht sich auch während des Spiels öfter nach dir um Er grüßt so oft, um die Grüße der letzten zwanzig Jahre einzubringen, die er nicht erreicht hat. Wie gern lese ich einem Publikum von solchen im finstern Saal etwas vor. Aber unter ihnen sitzen — da packt mich das Lampenfieber.

 

Wenn ich manche Leute zurückgrüße, so geschieht es nur, um ihnen ihren Gruß zurückzugeben.

 

Ich sehe, wenn ich über die Straße gehe, viele Dummköpfe, bleibe aber ernst. Ja, ich werde immer ernster, je mehr Dummköpfe ich sehe. Dagegen lächeln die Dummköpfe, die mich sehen, wenn sie über die Straße gehen, und da mich ebensoviele Dummköpfe sehen, als ich Dummköpfe sehe, so lächeln viele Dummköpfe, wenn ich über die Straße gehe. Sie bleiben stehen, rufen meinen Namen, zeigen auf mich, damit ich nicht nur sie bemerke, sondern auch wisse, wie ich heiße, und daß ich es bin. Ich kann mich dagegen nicht schützen, weil dieser Vorgang sich in einem Staate abspielt, der der Meinung ist, daß nur die Ehre beleidigt werden könne, und der einen Dummkopf ungestraft läßt, aber mich straft, wenn ich ihn Dummkopf nenne, damit er wisse, wie er heißt und daß er es ist.

 

Hast du vom Kahlenberg die Stadt dir nur besehn, so wirst du, was ich schrieb und was ich bin, verstehn!


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