II. Moral, Christentum


Der Mann hat den Wildstrom weiblicher Sinnlichkeit kanalisiert. Nun überschwemmt er nicht mehr das Land. Aber er befruchtet es auch nicht mehr.

 

Die Gründer der Normen haben das Verhältnis der Geschlechter verkehrt: sie haben das Geschlecht des Weibes in die Konvention geschnürt und das männliche entfesselt. So ist die Anmut vertrocknet und der Geist. Es gibt noch Sinnlichkeit in der Welt; aber sie ist nicht mehr die triumphierende Entfaltung einer Wesenheit, sondern die erbärmliche Entartung einer Funktion.

 

Als die Zugänglichkeit des Weibes noch eine Tugend war, wuchs dem männlichen Geiste die Kraft. Heute verzehrt er sich vor der Scheidemauer einer verbotenen Welt. Geist und Lust paaren sich wie ehedem. Aber das Weib hat den Geist an sich genommen, um dem Draufgänger Lust zu machen.

 

Wie schnell kam der Mann an sein Tagewerk, als er noch den bis auf Widerruf eröffneten Durchgang benützen durfte. Der neue Hausherr der Menschheit duldet's nicht.

 

Das vom Mann verstoßene »Weibchen« rächt sich. Es ist eine Dame geworden und hat ein Männchen im Haus.

 

Wenn die Natur vor Verfolgung sicher sein will, rettet sie sich in die Schweinerei.

 

Sittlichkeit ist das, was ohne unzüchtig zu sein mein Schamgefühl gröblich verletzt.

 

Kategorien

Ob sündig oder sittenrein?

Ob lebend oder schon begraben?

Doch teilt ihr sie auch in Gefallene ein

und solche, die nicht gefallen haben.

 

Der Philister verachtet die Frau, die sich von ihm hat lieben lassen. Wie gerne möchte man ihm recht geben, wenn man der Frau Schuld geben könnte!

 

Moralische Verantwortung ist das, was dem Mann fehlt, wenn er es von der Frau verlangt.

 

Ein Justizmord der Gesellschaftsordnung macht den andern notwendig. Da sie die Huren in die Familie gesperrt hat, muß sie die Mütter ins Bordell sperren. Es ist einfach eine Platzfrage.

 

Die Gesellschaft braucht Frauen, die einen schlechten Charakter haben. Solche, die gar keinen haben, sind ein bedenkliches Element.

 

Ein Bettler wurde verurteilt, weil er auf einer Bank gesessen und »traurig dreingeschaut« hatte. In dieser Weltordnung machen sich die Männer verdächtig, die traurig, und die Weiber, die lustig dreinschauen. Immerhin zieht sie die Bettler den Freudenmädchen vor. Denn die Freudenmädchen sind unehrliche Krüppel, die aus dem Körperfehler der Schönheit Gewinn ziehen.

 

Im Wörterbuch steht, daß »Aphrodite« entweder die Göttin der Liebe bedeutet oder einen Wurm.

 

Wie stellen sich denn die Tröpfe, nach deren Plan wir leben müssen, eine »Verworfene« vor? Neunzig unter hundert könnten sie ihren Kindern als Erzieherinnen geben. Es ist eine Freudenhausbackenheit, die selbst durch das Leben in einem Nonnenkloster nicht zu verderben wäre.

 

Daß eine Kokotte nach sozialen Ehren strebt, ist eine traurige Erniedrigung; aber sie entschädigt sich wenigstens durch heimliche Freuden. Viel verwerflicher ist die Praxis jener Frauen, die durch den Schein eines Freudenlebens über ihre heimliche Ehrbarkeit zu täuschen wissen. Sie schmarotzen an einer sozialen Verachtung, die sie sich nicht verdienen; und das ist die schlimmste Art von Streberei.

 

Tugend und Laster sind verwandt wie Kohle und Diamant.

 

Erotik ist Überwindung von Hindernissen. Das verlockendste und populärste Hindernis ist die Moral.

 

Wie schön, wenn ein Mädchen seine gute Erziehung vergißt!

 

Das Virginitätsideal ist das Ideal jener, die entjungfern wollen.

 

Gretchen-Tragödie — welch ein Aufhebens! Die Welt steht stille, Himmel und Hölle öffnen sich, und in den Sphären klingt die Musik unendlichen Bedauerns: Nicht jedes Mädchen fällt so ›rein!

 

Wird in Deutschland der dramatische Knoten noch immer aus der Jungfernhaut geschürzt?

 

Wir sagen »Geliebte« und sehen die Höhe des Pathos nicht mehr, aus der dies Wort in die Niederungen der Ironie gelangt ist, — tief unter die geachtete Mittellage der Ungeliebten. Der Sprachgeist will's, daß die Geliebte eine Gefallene sei. Aber wenn Frauen, die geliebt wurden, »Gestiegene« hießen, unsere Kultur würde bald auch diesen Namen mit der Klammer des Hohns umfangen.

 

Der verfluchte Kerl, rief sie, hat mich in gesegnete Umstände gebracht!

 

»Gefallene Frauen«? In die Ehe gefallene Huren!

 

Es ist nicht Sitte, eine Frau zu heiraten, die vorher ein Verhältnis gehabt hat. Aber es ist Sitte, mit einer Frau ein Verhältnis zu haben, die vorher geheiratet hat.

 

Liebe soll Gedanken zeugen. In der Sprache der Gesellschaftsordnung sagt die Frau: Was werden Sie von mir denken!

 

Wie eine lebensfähige Frau ihren faulen Frieden mit der Welt macht: Sie verzichtet auf die Persönlichkeit und bekommt dafür die Galanterien zugestanden.

 

Was doch die soziale Sitte vermag! Nur ein Spinnweb liegt über dem Vulkan, aber er hält sich zurück.

 

Eine Frau wird doch nicht so viel Rücksicht auf die Gesellschaft nehmen, daß sie den Ehebruch immer begeht, den ihr die Leute nachsagen?

 

Das ist der Triumph der Sittlichkeit: Ein Dieb, der in ein Schlafzimmer gedrungen ist, behauptet, sein Schamgefühl sei verletzt worden, und erpreßt durch Drohung mit der Anzeige wegen Unsittlichkeit die Unterlassung der Anzeige wegen Einbruchs.

 

Die Moral ist ein Einbruchswerkzeug, welches den Vorzug hat, daß es nie am Tatort zurückgelassen wird.

 

So will es die Gesellschaftsordnung: Wenn irgendwo ein Mord geschehen ist, wo zwei Leute auch zu einem Geschlechtsakt zusammengetroffen sind, so werden sie lieber den Verdacht des Mordes ertragen, als den des Geschlechtsverkehrs.

 

Die Sitte verlangt, daß ein Lustmörder den Mord zugebe, aber nicht die Lust.

 

Die Unzucht mit Tieren ist verboten, das Schlachten von Tieren ist erlaubt. Aber hat man noch nicht bedacht, daß es ein Lustmord sein könnte?

 

Die Unsittlichkeit kommt an den Tag und wirkt dennoch nicht abschreckend. Um so betrüblicher ist es, daß die Sittlichkeit, die im Staate waltet, nicht enthüllt wird und darum nicht vorbildlich wirken kann. Wenn man sie nicht hin und wieder in Form der Erpressung zu spüren bekäme, man wüßte rein nicht, daß sie auf der Welt ist.

 

Auf die Frage, ob er denn wisse, was »unschicklich« sei, hat einmal ein kleiner Junge geantwortet: »Unschicklich ist, wenn jemand dabei ist.« Und der erwachsene Gesetzgeber möchte immer dabei sein!

 

Enthaltsamkeit rächt sich immer. Bei dem einen erzeugt sie Pusteln, beim andern Sexualgesetze.

 

Sittlichkeit und Kriminalität

Wir können ruhig schlafen,

weil man ins freie Feld

der Lust den Paragraphen

als Vogelscheuche stellt.

 

Doch Warnung lockt den Flieger,

die Scheuche schreckt den Schlaf;

die Lust bleibt immer Sieger,

ihr Schmuck der Paragraph!

 

Es wäre eine interessante Statistik: Wie viel Leute durch Verbote dazu gebracht werden, sie zu übertreten. Wie viel Taten die Folgen der Strafen sind. Interessant wäre es, zu erfahren, ob mehr Kinderschändungen trotz oder wegen der Altersgrenze begangen werden.

 

Keine Grenze verlockt mehr zum Schmuggeln als die Altersgrenze.

 

Die Strafen dienen zur Abschreckung derer, die keine Sünden begehen wollen.

 

Ein Sittlichkeitsprozeß ist die zielbewußte Entwicklung einer individuellen zur allgemeinen Unsittlichkeit, von deren düsterem Grunde sich die erwiesene Schuld des Angeklagten leuchtend abhebt.

 

Der Skandal fängt an, wenn die Polizei ihm ein Ende macht.

 

Die Sittenpolizei macht sich der Einmischung durch eine Amtshandlung schuldig.

 

Sie richten, damit sie nicht gerichtet werden.

 

Quousque tandem, Cato, abutere patientia nostra!

 

Im Orient haben die Frauen größere Freiheit. Sie dürfen geliebt werden.

 

Die Eifersucht des Mannes ist eine soziale Einrichtung, die Prostitution der Frau ist ein Naturtrieb.

 

Das Wesen der Prostitution beruht nicht darauf, daß sie sich's gefallen lassen müssen, sondern daß sie sich's mißfallen lassen können.

 

Eine sittliche Prostitution fußt auf dem Prinzip der Monogamie.

 

Die sittliche Weltordnung ist den geheimnisvollen Fähigkeiten des Weibes, prostituiert zu werden und selbst zu prostituieren, in zwei monogamen Lebensformen gerecht geworden: sie schuf die Maitresse und den Zuhälter.

 

Die Maitresse verbüßt die Freiheit in Einzelhaft.

 

Die Unsittlichkeit der Maitresse besteht in der Treue gegen den Besitzer.

 

Die Rechtsstellung des Zuhälters in der bürgerlichen Gesellschaft ist noch nicht geklärt. Er ist ihr Auswurf. Denn er achtet, wo geächtet wird; er beschützt, wo verfolgt wird. Er kann für seine Überzeugung auch Opfer bringen. Wenn er jedoch für seine Überzeugung Opfer verlangt, fügt er sich in den Rahmen einer Gesellschaftsordnung, die zwar dem Weib die Prostitution nicht verzeiht, aber die Korruption dem Manne.

 

Die Unmoral des Mannes triumphiert über die Nichtmoral der Frau.

 

Daß die bürgerliche Gesellschaft mit Verachtung auf den Zuhälter blickt, ist begreiflich; denn er ist der heroische Widerpart ihrer Unterhaltungen. Sie sind bloß die schlechteren Christen, er aber ist der bessere Teufel. Er ist der Antipolizist, der die Prostituierte sicherer vor dem Staat schützt, als der Staat die Gesellschaft vor ihr. Er ist der letzte moralische Rückhalt eines Weibes, das an der guten Gesellschaft zuschanden geht. Von ihr kann sie nur reich werden, von ihm wird sie schön. Wenn er sie ausraubt, so hat sie mehr davon, als wenn die anderen sie beschenken. Weil er »zu ihr hält«, ist er mißachteter als sie selbst; aber diese Mißachtung ist nur ein Mantel des Neides: die Gesellschaft muß ihre Lust bezahlen, sie empfängt Ware für Geld; aber das Weib empfängt das Geld und behält die Lust, um den Einen doppelt zu beschenken. Dort ist die Liebe eine ökonomische Angelegenheit; hier macht eine Naturgewalt die Rechnung.

 

Ein schauerlicher Materialismus predigt uns, daß die Liebe nichts mit dem Geld zu tun habe und das Geld nichts mit der Liebe. Die idealistische Auffassung gibt wenigstens eine Preisgrenze zu, bei der die wahre Liebe beginnt. Es ist zugleich die Grenze, bei der die Eifersucht dessen aufhört, der um seiner selbst willen geliebt wird. Sie hört auf, wiewohl sie jetzt beginnen könnte. Das Konkurrenzgebiet ist verlegt.

 

Reinigung

Verachtung der Prostitution?

Die Huren schlimmer als Diebe?

Lernt: Liebe nimmt nicht nur Lohn,

Lohn gibt auch Liebe!

 

Nicht jeder, der von einer Frau Geld nimmt, darf sich darum schon einbilden, ein Strizzi zu sein.

 

Ein Weib, das zur Liebe taugt, wird im Alter die Freuden einer Kupplerin genießen. Eine frigide Natur wird bloß Zimmer vermieten.

 

Kupplerinnen sind die Hüterinnen der Normen.

 

Der Zuhälter ist eine Stütze der Frau. Verliert sie ihn, so kann es leicht geschehen, daß sie herunterkommt.

 

Weh dem armen Mädchen, das auf dem Pfade des Lasters strauchelt!

 

Erst Schutz vor Kindern, dann Kinderschutz!

 

Die Sündenmoral ist darauf aus, die Ursachen, auf die das Kinderkriegen zurückzuführen ist, zu beseitigen. Sie sagt, die Abtreibung der Lust sei ungefährlich, wenn sie unter allen Kautelen der theologischen Wissenschaft durchgeführt werde.

 

Die Zweiteilung des Menschengeschlechts ist von der Wissenschaft noch nicht anerkannt worden.

 

Es ist höchste Zeit, daß die Kinder die Eltern über die Geheimnisse des Geschlechtslebens aufklären.

 

Zum Teufel mit dem Geschwätz über die sexuelle Aufklärung der Jugend! Sie erfolgt noch immer besser durch den Mitschüler, der im Lesebuch das Wort »Hören« anstreicht, als durch den Lehrer, der die Sache als eine staatliche Einrichtung erklärt, die so wichtig sei und so kompliziert wie das Steuerzahlen.

 

Die Liebe als Naturwissenschaft! Das Verbot der Lust bleibt aufrecht und nun wird uns auch die Romantik des Verbots verboten. Wir aber bitten: Wenn schon Christentum, dann lieber mit Weihrauch, Orgelklängen und Dunkel! Da bietet die Kirche etwas Ersatz für das, was sie nimmt.

 

Wie lernt die Menschheit schwimmen? Man sagt ihr, wo die gefährlichen Stellen sind, und daß es eine Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff sei.

 

Jedes Gespräch über das Geschlecht ist eine geschlechtliche Handlung. Den Vater, der seinen Sohn aufklärt, dieses Ideal der Aufklärung, umgibt eine Aura von Blutschande.

 

Die Moral ist ein so populäres Ding, daß man sie predigen kann. Aber der Unmoralprediger vergreift sich am Idealen.

 

Nur wer ein Problem nicht durchlebt hat, wird imstande sein, einen Leitartikel daraus zu machen. Aber gegen jene unerschrockene Jugend, die heute auf dem Marktplatz Sexualfreiheit rekommandiert, muß man die Eltern und Lehrer in Schutz nehmen. Ihre Lebensfremdheit ist erlebt.

 

Der Unmoralprotz ist dem Moralprotzen verwandter als die Unmoral der Moral.

 

Im Sexuellen wird die Freiheit mit ihren Feinden fertig, ohne der Gemeinheit als einer Bundesgenossin zu bedürfen.

 

Erkenntnisse des erotischen Lebens gehören der Kunst, nicht der Bildung. Nur manchmal müssen sie den Analphabeten vorbuchstabiert werden. Es kommt vor allem darauf an, die Analphabeten zu überzeugen, da sie ja die Strafgesetze machen.

 

Die Menschheit stempelt seit Jahrhunderten die Ausübung der Weiberrechte zur Schande. Jetzt muß sie sich die Ausübung der Frauenrechte gefallen lassen.

 

Hättet ihr die Rechte des Frauenkörpers anerkannt, hättet ihr die Unterleibeigenschaft aufgehoben wie ihr den Robot aufgehoben habt, nie wären die Frauen auf den lächerlichen Einfall gekommen, sich als Männer zu verkleiden, um als Weiber im Werte zu steigen!

 

Daß doch die Frauenemanzipation darauf ausginge, das Schandmal der anatomischen Ehre des Weibes zu beseitigen und männlicher Blindheit zu zeigen, daß es eine prostitutio in integrum gibt!

 

Die Frauen verlangen das aktive und das passive Wahlrecht. Daß sie das Recht haben sollen, jeden Mann zu wählen, und daß man ihnen keinen Vorwurf mehr mache, wenn sie sich von wem immer wählen lassen? Behüte der Himmel: Sie meinen es politisch! Aber auf so verzweifelte Gedanken sind sie von den Männern gebracht worden. Jetzt wird diesen nichts anderes übrig bleiben, als von der Regierung zu verlangen, daß ihnen endlich die Menstruation bewilligt werde.

 

Wenn die Frauen dazu angehalten werden, in allen Berufen ihren Mann zu stellen, so werden die Männer naturnotwendig dazu gebracht, ihr Weib zu stellen. Eine volle Konkurrenzfähigkeit ist aber schon deshalb nicht zu erzielen, weil sie nach einer von keinem Parlament der Welt abzuschaffenden Regel wenigstens für ein paar Tage im Monat gehemmt ist. Fluch einer Weltordnung, die die Frauen auch dann noch in den Daseinskampf hinaushetzt! Das Blut komme über sie, das in diesem Kampfe vergossen wird! Denn es ist grausamer Betrug, das Opfer, das die Natur verlangt, in der Notwehr gegen eine in Waffen starrende Welt entrichten zu lassen.

 

Solange die Frauenrechtsbewegung besteht, sollten es sich die Männer wenigstens zur Pflicht machen, die Galanterie einzustellen. Man kann es heute gar nicht mehr riskieren, einer Frau auf der Straßenbahn Platz zu machen, weil man nie wissen kann, ob man sie nicht beleidigt und in ihren Ansprüchen auf den gleichen Anteil an den Unannehmlichkeiten des Daseins verkürzt. Dagegen sollte man sich gewöhnen, gegen die Feministen in jeder Weise ritterlich und zuvorkommend zu sein.

 

Wenn der Geist der Weiber in Betracht kommen soll, dann werden wir anfangen, uns für die Sinnlichkeit der Männer zu interessieren. Welch eine Aussicht!

 

»Frauenrechte« sind Männerpflichten.

 

Ich hörte eine Frau von einer andern rühmend sagen: »Sie hat so etwas Weibliches an sich.«

 

Die Frauenemanzipation macht rapide Fortschritte. Nur die Lustmörder gehen nicht mit der Entwicklung. Es gibt noch keinen Kopfaufschlitzer.

 

Emanzipierte Weiber gleichen Fischen, die ans Land gekommen sind, um der Angelrute zu entgehen. Faule Fische fängt der faulste Fischer nicht.

 

Versorgung der Sinne: Die bangere Frauenfrage.

 

Schönheit vergeht, weil Tugend besteht.

 

»Ein Frauenverehrer stimmt den Argumenten Ihrer Frauenverachtung mit Begeisterung zu«, schrieb ich an Otto Weininger, als ich sein Werk gelesen hatte. Daß doch ein Denker, der zur Erkenntnis der Anderswertigkeit des Weibes aufgestiegen ist, der Versuchung nicht besser widersteht, verschiedene Werte mit dem gleichen intellektuellen und ethischen Maß zu messen! Das gibt ein System der Entrüstung. Aber ein Gedanke hebt es auf: Wo Hirn- und Hemmungslosigkeit so hohe Anmut entfalten, Mangel an Verstand und Mangel an Gemüt sich zu ästhetischem Vereine paaren und die Resultante der schlimmsten Eigenschaften die Sinne berückt, darf man vielleicht doch an einen besonderen Plan der Natur glauben, wenn man überhaupt an Pläne der Natur glauben darf.

 

Auch im Freudenleben gibt es einen tragischen Konflikt zwischen Persönlichkeit und Gesellschaft und einen traurigen Konflikt zwischen Unzulänglichkeit und Beruf. Aber die geistig selbstherrliche Hetäre, die als grande amoureuse sich gegen eine Welt durchzusetzen weiß, ist nur eine Konstruktion erotischer Wünsche, die das Schauspiel eines Sonnenunterganges verewigen möchten. Daß höhere Bewußtheit selbst noch die Zügellosigkeit lenken, mit der Sublimierung des Sinnenlebens auch seine Sicherung bewirken könnte, ist eine Möglichkeit des Romans. Die Frau mit Geist ist eine gefährliche Schachkünstlerin der Sexualität. Oder sie ist geschlechtslos und stellt das Greuel der Kopfrechnerin dar, die in der Hochzeitsnacht eine Integralrechnung ausführt, ohne zur Potenz erheben zu können.

 

Woran sollte sich der Geist besser laben als an weiblicher Torheit, die hinter geistvollen Zügen steckt? Wenn die Frau ist, was sie scheinen soll, ermattet der männliche Verstand. Das Wunder tiefsinniger Banalität wird der Welt seit den Tagen der Phryne offenbar; sie genießt es, aber sie will daran nicht glauben. Weil die geistig hochstehenden Männer Griechenlands den Verkehr mit Hetären suchten, müssen die Hetären geistig hochstehende Frauen gewesen sein. Sonst hätten wir keinen Respekt vor den alten Griechen. Darum hat die Kulturgeschichte das Bildungsniveau athenischer Freudenmädchen so gut es ging erhöht Die christliche Erziehung sähe es gern, daß die Hysterie, die sie in die Welt gebracht hat, rückwirkende Kraft besäße. Sie wird sich aber doch dazu verstehen müssen, die Mänaden aus dem Spiel zu lassen und bloß die Hexen zu verbrennen, zu denen sie die Frauen ihrer Zeit gemacht hat.

 

Weib und Musik sind heute geistig so hochstehend, daß sich ein gebildeter Mann nicht mehr schämen muß, sich von ihnen anregen zu lassen. Jetzt fehlt nur noch, daß auch die Wiesen, auf denen sich's liegen läßt, hysterisch werden.

 

Griechische Denker nahmen mit Huren vorlieb. Germanische Kommis können ohne Damen nicht leben.

 

Der christliche Tierpark: Eine gezähmte Löwin sitzt im Käfig. Viele Löwen stehen draußen und blicken mit Interesse hinein. Ihre Neugierde wächst an dem Widerstand der Gitterstäbe. Schließlich zerbrechen sie sie. Händeringend flüchten die Wärter.

 

Das Christentum hat die Zollschranken zwischen Geist und Geschlecht aufgehoben. Aber die Durchsetzung des Sexuallebens mit dem Gedanken ist eine dürftige Entschädigung für die Durchsetzung des Gedankenlebens mit dem Sexuellen.

 

Das Christentum hat die erotische Mahlzeit um die Vorspeise der Neugier bereichert und durch die Nachspeise der Reue verdorben.

 

Omne animal triste. Das ist die christliche Moral. Aber auch sie nur post, nicht propter hoc.

 

Gewissensbisse sind die sadistischen Regungen des Christentums.

 

Im Kampf zwischen Natur und Sitte ist die Perversität eine Trophäe oder eine Wunde. Je nachdem, ob die Natur sie erbeutet oder die Sitte sie geschlagen hat.

 

Christlicher Umlaut

Seit die Lust aus der Welt entschwand und die Last ihr beschieden,

Lebt sie am Tag mit der Last, flieht sie des Nachts zu der List.

 

Der Judaskuß, den die christliche Kultur dem menschlichen Geiste gab, war der letzte Geschlechtsakt, den sie gewährte.

 

Die Tantaluswonnen gehören in die Mythologie des Christentums.

 

Die Verbreitung der Lustseuche hat der Glaube bewirkt, daß die Lust eine Seuche sei.

 

Wie hinter dem Don Quixote sein Sancho Pansa, so schreitet hinter dem Christentum die Syphilis einher.

 

Die Menschheit ist im Mittelalter hysterisch geworden, weil sie die sexuellen Eindrücke ihrer griechischen Knabenzeit schlecht verdrängt hat.

 

Hysterie ist die geronnene Milch der Mutterschaft.

 

Religion und Sittlichkeit. Der Katholizismus (kata und holos) geht aufs Ganze; aber das Judentum ist Mosaik.

 

Man setzt sich heutzutage genug Unannehmlichkeiten aus, wenn man von einem Kunstwerk sagt, daß es ein Kunstwerk sei. Aber man würde gesteinigt werden, wenn man das so laut von einem Frauenkörper sagte, wie es gesagt werden muß, um ihn neu zu beleben. Denn die Sitte will seine Zerstörung, und durch Worte kann man Anmut zusprechen.

 

Es ist eine schlimme Zeit, in der das Pathos der Sinnlichkeit zur Galanterie einschrumpft.

 

Der Schönheit sei es ein Trost, daß sich an den Mauern derselben Welt, die ihr den Quell absperrt, der Geist blutig stößt. Sie müßten sich beide verniedlichen, um erlaubt zu sein.

 

Die den Freudenbecher gewährt haben, sterben an dem alkoholischen Gifttrunk, den ihnen die christliche Nächstenliebe reicht.

 

Es war eine Flucht durch die Jahrtausende, als sie in der kältesten Winternacht von einem Theaterball halbnackt auf die Straße lief, in den tiefsten Prater hinein, Kellner, Kavaliere und Kutscher hinter ihr her ... Eine Lungenentzündung und der Tod brachten sie in unser Jahrhundert zurück.

 

Es ist eine durch alle Ewigkeit gültige Tatsache: Daß Urkraft des Weibes nicht bloß die Schwachen anzieht und vertilgt, sondern die Starken belebt und verjüngt. Daß die besten Gehirne aus solcher Geistesschwäche, die größten Charaktere aus so leichtem Sinn genährt wurden. Daß die mächtigsten Gebieter die erotischen Dienstjahre heil bestanden haben. Und daß Sinnengenuß und Schönheit nach dem wundervollen Plan der Weltordnung Zaubermittel sind, und nach dem teuflischen Plan der Gesellschaftsordnung in den Giftschrank der Menschheit gesperrt wurden.

 

Als die Prinzessin bei der Drehorgel mit den Kutschern tanzte, war sie so schön, daß der Hof in Ohnmacht fiel.


 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 02:33:21 •
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