IV. Presse, Dummheit, Politik


Die menschlichen Einrichtungen müssen erst so vollkommen werden, daß wir ungestört darüber nachdenken können, wie unvollkommen die göttlichen sind.

 

Maschinelles Leben fördert, künstlerische Umgebung lähmt die innere Poesie.

 

Wie? die Menschheit verdummt zugunsten des maschinellen Fortschrittes, und wir sollten uns diesen nicht einmal zunutze machen? Sollten mit der Dummheit Zwiesprache halten, wenn wir ihr in einem Automobil entfliehen können?

 

Die Kunst ist dem Philister der Aufputz für des Tages Müh' und Plage. Er schnappt nach den Ornamenten, wie der Hund nach der Wurst.

 

Das Gesindel besichtigt »Sehenswürdigkeiten«. Noch immer wird also bloß gefragt, ob das Grab Napoleons würdig sei, von Herrn Schulze gesehen zu werden, und noch immer nicht, ob Herr Schulze des Sehens würdig sei.

 

Der Philister lebt in einer Gegenwart, die mit Sehenswürdigkeiten ausgestattet ist, der Künstler strebt in eine Vergangenheit, eingerichtet mit allem Komfort der Neuzeit.

 

Die maschinelle Entwicklung kommt nur der Persönlichkeit zunutze, die über die Hindernisse des äußeren Lebens schneller zu sich selbst gelangt. Aber ihrer Hypertrophie sind die Gehirne des Durchschnitts nicht gewachsen. Von der Verwüstung, die die Druckpresse anrichtet, kann man sich heute noch gar keine Vorstellung machen. Das Luftschiff wird erfunden und die Phantasie kriecht wie eine Postkutsche. Automobil, Telephon und die Riesenauflagen des Stumpfsinns — wer kann sagen, wie die Gehirne der zweitnächsten Generation beschaffen sein werden? Die Abziehung von der Naturquelle, die die Maschine bewirkt, die Verdrängung des Lebens durch das Lesen und die Absorbierung aller Kunstmöglichkeit durch den Tatsachengeist werden verblüffend rasch ihr Werk vollendet haben. Nur in diesem Sinne möchte das Heranbrechen einer Eiszeit zu verstehen sein. Man lasse inzwischen alle soziale Politik gewähren, an ihren kleinen Aufgaben sich betätigen; lasse sie mit Volksbildung und sonstigen Surrogaten und Opiaten wirtschaften. Zeitvertreib bis zur Auflösung. Die Dinge haben eine Entwicklung genommen, für die in historisch feststellbaren Epochen kein Beispiel ist. Wer das nicht in jedem Nerv spürt, mag getrost die gemütliche Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit fortsetzen. Mit einem Mal wird man gewahren, daß es nicht weiter geht. Denn die neueste Zeit hat mit der Herstellung neuer Maschinen zum Betrieb einer alten Ethik begonnen. In den letzten dreißig Jahren ist mehr geschehen, als vorher in dreihundert. Und eines Tages wird sich die Menschheit für die großen Werke, die sie zu ihrer Erleichterung geschaffen hat, aufgeopfert haben.

 

Wir waren kompliziert genug, die Maschine zu bauen, und wir sind zu primitiv, uns von ihr bedienen zu lassen. Wir treiben Weltverkehr auf schmalspurigen Gehirnbahnen.

 

Sozialpolitik ist der verzweifelte Entschluß, an einem Krebskranken eine Hühneraugenoperation vorzunehmen.

 

Wenn der Dachstuhl brennt, nützt weder Beten noch den Fußboden Scheuern. Immerhin ist Beten praktischer.

 

Was die Lues übriggelassen hat, wird von der Presse verwüstet werden. Bei den Gehirnerweichungen der Zukunft wird sich die Ursache nicht mehr mit Sicherheit feststellen lassen.

 

Unsere Kultur besteht aus drei Schubfächern, von denen zwei sich schließen, wenn eines offen ist: aus Arbeit, Unterhaltung und Belehrung. Die chinesischen Jongleure bewältigen das ganze Leben mit einem Finger. Sie werden also leichtes Spiel haben. Die gelbe Hoffnung!

 

Es gibt einen dunkeln Weltteil, der Entdecker aussendet.

 

Humanität, Bildung und Freiheit sind kostbare Güter, die mit Blut, Verstand und Menschenwürde nicht teuer genug erkauft sind.

 

Die Demokratie teilt die Menschen in Arbeiter und Faulenzer. Für solche, die keine Zeit zur Arbeit haben, ist sie nicht eingerichtet.

 

Was macht X? Sich zu schaffen am sausenden Webstuhl der Zeit.

 

Die Humanität ist eine physikalische Enttäuschung, die mit Naturnotwendigkeit eintritt. Denn der Liberalismus stellt immerzu sein Licht unter eine Glasglocke und glaubt, daß es im luftleeren Raum brennen werde. Eher brennt es noch im Sturm des Lebens. Wenn der Sauerstoff verzehrt ist, geht das Licht aus. Aber glücklicherweise steht die Glocke im Phrasenwasser und dieses steigt in dem Augenblick, da die Kerze erloschen ist. Hebt man die Glocke ab, so verspürt man erst die wahren Eigenschaften des Liberalismus. Er stinkt nach Kohlenwasserstoff.

 

Alles Reden und Treiben der sogenannten ernsten Männer von heute wäre in den Kinderstuben früherer Jahrhunderte nicht möglich gewesen. In den Kinderstuben von heute macht wenigstens noch das Argument der Rute Eindruck. Aber die Menschenrechte sind das zerreißbare Spielzeug der Erwachsenen, auf dem sie herumtreten wollen und das sie sich deshalb nicht nehmen lassen. Dürfte man peitschen, man würde es viel seltener tun, als man jetzt Lust hat, es zu tun. Worin besteht denn der Fortschritt? Ist die Lust zum Peitschen abgeschafft? Nein, bloß die Peitsche. In den Zeiten der Leibeigenschaft war die Furcht vor der Peitsche das Gegengewicht ihrer Lust. Heute hat sie kein Gegengewicht, dafür einen Sporn in dem fortschrittlichen Stolz, mit dem die Dummheit ihr Menschenrecht proklamiert. Eine schöne Freiheit: bloß nicht gepeitscht zu werden!

 

Als es noch keine Menschenrechte gab, hatte sie der Vorzugsmensch. Das war inhuman. Dann wurde die Gleichheit hergestellt, indem man dem Vorzugsmenschen die Menschenrechte aberkannte.

 

Wenn einer vor Gericht steht, so gibt es wohl kein Faktum aus dem sogenannten Vorleben, mit dem man nicht augenblicklich einen »ungünstigen Eindruck« erzeugen und der Justiz zu jener »Bewegung« verhelfen könnte, die der Gerichtssaalbericht verzeichnet. Man sollte es nicht glauben, wie die Delikte einen Menschen förmlich umdrängen, der sich einmal mit einem von ihnen eingelassen hat! Was sich auf vierzig Jahre verteilt hat, wirkt, auf die Spanne einer Gerichtsverhandlung projiziert, als lebende Illustration; was durch das Sieb der Zeit ging, erlangt verstärkte Aktualität, als ob es während der Untersuchungshaft geschehen wäre. Es beleuchtet nicht nur die Tat, mit der es nichts zu schaffen hat, sondern wird auch von der Tat beleuchtet, und das Charakterbild des Angeklagten ist immer von zwei Seiten bespiegelt. Das ist die Methode, die dem unperspektivischen Denken judizierender Durchschnittsköpfe glücklich angepaßt ist. Es heißt, einen Verlorenen unter die Anklagebank drücken.

 

Wer ist das: Sie ist blind vor dem Recht, sie schielt vor der Macht, und kriegt vor der Moral die Basedow'sche Krankheit. Und wegen der schönen Augen dieses Frauenzimmers opfern wir unsere Freiheit!

 

Die bloße Mahnung an die Richter, nach bestem Wissen und Gewissen zu urteilen, genügt nicht. Es müßten auch Vorschriften erlassen werden, wie klein das Wissen und wie groß das Gewissen sein darf.

 

Der Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen Prostitution.

 

Die Politik bringt die Spannungen eines Kriminalromans. Die Gestionen der Diplomatie bieten das Schauspiel, wie die Staaten von einer internationalen Verbrecherbande steckbrieflich verfolgt werden.

 

Politik ist Bühnenwirkung. Wenn Shakespeare über die Szene ging, hat noch jedem Publikum der Waffenlärm die Gedanken übertönt. Die Größe Bismarcks, der den politischen Stoff schöpferisch gestaltet — und warum sollte einem Künstler nicht ein Erlebnis im Irdischesten zur Schöpfung erwachsen? —, wird mit dem Maß der theatralischen Handlung, des Effekts der Auftritte und Abgänge gemessen. Und wenn wir Deutschen Gott und sonst nichts in der Welt fürchten, so respektieren wir selbst ihn nicht um seiner Persönlichkeit willen, sondern wegen des Geräusches seiner Donner. Politik und Theater: Rhythmus ist alles, nichts die Bedeutung.

 

Ich halte die Politik für eine mindestens ebenso vortreffliche Manier, mit dem Ernst des Lebens fertig zu werden, wie das Tarockspiel, und da es Menschen gibt, die vom Tarockspiel leben, so ist der Berufspolitiker eine durchaus verständliche Erscheinung. Um so mehr, als er immer nur auf Kosten jener gewinnt, die nicht mitspielen. Aber es ist in Ordnung, daß der politische Kiebitz zahlen muß, wenn das geduldige Zuschauen seinen Daseinsinhalt bildet. Gäbe es keine Politik, so hätte der Bürger bloß sein Innenleben, also nichts, was ihn ausfüllen könnte.

 

Zur Orientierung in Fragen der Politik genügen Operettenerinnerungen. Was sich etwa zu Ungunsten der absolutistischen Regierungsform sagen läßt, hat einem die Figur eines Königs Bobèche, eines Erbprinzen Kasimir oder eines Generals Kantschukoff beigebracht. Wenn die Forderung der Phraseure, daß die Kunst sich mit den öffentlichen Angelegenheiten befasse, überhaupt einen Sinn haben soll, so kann sie sich nur auf die Operettenproduktion beziehen. Diese trifft mit Recht der Vorwurf, daß sie die einzigen menschlichen Angelegenheiten, die nicht ernst zu nehmen sind, nämlich die öffentlichen, seit Jahrzehnten vernachlässigt hat. Denn die Kunstform der Operette ist jene, die dem Wesen aller politischen Entwicklungen angepaßt ist, weil sie der Dummheit die erlösende Unwahrscheinlichkeit gibt. Daß sich sonst die künstlerische Gestaltung auf die neugebackenen Ereignisse werfe, ist ein törichtes Verlangen; und selbst die Satire verschmäht sie, denn diese kann zwar die Lächerlichkeit der Politik erfassen, aber die Lächerlichkeiten innerhalb der Politik vollziehen sich unter dem Niveau einer im höheren Sinne witzigen Betrachtung.

 

Wer außer den Politikern, die sie begehen, beklagt die Dummheiten in der Politik? Sind denn die Gescheitheiten in der Politik gescheiter?

 

»Daß wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehen«. Ich verstehe aber nicht, wie die Rechtfertigung der monarchischen Staatsform bis zur Begeisterung gehen kann.

 

Wenn ein Wagen rollt, legt der Hund trotz längst erkannter Aussichtslosigkeit immer wieder seine prinzipielle Verwahrung ein. Das ist reiner Idealismus, während die Unentwegtheit des liberalen Politikers den Staatswagen nie ohne eigensüchtigen Zweck umbellt.

 

Das deutschliberale Pathos ist eine Mischung aus voraussetzungsloser Forschung und freiwilliger Feuerwehr.

 

Das Geheimnis des Agitators ist, sich so dumm zu machen, wie seine Zuhörer sind, damit sie glauben, sie seien so gescheit wie er.

 

Kinder spielen Soldaten. Das ist sinnvoll. Warum aber spielen Soldaten Kinder?

 

Der Sport ist ein Sohn des Fortschritts, und er trägt schon auf eigene Faust zur Verdummung der Familie bei.

 

Die Mission der Presse ist, Geist zu verbreiten und zugleich die Aufnahmsfähigkeit zu zerstören.

 

Der Journalismus dient nur scheinbar dem Tage. In Wahrheit zerstört er die geistige Empfänglichkeit der Nachwelt.

 

Vervielfältigung ist insofern ein Fortschritt, als sie die Verbreitung des Einfältigen ermöglicht.

 

Wenn man bedenkt, daß dieselbe technische Errungenschaft der »Kritik der reinen Vernunft« und den Berichten über eine Reise des Wiener Männergesangsvereines gedient hat, dann weicht aller Unfriede aus der Brust und man preist die Allmacht des Schöpfers.

 

Den Leuten ein X für ein U vormachen — wo ist die Zeitung, die diesen Druckfehler zugibt?

 

Wenns die Religion gilt, so erzählt mir ein Orientreisender, gibts keinen Bakschisch. Im Abendland kann man das auch der liberalen Presse nachrühmen.

 

Ich mit meinem engen Horizont las einst ein Zeitungsblatt nicht, das diese Artikelüberschriften enthielt: Die 1869er geheimen Verhandlungen zwischen Österreich, Frankreich und Italien. — Die Reformbewegung in Persien. — Die Ernennung der kroatischen Sektionschefs. — Die Pforte gegen den Metropoliten von Monastir ... Nachdem ich dieses Zeitungsblatt nicht gelesen hatte, fühlte ich meinen Horizont etwas erweitert.

 

Die Vorsehung einer gottlosen Zeit ist die Presse, und sie hat sogar den Glauben an eine Allwissenheit und Allgegenwart zur Überzeugung erhoben.

 

Zeit und Raum sind Erkenntnisformen des journalistischen Subjekts geworden.

 

Die Zeitungen haben zum Leben annähernd dasselbe Verhältnis, wie die Kartenaufschlägerinnen zur Metaphysik.

 

Der Friseur erzählt Neuigkeiten, wenn er bloß frisieren soll. Der Journalist ist geistreich, wenn er bloß Neuigkeiten erzählen soll. Das sind zwei, die höher hinaus wollen.

 

Witzblätter sind ein Beweis, daß der Philister humorlos ist. Sie gehören zum Ernst des Lebens, wie der Trank zur Speise. »Geben Sie mir sämtliche Witzblätter!« befiehlt ein sorgenschwerer Dummkopf dem Kellner, und plagt sich, daß ein Lächeln auf seinem Antlitz erscheine. Aus allen Winkeln des täglichen Lebens muß ihm der Humor zuströmen, den er nicht hat, und er würde selbst die Zündholzschachtel verschmähen, die nicht einen Witz auf ihrem Deckblatt führte. Ich las auf einem solchen: »Handwerksbursche (der sich eine zufällig in ein Gedicht eingewickelte Wurst gekauft hat): Sehr gut! Nun ess' ich erst die Wurst für die körperliche und dann les' ich das Gedicht für die geistige Nahrung!« Dergleichen freut den Philister, und er empfindet die Methode des Handwerksburschen nicht einmal als eine Anspielung.

 

Der Spiritismus ist die Metaphysik der Tischgesellschaft. Es ist begreiflich, daß erst ein Stammtisch gerüttelt werden muß, wenn der Geist sich einstellen soll. Die Entlarvung eines Mediums ist eine Abwechslung für solche, denen sonst höchstens die Entlarvung eines Kiebitzes gelang. Der Spiritismus ist der Wahn der Dickhäuter. Nur Menschen, denen die Vergeistigung der Materie so fernliegt wie dem Elefanten das Seiltanzen, werden mit der Zeit dem Drang verfallen, die Geister zu materialisieren.

 

Es herrscht Not an Kommis. Alles drängt der Journalistik zu.

 

Die Sonntagsruhe sollte wenigstens zum Nachdenken verwendet werden dürfen. Auch zum Nachdenken über die Sonntagsruhe. Daraus müßte die Erkenntnis hervorgehen, wie notwendig die vollständige Automatisierung des äußeren Lebens ist. Wer genießt heute die Sonntagsruhe? Außer den Verkäufern die Ware. Den Käufern schafft sie Unbequemlichkeit. Am Sonntag ruhen sich die Zigarren aus in den Zigarrenläden, das Obst in den Fruchtläden und der Schinken in den Delikatessengeschäften. Die haben's gut! Aber wir möchten es auch gut haben und gerade am Sonntag die Zigarren, das Obst und den Schinken nicht entbehren. Wenn die Heiligung des Sonntags in einer Enthaltung von Genußmitteln bestände, hätte die Sonntagsruhe der Genußmittel einen Sinn. Da sie bloß eine Entlastung der Verkäufer bezweckt, ist sie zwar nicht in ihrer Tendenz, aber in ihrer Konsequenz antisozial. Allerdings wäre es möglich, daß hierzulande auch die Automaten am Sonntag nicht funktionieren, weil eben Sonntagsruhe ist, und an Werktagen nicht, weil sie verdorben sind.

 

Daß Bäcker und Lehrer streiken, hat einen Sinn. Aber die Aufnahme der leiblichen oder geistigen Nahrung verweigern, ist grotesk. Wenn es nicht etwa deshalb geschieht, weil man sie für verfälscht hält. Die lächerlichste Sache von der Welt ist ein Bildungshungerstreik. Ich stimme schon für die Sperrung der Universitäten; aber sie darf nicht durch einen Streik herbeigeführt werden. Sie soll freiwillig gewährt, nicht ertrotzt sein.

 

Wenn ein Fürst geehrt werden soll, werden die Schulen geschlossen, wird die Arbeit eingestellt und der Verkehr unterbunden.

 

Die Orthodoxie der Vernunft verdummt die Menschheit mehr als jede Religion. Solange wir uns ein Paradies vorstellen können, geht es uns immer noch besser, als wenn wir ausschließlich in der Wirklichkeit einer Zeitungsredaktion leben müssen. In ihr mögen wir die Überzeugung, daß der Mensch vom Affen abstammt, in Ehren halten. Aber um einen Wahn, der ein Kunstwerk ist, wär's schade.

 

Wenn ein Priester plötzlich erklärt, daß er nicht an das Paradies glaube und daß er diese Erklärung niemals widerrufen werde, dann ist die liberale Presse begeistert, deren Redakteure sich bekanntlich auch um keinen Preis ihre Überzeugung nehmen lassen. Aber würde nicht doch ein Verlegerpapst einen Angestellten sofort a divinis entheben, der sich's einfallen ließe, vor den Lesern zu bekennen, er glaube an das Paradies? Es ist der widerlichste Anblick, den die Neuzeit bietet: ein vernunftbesessener Priester von Preßkötern umbellt, denen er Adams Rippe zuwirft.

 

Es ist mir rätselhaft, wie ein Theolog gepriesen werden kann, weil er sich dazu durchgerungen habe, an die Dogmen nicht zu glauben. Wahre Anerkennung wie eine Heldentat schien mir immer die Leistung jener zu verdienen, die sich dazu durchgerungen haben, an die Dogmen zu glauben.

 

Wem glauben nicht mehr bedeutet als nichts wissen, der mag über die Dogmen demonstrativ den Kopf schütteln. Aber es ist jämmerlich, sich zu einem Standpunkt erst durchringen zu müssen, bei dem ein Hilfslehrer der Physik längst angelangt ist.

 

Die Modernisten sind die einzigen orthodoxen Katholiken, die es noch gibt. Sie glauben sogar, daß die Kirche an die Lehren glaubt, die sie verkündet, und glauben, daß es auf den Glauben derer ankomme, die ihn zu verbreiten haben.

 

Der Klerikalismus ist das Bekenntnis, daß der andere nicht religiös sei.

 

In Echternach im Luxemburgischen finden noch heute sogenannte Springprozessionen statt. Weil nämlich einst das Vieh von der Tanzkrankheit befallen war, gelobten die dortigen Bauern, anstatt der Tiere zu Ehren des heiligen Willibrord zu springen. Heute kennen weder Menschen noch Vieh mehr die Ursache der sonderbaren Zeremonie, aber jene bleiben ihr treu, und wenn sich die Macht der Gewohnheit weiter an den Echternachern bewährt, so wird vielleicht einmal wieder das Vieh es sein, das zu Ehren des heiligen Willibrord springt. Menschen sind es heute noch, an die fünf zehntausend, die um Pfingsten »drei Schritte vor, zwei Schritte zurück« springen. Die Geistlichkeit springt nicht mit, sondern schaut zu. Ganz befriedigt sie das Schauspiel nicht; denn sie sähe es noch lieber, wenn es zwei Schritte vor und drei zurückginge.

 

In Lourdes kann man geheilt werden. Welcher Zauber sollte aber von einem Nervenspezialisten ausgehen?

 

Der Psychiater verhält sich zum Psychologen wie der Astrolog zum Astronomen. In der psychiatrischen Wissenschaft hat das astrologische Moment seit jeher eine Rolle gespielt. Zuerst waren unsere Handlungen von der Stellung der Himmelskörper determiniert. Dann waren in unserer Brust unseres Schicksals Sterne. Dann kam die Vererbungstheorie. Und jetzt sind unsere Schicksalssterne an der Brust unserer Amme; denn ob sie dem Säugling gefiel, soll für das ganze Leben maßgebend sein. Die sexuellen Kindheitseindrücke machen wir für alles, was später geschah, verantwortlich. Es war verdienstvoll, mit dem Glauben aufzuräumen, daß die Sexualität erst nach der Maturitätsprüfung beginne. Aber man soll nichts übertreiben. Wenn auch die Zeiten vorbei sind, da die Wissenschaft die Enthaltsamkeit von Erkenntnissen übte, so sollte man sich darum nicht dem Genuß der Geschlechtsforschung hemmungslos hingeben. »Mein Vater«, höhnt Glosters Bastard, »ward mit meiner Mutter einig unterm Drachenschwanz und meine Geburtsstunde fiel unter ursa major, und so folgt denn, ich muß rauh und verbuhlt sein.« Und doch war es schöner, von Sonne, Mond und Sternen abzuhängen, als von den Schicksalsmächten des Intellektualismus!

 

Die alte Wissenschaft versagte dem Geschlechtstrieb bei Erwachsenen ihre Anerkennung. Die neue räumt ein, daß der Säugling beim Stuhlgang schon Wollust spüre. Die alte Auffassung war besser. Denn ihr widersprachen wenigstens bestimmte Aussagen der Beteiligten.

 

Die neuen Seelenforscher sagen, daß alles und jedes auf geschlechtliche Ursachen zurückzuführen sei. Zum Beispiel könnte man ihre Methode als Beichtvater-Erotik erklären.

 

Nervenärzten, die uns das Genie verpathologisieren, soll man mit dessen Gesamten Werken die Schädeldecke einschlagen. Nicht anders soll man mit den Vertretern der Humanität verfahren, die die Vivisektion der Meerschweinchen beklagen und die Benützung der Kunstwerke zu Versuchszwecken geschehen lassen. Allen, die sich zum Nachweis erbötig machen, daß Unsterblichkeit auf Paranoia zurückzuführen sei, allen rationalistischen Helfern des Normalmenschentums, die es darüber beruhigen, daß es zu Werken des Witzes und der Phantasie nicht inkliniere, trete man mit dem Schuhabsatz ins Gesicht, wo immer man ihrer habhaft wird. Shakespeare irrsinnig? Dann sinkt die Menschheit auf die Knie und fleht, vor ihrer Gesundheit bang, zum Schöpfer um mehr Irrsinn!

 

Nervenpathologie: Wenn einem nichts fehlt, so heilt man ihn am besten von diesem Zustand, indem man ihm sagt, welche Krankheit er hat.

 

Moderne Nervenärzte machen den Kranken zum Konsilarius. Er erhält ein Selbstbewußtsein des Unbewußten, das zwar erhebend, aber nicht eben aussichtsvoll ist. Anstatt ihn vom Herd des Übels zu jagen, wird er verhalten, sich daran zu rösten, statt Ablenkung wird eine Vertraulichkeit mit seinen Leiden, eine Art Symptomenstolz erzeugt, der den Kranken günstigsten Falls in den Stand setzt, an anderen seelische Kuren vorzunehmen, die von keinem besseren Erfolg begleitet sind. Alles in allem eine Methode, die augenscheinlich schneller einen Laien zum Sachverständigen, als einen Kranken gesund macht. Denn als Heilfaktor dient jene Selbstbeobachtung, welche eben die Krankheit ist. Aber sie ist kein Seelenserum.

 

Wie unperspektivisch die Medizin die Symptome einer Krankheit beschreibt! Sie passen immer auch zu den eingebildeten Leiden.

 

Der Momo ist ein unentbehrlicher pädagogischer Behelf im deutschen Familienleben. Erwachsene schreckt man damit, daß man ihnen droht, der Psychiater werde sie holen.

 

Die Irrsinnigen werden von den Psychiatern allemal daran erkannt, daß sie nach der Internierung ein aufgeregtes Benehmen zur Schau tragen.

 

Der Unterschied zwischen den Psychiatern und den anderen Geistesgestörten, das ist etwa das Verhältnis von konvexer und konkaver Narrheit.

 

Die Schriftgelehrten können noch immer nur von rechts nach links lesen: sie sehen das Leben als Nebel.

 

Die Wissenschaft überbrückt nicht die Abgründe des Denkens, sie steht bloß als Warnungstafel davor. Die Zuwiderhandelnden haben es sich selbst zuzuschreiben.

 

Wahnverpflichtet durchs Leben wanken — das könnte immer noch ein aufrechterer Gang sein als der eines Wissenden, der sich an den Abgründen entlang tastet.

 

Die Religion wird die gebundene Weltanschauung genannt. Aber sie ist im Weltenraum gebunden, und der Liberalismus ist frei im Bezirk.

 

Wenn in einer Stadt die Dummheit ausgebrochen ist, werde sie für verseucht erklärt. Dann darf aber auch kein Fall verheimlicht werden. Wie leicht kann es geschehen sein, daß ein Trottel in einem Haus ein- und ausgegangen ist, in dem Kinder sind. In solchen Zeiten empfiehlt sich Sperrung der Schulen, nicht, wie man meinen könnte, Eröffnung von Schulen.

 

Daß Bildung der Inbegriff dessen sei, was man vergessen hat, ist eine gute Erkenntnis. Darüber hinaus ist Bildung eine Krankheit und eine Last für die Umgebung des Gebildeten. Eine Gymnasialreform, die auf die Abschaffung der toten Sprachen mit der Begründung hinarbeitet, man brauche sie eben nicht fürs Leben, ist lächerlich. Erst wenn man sie fürs Leben brauchte, müßte man sie abschaffen. Sie helfen freilich nicht dazu, daß man sich einst in Rom oder Athen durch die Sehenswürdigkeiten durchfrage. Aber sie pflanzen in uns die Fähigkeit, uns diese vorzustellen. Die Schule dient nicht der Anhäufung praktischen Wissens. Aber Mathematik reinigt die Gehirnbahnen, und selbst wenn man Jahreszahlen büffeln muß, die man nach dem Austritt sogleich vergißt, so tut man nichts Unnützes. Verfehlt ist nur der Unterricht in der deutschen Sprache. Aber dafür lernt man sie durch das Lateinische, das noch diesen besonderen Wert hat. Wer gute deutsche Aufsätze macht, wird ein deutscher Kommis. Wer schlechte macht und dafür im Lateinischen besteht, wird vielleicht ein deutscher Schriftsteller. Was die Schule zu tun vermag, ist, daß sie jenen Dunst von den lebendigen Dingen schafft, dem sich eine Individualität entschält. Weiß einer noch nach Jahren, aus welchem klassischen Drama und aus welchem Akt ein Zitat stammt, so hat die Schule ihren Zweck verfehlt. Aber fühlt er, wo es stehen könnte, so ist er wahrhaft gebildet und die Schule hat ihren Zweck vollkommen erreicht.

 

Nicht der Stock war abzuschaffen, sondern der Lehrer, der ihn schlecht anwendet. Solche Gymnasialreform ist, wie alles humanitäre Flickwerk, ein Sieg über die Phantasie. Dieselben Lehrer, die bis nun nicht imstande waren, mit Hilfe des Katalogs zu einem Urteil zu gelangen, werden sich jetzt liebevoll in die Schülerindividualität versenken müssen. Die Humanität hat den Alpdruck der Furcht vor dem »Drankommen« beseitigt, aber das gefahrlose Schülerleben wird unerträglicher sein als das gefährliche. Zwischen »vorzüglich« und »ganz ungenügend« lag ein Spielraum für romantische Erlebnisse. Ich möchte den Schweiß um die Trophäen der Kindheit nicht von meiner Erinnerung wischen. Mit dem Stachel ist auch der Sporn dahin. Der Gymnasiast lebt ehrgeizlos wie ein lächelnder Weltweiser und tritt unvorbereitet in die Streberei des Lebens, die sein Charakter ehedem schadlos antizipiert hatte, wie der geimpfte Körper die Blattern. Er hatte alle Gefahren des Lebens bis zum Selbstmord verkostet. Anstatt daß man die Lehrer verjagt, die ihm das Spiel der Gefahren zum Ernst erwachsen ließen, wird der Ernst des geruhigen Lebens verordnet. Früher erlebten die Schüler die Schule, jetzt müssen sie sich von ihr bilden lassen. Mit den Schauern ist die Schönheit vertrieben und der junge Geist steht vor der Kalkwand eines protestantischen Himmels. Die Schülerselbstmorde, deren Motiv die Dummheit der Lehrer und Eltern war, werden aufhören, und als legitimes Selbstmordmotiv bleibt die Langeweile zurück.

 

Eine umfassende Bildung ist eine gut dotierte Apotheke; aber es besteht keine Sicherheit, daß nicht für Schnupfen Zyankali gereicht wird.

 

Wenn einer für universell gebildet gilt, hat er vielleicht noch eine große Chance im Leben: daß er es am Ende doch nicht ist.

 

Ja, gibt es denn keinen Schutz gegen den Druckfehler, der, sooft von einer stupiden Belesenheit gesprochen werden soll, eine stupende daraus macht?

 

In einen hohlen Kopf geht viel Wissen.

 

Die Bildung hängt an seinem Leib wie ein Kleid an einer Modellpuppe. Bestenfalls sind solche Gelehrte Probiermamsellen der Fortschrittsmode.

 

Männer der Wissenschaft! Man sagt ihr viele nach, aber die meisten mit Unrecht.

 

Der Wert der Bildung offenbart sich am deutlichsten, wenn die Gebildeten zu einem Problem, das außerhalb ihrer Bildungsdomäne liegt, das Wort ergreifen.

 

Ob Goethe oder Schiller bei den Deutschen populärer sei, ist ein alter Streit. Und doch hat Schiller mit dem Wort »Franz heißt die Kanaille« nicht entfernt jene tiefgreifende Wirkung geübt, die dem Satz, den Goethes Götz dem Hauptmann zurufen läßt, dank seiner allgemeinen Fassung beschieden war. Da seit Jahrzehnten kaum ein Gerichtstag vergeht, ohne daß der Bericht von dem Angeklagten zu sagen wüßte, er habe an den Kläger »die bekannte Aufforderung aus Goethes Götz gerichtet«, so ist es klar, daß Goethes Nachruhm bei den Deutschen fester gegründet ist. Wie das Volk seine Geister ehrt, geht aber nicht allein daraus hervor, daß es in Goethes Werken sofort die Stelle entdeckt hat, die der deutschen Zunge am schmackhaftesten dünkt, sondern daß heute keiner mehr so ungebildet ist, die Redensart zu gebrauchen, ohne sich dabei auf Goethe zu berufen.

 

Der deutsche Hochgedanke hat dank der Normalwäsche den Weg durch Einheit zur Unreinheit genommen.

 

Die Deutschen sitzen an der Tafel einer Kultur, bei der Prahlhans Küchenmeister ist.

 

Sei es Manufaktur, sei es Literatur, sei es Juristerei oder Musik, Medizin oder Bühne: vor der Allgewalt des Kommis gibt es in der Welt des heiligen Geistes kein Entrinnen.

 

Ursprünglich für den Kaufmannsstand bestimmt, widmete er sich später tatsächlich der Literatur.

 

Der neue Siegfried. An dem unermeßlichen Wandel der Vorstellung, die einst mit dem Namen verknüpft war, mag man die Überlegenheit seines heutigen Trägers erkennen. Seine Haut hat auch nicht eine Stelle, die nicht hörnen wäre, und den Weg zum goldnen Hort kennt er besser als der andere; denn er hat die Platzkenntnis.

 

Es kommt die Zeit, wo das goldene Vließ vom goldenen Kalb bezogen wird!

 

Und wenns einen Orden mit Nachsicht der Menschenrechte zu erlangen gälte, unsere Zeitgenossen liefen sich die Füße wund. Was sie zur Gesellschaft zusammenschließt, sind Bänder, und ihre Ausgeschlossenen sind Märtyrer, die kein Kreuz bekommen haben. Es ist das alte Lied der Dummheit, die sich noch sehen lassen möchte, wenn ihr in Anerkennung ihrer Verdienste um den Weltuntergang ein Stern auf den Kopf fiele.

 

Man träumt oft, daß man fliegen könne. Jetzt träumt es die Menschheit: aber sie spricht zu viel aus dem Schlaf.

 

Die Erde macht mobil, seitdem die Menschen die Eroberung der Luft versuchen.

 

Die Natur mahnt zur Besinnung über ein Leben, das auf Äußerlichkeiten gestellt ist. Eine kosmische Unzufriedenheit gibt sich allenthalben kund; Sommerschnee und Winterhitze demonstrieren gegen den Materialismus, der das Dasein zum Prokrustesbett macht, Krankheiten der Seele als Bauchweh behandelt und das Antlitz der Natur entstellen möchte, wo immer er ihrer Züge gewahr wird: an der Natur, am Weibe und am Künstler. Einer Welt, die ihren Untergang ertrüge, wenn ihr nur seine kinematographische Vorführung nicht versagt bleibt, kann man mit dem Unbegreiflichen nicht bange machen. Aber unsereins nimmt ein Erdbeben als Protest gegen die Errungenschaften des Fortschritts ohne weiteres hin und zweifelt keinen Augenblick an der Möglichkeit, daß ein Übermaß menschlicher Dummheit die Elemente empören könnte.

 

Nach dem Untergang Messinas: Es gewährt einige Beruhigung, dies Wüten der Natur gegen die Zivilisation als einen zahmen Widerspruch gegen die Verheerungen zu empfinden, die diese in der Natur angerichtet hat. Was hat sie aus den Wäldern, was hat sie aus den Weibern gemacht! Durch eine grandiose Huldigung ließe sich die Natur versöhnen, durch ein Opferfest des Wohltuns zum wohltätigen Zweck. Christliche Liebe vergesse, christlich zu sein! Heran die Samariterinnen! Heran die Samariter! Alle, die heute bloß mit Unlust spenden, heran! Man kann an einem Tage Völker ersetzen Man kann an einem Tage Reichtümer sammeln und Städte erbauen. Ein Tag zur Feier des Lebens in der ganzen Welt, die eine Totenklage erfüllt!

 

Die Aufgabe der Religion: die Menschheit zu trösten, die zum Galgen geht; die Aufgabe der Politik: sie lebensüberdrüssig zu machen; die Aufgabe der Humanität: ihr die Galgenfrist abzukürzen und gleich die Henkermahlzeit zu vergiften.


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